Retraumatisierung und Hypervigilanzsymptome

Interview mit Dr. Markos Maragkos zu Posttraumatischen Belastungsstörungen

Wann spricht man von einem Trauma, wodurch kann es auslöst werden und welche Störungen können die Betroffenen entwickeln? Wir befragten Dr. Markos Maragkos, Mitarbeiter am Department für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, zu den möglichen Folgen traumatischer Erlebnisse.

Herr Dr. Maragkos, was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung - wie entsteht sie und was für Symptome können auftreten?
Dr. Maragkos: Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine psychische Auffälligkeit, eine psychische Störung die auftreten kann, nachdem ein Mensch etwas Außergewöhnliches erlebt hat, etwas, was mit drohendem Tod oder ernsthafter Verletzung der eigenen oder einer fremden Person einher ging. Das heißt, um eine PTBS diagnostiziert zu bekommen, muss ein Betroffener etwas Massives, Gravierendes erlebt haben, wie zum Beispiel bei einen massiven Autounfall, bei dem beispielsweise Menschen umgekommen sind, bei einer Flutkatastrophe wie zum Beispiel dem Tsunami vor zwei Jahren, eine Vergewaltigung, Folter, Krieg, etc. - wenn der Tod gedroht hat oder wenn es zu einer ernsthaften Verletzung gekommen ist. Ich betone das deshalb, weil heutzutage der Begriff gerne sehr inflationär gebraucht wird. Es wird dann von einem Trauma gesprochen, wenn etwas passiert ist, was die Kriterien einer PTBS einfach nicht erfüllt.
Die Symptome werden unterteilt in drei Cluster: Der erste Cluster ist Wiedererleben, der zweite Cluster ist Vermeidung und der dritte Cluster ist die körperliche Übererregung. Wiedererleben bedeutet, dass die Person nach einem traumatischen Ereignis nicht aufhören können, das Ereignis oder Teile dessen wiederzuerleben, wie zum Beispiel nach einem Autounfall, den geamten Unfallhergang oder Teile dessen (z.B. die Bremsleuchten) vor meinem geistigen Auge zu sehen. Ich erschrecke, ich träume davon, ich muss immer wieder daran denken. Wohlgemerkt: ich muss immer wieder daran denken, nicht "ich will." Vermeidung bedeutet, dass nach einem traumatischen Ereignis die Person entweder das ganze traumatische Ereignis oder Teile dessen vermeiden möchte. Klassisches Beispiel bei einem Autounfall: Ich vermeide das Autofahren insgesamt oder ich vermeide es, wenn ich mit dem Auto fahre, den Ort zu passieren, an dem der Unfall passiert ist. Viele Kinder haben zum Beispiel nach dem Tsunami vermieden, ein Bad zu nehmen, also in die Badewanne zu steigen, weil das Wasser ein Triggerreiz war.
Die erhöhte körperliche Erregung beinhaltet Symptome wie Schlafschwierigkeiten, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Reizbarkeit und das Phänomen der "Hypervigilanz", das bedeutet, dass die Person zum Beispiel bestimmte Geräusche oder Geräusche generell viel lauter wahrnimmt, als sie tatsächlich sind. All das zusammen macht das Störungsbild der so genannten "Posttraumatischen Belastungsstörung" aus. Wenn die Symptome innerhalb des ersten Monats nach dem belastenden Ereignis auftreten, spricht man von einer Akuten Belastungsstörung, wenn die Symptome darüber hinaus, also nach einem Monat, verbleiben, dann erst spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung.
Einer Studie von Naomi Breslau zufolge 1 liegt das Risiko, dass eine Person nach einem Attentat eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt bei 18 %. Wie hoch liegt Ihrer Ansicht nach das Risiko, wenn ein Attentat bleibende körperliche Schäden hervorgerufen hat?
