Rendite mit der Pflege – auf dem Rücken von Bedürftigen, Beitrags- und Steuerzahlern

Altenpflege als profitorientiertes Geschäftsmodell? Das passt nicht zum Selbstverständnis der Berufsgruppe und ist selbst bürgerlichen Politikern unheimlich. Grafik: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)

In der Altenpflege fehlt Personal. Dennoch lockt die Branche Investoren mit hohen Renditen. Bezahlen müssen dafür die Alten und ihre Familien

Die Pflegebranche steht vor einem großen Problem: Ihr fehlt Personal. Der Deutsche Pflegerat bezifferte jetzt auf dem Deutschen Pflegetag 2021 den Mangel: 200.000 Pflegekräfte fehlen aktuell in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen - Tendenz steigend. Denn auch die Zahl derer, die auf Pflege angewiesen sind, steigt weiter. Der Pflegerat geht davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von aktuell 4,1 Millionen auf 5,1 Millionen im Jahr 2030 steigen wird - den Personalmangel prognostizierte er auf rund 500.000 unbesetzte Stellen.

Das stimmt mit einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahre 2018 überein. Vor allem für die Altenpflege könnte der Pflegenotstand demnach auch in Zukunft zu einem Dauerproblem werden. Damals schon gab es wesentlich mehr offene Stellen als Bewerber; auf 100 ausgeschriebenen Stellen kamen demnach nur 22 Bewerber. Und bis zum Jahr 2035 werde die Personallücke noch größer, schrieb das IW.

Wie der Pflegerat Fachkräfte im Beruf halten und zurückholen will

Christine Vogler, Vorsitzende des Pflegerates, beschrieb das Problem am Mittwoch mit drastischen Worten: "Der Pflegepersonalmangel kommt aus meiner Sicht für die Gesellschaft gleich nach der Klimakatastrophe". Damit sich mehr Menschen für den Pflegeberuf entscheiden, schlägt der Deutsche Pflegerat nun ein Einstiegsgehalt von 4.000 Euro brutto im Monat für Pflegefachkräfte aller Bereiche vor.

Das sei einer "der ersten elementaren Schritte", erklärte Vogler und verwies dabei auf die Belastung und die Verantwortung im Pflegeberuf. Mehr Lohn bedeute zudem einen besseren Zulauf und bessere Chancen auf den Verbleib eines Großteils der Pflegekräfte im Beruf. So bestehe auch die Chance, mehr Menschen zur Rückkehr in den Beruf zu bewegen.

Der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich nicht abgeneigt von der Forderung. Auf dem Pflegetag sagte er, da könne er "mitgehen in der Perspektive", verwies aber auf die Verantwortung der Tarifpartner. Es müsse auch eine ehrliche Debatte geführt werden, so Spahn. Mehr Personal und bessere Bezahlung zu verlangen und dann die Kosten zu beklagen, "das passt noch nicht so ganz zusammen".

Je nach Region und Arbeitsbereich sind die Löhne in der Pflegebranche derzeit unterschiedlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts bekamen Krankenpfleger im vergangenen Jahr im Schnitt 3.578 Euro brutto im Monat. Bei Fachkräften in Pflegeheimen waren es durchschnittlich 3.363 Euro, in Altenheimen 3.291 Euro. Die Unterschiede seien unter anderem darauf zurückzuführen, dass in der Krankenpflege oftmals Tariflöhne gezahlt würden.

Wie nicht anders zu erwarten war, lobte Spahn seine Arbeit als Gesundheitsminister selbst. Bei der Pflege habe man in den vergangenen Jahren "ziemlich viel angepackt", sagte er. Dabei verwies auf neu entstandene Stellen, eine bessere Bezahlung durch die Mindestlöhne in der Altenpflege und die Reform in der Ausbildung. Die Zahl der Auszubildenden seien so hoch wie nie zuvor.

Bislang hohe Abbrecherquote

Im Sommer hatte die Bundesregierung erklärt, im Jahr 2020 hätten mehr als 57.000 Menschen mit der Pflegeausbildung begonnen. Ein Anstieg von 13,5 Prozent, der sich sehen lassen könnte - wenn da nicht die überdurchschnittlich hohe Abbrecherquote wäre. Rund 30 Prozent der Auszubildenden in Pflegeberufen brechen vorzeitig ab, was branchenübergreifend einer der höchsten Werte ist. Die Gründe dafür sind vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen, kaum Zeit für gezielte Ausbildung und eine hohe emotionale Belastung.

