Reproduktionszahl (R) seit zwei Wochen im Ausbreitungsmodus

Von Sars-CoV-2 befallene Zellen. Bild: NIAID/CC BY-2.0

Keinen Bock mehr auf Coronazahlen? - Teil 2

Im ersten Teil von "Keinen Bock mehr auf Coronazahlen?" ging es unter anderem um die Zuverlässigkeit verschiedener RKI-Zahlen. Weil dieses Thema infolge des nunmehr zweiwöchigen Verharrens der Reproduktionszahl (R) oberhalb von "1" unerwartete Brisanz gewonnen hat, hier noch ein kleiner Nachschlag.

Die Reproduktionszahl, die vom RKI mit viel Aufwand ermittelt wird, ist eine zentrale Größe, um Trends im Infektionsgeschehen sichtbar zu machen. Liegt R unterhalb "1" geht Covid-19 zurück; oberhalb "1" breitet sich das Virus aus. Aktuell scheint eine fast viermonatige Entspannungsphase, kurz unterbrochen vom Tönnies-Cluster, ihr vorläufiges Ende gefunden zu haben, und die R-Werte pendeln um 1,18: Jeder Infizierte gibt das Virus Cov-2 durchschnittlich an 1,18 Menschen weiter.

Eine einigermaßen konstante Reproduktionszahl verursacht exponentielles Wachstum, und entsprechend wuchs die Zahl der Neuinfektionen im Durchschnitt den letzten drei Wochen täglich um etwa 3,5%. Für den August lässt dies etwa 50.000 Neuinfektionen erwarten (im Juli gab es etwa 15.000 Neuinfektionen). Solche sehr groben Hochrechnungen erwiesen sich in der Vergangenheit häufig als Kaffeesatzleserei, aber wir können davon ausgehen, dass im RKI ähnliche Szenarien durchgespielt werden, und beim Stichwort "exponentielles Wachstum" mit Hinblick auf den Herbst alle Alarmglocken läuten. Wenn sich keine Trendwende einstellt und der Politikbetrieb demnächst aus dem Sommerpausen-Modus erwacht, ist in naher Zukunft mit einem erweiterten Maßnahmenkatalog sowie den entsprechenden Gegenreaktionen zu rechnen.

Derzeit keine Datenbasis für die ganz große Welle

Niemand kann ausschließen, dass wir gerade den Beginn einer längeren Anstiegsphase erleben. Spekulationen, die von der ganz großen Welle mit weiterem R-Wert-Anstieg ausgehen, finden derzeit jedoch keine Datenbasis.

Die aktuelle Entwicklung zeigt einen gleichbleibenden R-Wert etwas oberhalb von "1". Das hat für einzelne Risikopatienten ggf. dramatische Folgen, ist aber bis auf weiteres keine ernste Bedrohung für das deutsche Gesundheitssystem und die medizinische Versorgung.

Testausweitung nicht für R-Anstieg verantwortlich

Oder ist alles doch ganz anders und die besorgniserregenden Zahlen sind harmlose Papiertiger, weil der aktuelle R-Anstieg insbesondere der ansteigenden Testhäufigkeit geschuldet ist? Das Testgeschehen hat in den vergangenen Monaten tatsächlich für erhebliche Verzerrungen gesorgt. Auf die jetzige Situation wirkt sich das jedoch kaum aus, denn der Anteil an Positivtests ist derzeit relativ konstant.

Falsch-Positive als mögliche Fehlerquelle der R-Berechnung

Eine weitere potentielle Fehlerquelle, die bereits im Forum des ersten Artikels für Diskussionen sorgte, steht jedoch immer noch im Raum, und selbst Gesundheitsminister Spahn hat es angesprochen: "Dadurch, dass wir […] die Zahlen so runtergebracht haben, haben wir im Moment eine Positiv-Testung von unter einem Prozent [...]. Und wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen […] zu viele Falsch-Positive haben. Weil die Tests ja nicht 100 Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben auch eine Fehlerquote haben."

In meinem Artikel hieß es: "Wie kann ein veröffentlichtes Testergebnis von aktuell 0,6% Positiven bei erwarteten 1,4% - 2,2% Falsch-Positiven die Echt-Positiven herausfiltern? Vielleicht gibt es auf diese Frage eine labortechnische Antwort, aber eine klärende Stellungnahme des RKI wäre hilfreich."1

Keine einheitlichen Teststandards in Deutschland

Dass die Fehlerquote unterschiedlicher PCR-Tests (die veröffentlichten RKI-Zahlen beruhen weitestgehend auf PCR-Tests, nicht auf Antikörpertests) kritisch diskutiert wird, ist für einen Labortest selbstverständlich. Aber zur Optimierung von Covid-19-Diagnosen gibt es tatsächlich eine einfache labortechnische Möglichkeit, die die Falsch-Positiven-Rate zumindest stark senkt: Man macht einen Doppeltest, bei dem PCR-Nachweise an mindestens zwei Stellen des SARS-CoV-2 Genoms geführt werden (Dual Target Test).

Entscheidend ist jedoch, ob ein solcher Doppeltest zwingend vorgeschrieben ist, bzw. konsequent zur Anwendung kommt. Genau dies scheint nicht der Fall zu sein. Auf meine Anfragen hat das RKI bislang nicht geantwortet, aber es gibt konkrete Beschwerden aus der Praxis, die eine einheitliche Doppeltestung fordern: "Es kann nicht sein, dass in anderen Landkreisen die Ergebnisse des einfachen Tests akzeptiert werden (...). Daher brauchen wir ein bundesweit einheitliches Vorgehen." Eine andere Quelle berichtet: "Die Nachfrage bei einigen Laboratorien habe zudem ergeben, dass sie nur auf einer Genregion testen."