Rettet die Parasiten!

Eine Zecke: Der Gemeine Holzbock ist ein Parasit des Menschen. Bild: Richard Bartz/CC BY-SA-2.5

Wissenschaftler fordern auch einen Schutz der Parasiten, deren Überleben durch den Klimawandel und das Massenaussterben bedroht ist

Das ist natürlich schwer zu verdauen. Mitten in der Covid-19-Pandemie, in der ein mutierter Virus sich den Menschen als Wirt erwählt hat, fordern Wissenschaftler dazu auf, nicht nur die üblichen Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, sondern auch die Parasiten zu schützen. Also ausgerechnet die Arten, die von der Ausbeutung von ihren Wirten leben. Parasiten werden auch politisch etwa von Nazis oder anderen Rassisten Menschen genannt, die man ausmerzen kann oder soll, weil sie angeblich den "Volkskörper" befallen und schwächen.

Weil Parasiten angewiesen sind auf andere Lebewesen, haben sie einen schlechten Ruf, auch wenn man alle Tiere auch als Parasiten der Pflanzen bezeichnen könnte. Aber sie haben, worauf Wissenschaftler hinweisen, eine wichtige ökologische Funktion. Die ist für bestimmte Arten nicht unbedingt vorteilhaft, sichere aber das ökologische Gleichgewicht, indem sie die Reproduktion und Verbreitung von Arten bremsen.

Es könnte das erste Mal sein, dass Wissenschaftler nun fordern, dass auch das Überleben von Parasiten gesichert werden müsse, die mit dem Klimawandel und dem Artensterben ebenfalls auszusterben drohen, wenn es ihre Wirte nicht mehr gibt. Dabei geht es den Wissenschaftlern nicht wirklich darum, die Parasiten als solche zu schützen, sondern sie deswegen zu bewahren, um ihre ökologische Funktion zu bewahren.

Geht es also darum, nicht Sars-CoV-2 auszumerzen, sondern am Leben zu erhalten? Zumal das Virus bereits auf Menschen übergesprungen sein könnte, weil die traditionellen Wirte wie Fledermäuse rar werden. Aber den Wissenschaftlern geht es um Metazoen, um vielzellige Parasiten, so dass die Einzeller weiter zum Abschuss freigegeben sind.

Trotzdem fordern sie dazu auf, das Bild zu verändern, das wir vom Leben haben, zumindest ein wenig, da sie den Schutz nicht auf Parasiten ausdehnen wollen, die ihre Wirte bedrohen. Ich hatte mich daran schon vor mehr als 20 Jahren versucht (Lob der Parasiten). Die Wissenschaftler sagen, man müsse die Perspektive weg von der bislang ausschließlichen Sichtweise auf die Schädigungen auch auf die Vorteile richten.

"Wir wissen nichts über sie. Wir kennen nicht einmal ihre Namen"

Normalerweise gehen wir davon aus, dass es primäre Arten gibt, die von sekundären, davon abhängigen Arten ausgebeutet werden. Aber Parasiten stellen etwa 40 Prozent aller Arten - und sie sind wahrscheinlich entscheidend für die Entwicklung des Lebens gewesen. Zellen sind Lebensgemeinschaften, die durch die Aufnahme von Parasiten, die zu Endosymbionten wurden, entstanden sind. Interessant ist auch, dass bei einer frühen Simulation Künstlichen Lebens, in der sich digitales "Leben" durch natürliche Selektion entwickelt, sehr schnell Parasiten entstanden sind, was zu Wettrüsten, aber auch zu Kooperationen geführt hat (Netlife - das Schaffen eines Dschungels im Internet, Tierra - Der Verlust der Kontrole).

Bekannt sind wahrscheinlich nur 10 Prozent der Parasiten, wenn überhaupt. "Wir wissen nichts über sie. Wir kennen nicht einmal ihre Namen. Und wir wissen definitiv nicht, was sie in den Ökosystemen machen", sagt der Ökologe Skylar Hopkins von der North Carolina State University. Das Wissenschaftlerteam erklärt, dass es Parasiten in jedem Ökosystem gebe: Sie seien eine der "ökologisch wichtigsten Tiere der Erde" mit einer hohen Artenvielfalt und vielen evolutionären Tricks, aber sie seien am wenigsten von Naturschutzmaßnahmen geschützt, obgleich die meisten nicht für anderes Leben gefährlich seien.

Aber sollten nicht erst einmal die Lebewesen der ersten Ordnung erhalten werden, die ja auch mit hoher Geschwindigkeit verschwinden, so dass schon länger die Rede ist von einem von Menschen verursachten Massenaussterben? Aber auch wenn aussterbende Arten in Zoos erhalten werden, gefährdet deren verändertes Ökosystem in der Gefangenschaft ihre Parasiten .Geschützt werden aber in der Regel sowieso nur charismatische Tiere, die Menschen ansprechen, aber kleine, "hässliche", lästige oder gefährliche Lebewesen bleiben außen vor. Parasiten werden massenmörderisch mit "Pestiziden" ausgemerzt, als störendes oder lebensunwertes Leben. Die Wissenschaftler sagen, dass wir viel zu wenig über die meisten Parasiten wissen.

Vorgeschlagen wird ein 12-Punkte-Plan zur Bewahrung des parasitären, vielzelligen Lebens, das die Wissenschaftler für wertvoll halten. Zugleich ist es ein Programm, das Wissenschaftlern ein neues Arbeitsgebiet erschließt. So müsste mindesten die Hälfte der Parasiten wissenschaftlich beschrieben und deren Gendaten gesammelt, deren Aussterben beobachtet und sie auf Rote Listen gesetzt werden, man müsse eine öffentliche Wahrnehmung auf das Thema schaffen und es auch in die Schulbildung einbringen. Letztlich ginge es darum, rechtlich das Überleben von Parasiten zu schützen. (Florian Rötzer)