Dr. Maragkos: Also es ist so, dass man mit diesen Zahlen immer sehr vorsichtig sein muss. Laut Studienlage ist es im Moment so, dass wenn ein Mensch nach einem traumatischen Ereignis innerhalb von drei Wochen keine Symptome entwickelt, er eine gute Wahrscheinlichkeit hat, keine PTBS zu entwickeln. Auf der anderen Seite sagen die Studien, wenn ein Mensch eine Akute Belastungsstörung hat, also die ersten vier Wochen nach dem Ereignis, dann liegt auch eine hohe Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer Posttraumatische Belastungsstörung vor. Die Zahlen sind unterschiedlich, je nach dem, wie man diese erfasst hat, wen man gefragt hat und wie die traumatischen Ereignissen waren.
Es ist auf jeden Fall so, dass es einen objektiven Part gibt, also das Ereignis an sich und einen subjektiven Part, das heißt wie ich das Ereignis erlebe. Wenn ich das Ereignis als sehr belastend erlebe, also ich direkt betroffen bin und ich jetzt ein ganz anderes Leben als vorher führen werde oder muss, dann erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit eine PTBS zu entwickeln. Sehr salopp formuliert könnte man sagen: Zwei Menschen erleben das gleiche Ereignis, einer ist betroffen und denkt sich "Glimpflich davon gekommen", der zweite ist betroffen und sagt: "Oh Gott, ich bin knapp mit dem Leben davon gekommen und in der Folge ist mein Leben gefährdet." Ersterer entwickelt keine PTBS, letzterer entwickelt womöglich eine PTBS, das heißt er bleibt mit seinen Gedanken an dem Ereignis "hängen".
Deswegen muss man sich bei diesen Zahlen - 18%, 20%, 30% - immer genau ansehen wer untersucht wurde und wie man die Untersuchung durchgeführt hat. Was man sagen kann ist: wenn man nach einem Ereignis eine Akute Belastungsstörung (ABS) entwickelt hat, dann besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit danach eine PTBS zu entwickeln.
Kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung auf die Fähigkeit auswirken Gefahrensituationen richtig einzuschätzen und angemessen auf solche zu reagieren?
Dr. Maragkos: Das kann sie auf jeden Fall, weil bei den Menschen, die eine PTBS entwickelt haben, die Antennen für Gefahr weit ausgefahren sind. Das heißt, selbst das Zuknallen einer Tür wird als potentieller Reiz für den Beginn einer erneuten Traumatisierung missdeutet. Das ist sozusagen der Hauptgrund warum es zu den Hypervigilanzsymptomen kommt, der erhöhten Schreckhaftigkeit, die ich eben erwähnt habe. Das heißt, der Mensch ist nach einem Trauma in einem Alarmzustand, nicht der Mensch, der im 21. Jahrhundert lebt, sondern der Organismus an sich, der nach einem traumatischen Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes "tierisch" reagiert.
Die Einschätzung einer Gefahr, wenn der Mensch quasi innerhalb einer PTBS lebt, ist anders als die Einschätzung der gleichen Gefahr eines Menschen ohne PTBS. Die Wahrscheinlichkeit der Missdeutung potentieller Gefahrenreize ist um einiges höher. Er nimmt auch traumarelevante Reize viel besser wahr, als ein nicht traumatisierter Mensch. Es ist ganz einfach: Wenn Sie - Gott behüte - auf dem Weg zur Arbeit heute einen Autounfall hatten und Sie hören nebenbei Radio und sie hören dreimal "Autounfall" reagieren sie anders, als Sie gestern reagiert hätten, wo Sie keinen Unfall erlebt haben.
Eine Retraumatisierung benötigt also keine Wiederholung des Ereignisses, sondern kann schon durch die Konfrontation mit einer abstrakten Gefahr oder Vorstellung einer Gefahr ausgelöst werden?
Dr. Maragkos: Wenn die Gefahr ausreichend groß ist, also wenn ich traumatisiert bin, aufgrund einer Vergewaltigung zum Beispiel, und zwei Tage später droht eine Wiederholung - ohne dass es zu einer tatsächlichen Vergewaltigung kommt - dann kann das retraumatsierend sein. Es kann aber auch sein, dass ich als Opfer einer Gewalttat während der Gerichtsverhandlung vom Staatsanwalt unter starkem Druck gestellt werden - nach dem Motto: "das stimmt doch gar nicht was Sie da erlebt haben und Sie wollten doch mit ihm schlafen..." - dann kann es auch zu einer Retraumatisierung kommen. (Peter Mühlbauer)