Rette sich wer kann vor den Humorzwergen des Fernsehens!

Die Welt zu Gast bei Bert, dem Puffbesitzer

Nein, Fußball ist nicht lustig. Fußball ist eine todernste Angelegenheit. Und Humor wird dabei höchstens mal unfreiwillig produziert von Fußball-Kickern und TV-Moderatoren, die über große Dinge gern gelassen dämlich parlieren: „Wenn der Trainer anderer Meinung ist, dann ist man unterschiedlicher Meinung.“ (Michael Ballack)

Doch ganz schlimm wird es, wenn das Fernsehen die derzeitige WM-TV-Dauerübertragung mit lustig gemeinten Sendungen zwischendurch mal kurz auflockern will, dann gibt's als Zuschauer nur noch eins: Rette sich wer kann vor dem ZDF-Lachsack Ingolf Lück, dem bajuwarischen Gute-Laune-Menschen Waldi Hartmann oder dem Berufs-Girlie Sarah Kuttner, die ebenfalls in der ARD kurze Filmchen zeigt, in denen sie ganz normale Leute an der Wohnungstür mit Fragen überrascht wie: „Kann ich bei Ihnen im Stehen pullern?“

Am allerschlimmsten ist die Runde „Ingolf Lück und die fünf Humorzwerge“, die im ZDF komischerweise unter dem Titel „Nachgetreten!“ läuft und in der so genannte Comedians spätnachts den Spieltag kommentieren - auf einem Niveau, das fürwahr nicht mehr zu unterbieten ist. Aber auch „Waldis WM-Club“ in der ARD ist eine einzige „No-Laugh-Area“, also eine humorfreie Zone. Und wenn da nicht ab und zu der Harald Schmidt auftreten würde, dann würde man sich bestimmt fragen: Seit wann moderiert denn unser aller Waldi im DSF die sonntägliche „Krombacher Runde“? Aber selbst Schmidt („Ich habe zu allem eine Meinung.“) kann diese spätabendliche Sendung nicht humorvoll auflockern, nein, er wirkt dort zwischen Expertenprofidarstellern wie Paul Breitner so fehl am Platz, dass es fast schon wehtut.

Verirrt man sich nach dem Tageskick mal auf PRO7, eigentlich eine der wenigen fußballfreien Zonen des Fernsehens, dann heißt es dort plötzlich: „WM for the girls.“ Und schon wird man angegrinst von Stefan Raab, der seine Sendung „TV total“ kurzerhand in „WM total“ umgetauft hat. Versprochen wird „die umfassendste Fußballshow im deutschen Fernsehen: keine Spiele, keine Tore“. Und dennoch bleibt Raab eben Raab. Ein Showmaster also, der am lautesten über seine eigenen Witze lacht und in seiner Show ein paar doofe sowie ein paar nette Gags präsentiert.

Auf Raab folgt auf demselben Kanal kurz nach Mitternacht unweigerlich der junge Herr Pocher mit der Sendung „Pocher zu Gast in Deutschland“. Das Konzept dieser 30-minütigen Live-Show ist relativ simpel: Während der WM schaut sich der 28-Jährige an interessanten „Locations“ (PRO7) die Spiele an. Zum Auftakt war er also bei der Feuerwehr in Siegburg, danach besuchte er ein Hotel und nach dem Spiel England gegen Trinidad ging es sogar ab in ein Düsseldorfer Bordell – natürlich nur zum Fußballgucken.

An diesem fürs Fernsehen früher ungewöhnlichen Ort plauderte Oliver Pocher recht brav mit „Bert, dem Puffbesitzer“, der übrigens begeistert war von dem „unglaublichen Zulauf“ in sein Etablissement. Motto: Die Welt zu Gast bei Bert, dem Puffbesitzer. Und danach scherzte Deutschlands größtes Plaudertaschentalent mit den Damen, die ihre WM-Besucher wohl nicht nur herzlich begrüßen. Zwischendurch wurden ein paar kleine schlüpfrige Filmchen gezeigt, in denen beispielsweise Pocher als Poldi einen Beckenbauer-Imitator naiv fragte, was denn ein Bordell sei. Antwort: „Man geht hin zum Einlochen.“

Kurzum: Eine Show, die weder nett noch richtig doof, sondern die leider so harmlos ist, dass man sich am Morgen danach an sie gar nicht mehr erinnern kann. Aber eins blieb dennoch hängen: Ein Live-Quiz, bei dem Pocher einen ungewöhnlichen Gewinn versprach. Und wie sah der wohl aus? Richtig! Der Gewinner wurde mit einem kostenlosen Besuch bei Bert, dem Puffbesitzer, beglückt. Nach diesem späten medialen Höhepunkt gab es dann nur noch eins: Gute Nacht, Deutschland!

Den einzigen humoristischen Lichtblick liefert während der WM ausgerechnet Spiegel-Online, wo Carsten van Ryssen unter dem Titel Zu Gast bei Verrückten! in seiner täglichen Video-Kolumne herrlichen Nonsens verzapft. - Kurzum: Wir haben bei der WM trotz unseres erfolgreichen Polen-Feldzuges nicht nur ein schlimmes Abwehrproblem, sondern im Fernsehen ein noch viel schlimmeres Problem mit dem Humor. (Ernst Corinth)