Pflegeschüler würden oft so eingesetzt, als wären sie bereits voll ausgebildet, sagte Anfang des Jahres Franz Wagner, Präsidiumsmitglied der Bundespflegekammer. Das dürfe nicht sein. "Wir vergraulen sonst unsere Zukunft, indem wir sie heillos überfordern."

Neu ist das Problem freilich nicht. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hatte schon vor Einführung der generalistischen Ausbildung vor einer hohen Abbrecherquote gewarnt. Den Grund sah die Gewerkschaft in der Reform der Pflegeausbildung. Sie warnte unter anderem vor einem verschärften Prüfungsdruck, dem die Auszubildenden ausgesetzt seien.

Hoher Eigenanteil für Betroffene und Angehörige

Wenn Spahn höhere Löhne für höhere Pflegekosten verantwortlich macht, dann ist das auch nur die halbe Wahrheit; die Gehälter sind nur ein Teil der gesamten Pflegekosten. Der Eigenanteil der Pflegebedürftigen, als die Summe, die nicht von der Pflegekasse getragen wird, beläuft sich im bundesweiten Durchschnitt auf mehr als 2.000 Euro im Monat.

Für einen Platz im Pflegeheim werden fällig: der "einrichtungseinheitliche Eigenanteil", mit dem Leistungen der pflegerischen Versorgung finanziert werden, deren Kosten nicht aus der Pflegeversicherung gedeckt sind. Hinzu kommen die Kosten für "Unterkunft und Verpflegung" sowie die "Investitionskosten" der jeweiligen Einrichtung. Für diese beiden Posten fließt nichts aus der Pflegekasse, und sie müssen deshalb vollständig von den Pflegebedürftigen über deren Eigenanteil finanziert werden.

Gerade die Kosten für die Unterkünfte sind Einfallstor für Investoren, auf der Suche nach hohen Profiten. Spahn selbst hatte vor Jahren gewarnt. 2018 warf er Pflegeheimbetreibern vor, ihr Gewinnstreben auf Kosten des Pflegepersonals und der Pflegebedürftigen zu übertreiben. Ein "kapitalmarktgetriebenes Fokussieren auf zweistellige Renditeerwartungen" sei nicht angemessen, hatte er damals gesagt.

Schon damals war ein Großteil der Altenheime in privater Trägerschaft, oft gehörten sie zu börsennotierten Immobiliengesellschaften, die auf Gesundheits- und Sozialimmobilien spezialisiert sind. Und die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis hatte damals gewarnt: "Die Jagd nach Rendite führt am Ende dazu, dass die Belastungen für die Versicherten und die Pflegebedürftigen immer weiter steigen". Und weil sich immer weniger Betroffene die wachsenden Eigenanteile leisten könnten, kletterten automatisch auch die Ausgaben für die Sozialhilfe. Die Renditeerwartungen der Investoren würden durch die Beitrags- und Steuerzahler erfüllt, so Mattheis damals.

Die Altenpflege ist für Investoren noch immer interessant, wie aus einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) hervorgeht. Einerseits können Investoren demnach von einer stetig wachsenden Nachfrage nach Seniorenimmobilien rechnen - und das ganz ohne konjunkturelle Schwankungen fürchten zu müssen; denn Markttreiber ist in erster Linie die demografische Entwicklung in Deutschland. Im Jahr 2060 könnten demnach mehr als 27 Prozent der Menschen in Deutschland über 67 Jahre alt sein.

"Seniorenimmobilien sind langfristig attraktive Investitionsgüter und Investoren erwartet daher auch bei Pflegeheimen mittlerweile eine Spitzen-Nettoanfangsrendite von 4,0 Prozent", sagte Dirk Henning, Experte für Immobilienbewertung bei PwC. Es sei davon auszugehen, dass die Preise für Altenheime in Zukunft steigen werden, heißt es in der Studie, und mit der zu erwartenden Rendite werfen sie mehr Ertrag ab als zum Beispiel Bürogebäude. Besonders lukrativ ist demnach Ostdeutschland.

Dass in den nächsten Jahren noch mehr private Investoren in die Pflege drängen, sollte eine Warnung sein, wie eine Recherche von Investigate Europa nahelegt. Dort, wo die Heime gut geführt werden, verwenden die Betreiber rund 70 Prozent der Einnahmen für das Personal.

Dagegen würden marktführende Konzerne wie Orpea und Korian nur zwischen 50 und 55 Prozent dafür veranschlagen. Das sei nur möglich, wenn nicht nach Tarif gezahlt werde und die Fachkraftquote auf dem untersten vorgeschriebenen Niveau gehalten werde. Überarbeitete Pflegekräfte und vernachlässigte Heimbewohner dürften also auch in Zukunft zum Alltag von Altenheimen gehören. (Bernd Müller)