Reuse, Remix, Mashup - also: Plagiieren erlaubt!

Der Hype um freie Lizenzen könnte für die Textkultur fatale Folgen haben - Teil V zum Google-Copy-Paste-Syndrom

Aktuelle Plagiatsfälle in der Wissenschaft – und insbesondere Fälle von problematischem Web-Sampling – verweisen auf eine Reibung zweier Denkrichtungen: Hier die der Printlogik verhaftete wissenschaftliche Referenzkultur, die nur Zitat oder Verweis kennt, und da die freien Lizenzen der Netzkultur, die Autorennennung und Bearbeitung von Inhalten auf neue Art definieren. Wissenschaftler, Autoren, alle anderen "Textarbeiter" und Content-Produzenten im weiteren Sinn sollten sich langsam fragen: Erweisen freie Lizenzen der Textproduktion tatsächlich einen guten Dienst?

In der Wissenschaft gilt jeder Text, jedes Bild und jedes empirische Datum, das von jemand anderem stammt und nicht (oder auch nicht ausreichend) zitiert wird, als Plagiat. Werden bereits existierende Texte bearbeitet, also etwa zusammengefasst oder erweitert, werden Systematiken oder Abbildungen ergänzt oder anderswie modifiziert, ist zumindest ein "Vergleiche" (Vgl.) mit Angabe der Originalstelle notwendig. Alles andere ist ebenfalls ein Plagiat und widerspricht somit klar den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis (siehe etwa kurz und bündig hier zusammengefasst).

In der vermeintlichen Grauzone zwischen "zufälliger Gleichheit" und Plagiat oder zwischen allgemeiner Formulierung ("Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands") und Plagiat entscheidet in der Regeln der Hausverstand, was nun konkret vorliegt – oder aber die Gerichte sind am Wort, wie etwa derzeit bei der österreichischen Diplomarbeit "Wickie und die starken Männer". In diesem Fall wurde eine Universitätsassistentin entlassen, weil ihr nachgewiesen worden war, dass rund 40 Prozent ihres Textes wortidentisch bereits vor Abfassung der Arbeit auf verschiedenen Webseiten im Internet zu finden waren und diese Quellen nicht angegeben wurden. Derzeit ist das Arbeitsgericht in Klagenfurt mit der Causa befasst.

Bislang galt eine relativ klare Trennlinie: Wissenschaftliche Regelungen zu Zitat und Plagiat betreffen die Entstehung wissenschaftlicher Arbeiten, Lizenzen deren Vervielfältigung und Verbreitung. Mit den Creative-Commons-Lizenzen, die ja mittlerweile auch für zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten gelten (es wird bereits Science Commons anvisiert), ist dies alles ein wenig undurchschaubarer geworden. Wenn in Plagiatsfällen Texte betroffen sind, die nicht unter eine solche oder eine andere freie Lizenz fallen, scheint klar zu sein, dass juristisch im Ernstfall auch nicht mit einer freien Lizenz argumentiert werden könnte. Was aber, wenn im Rahmen einer Creative-Commons-Lizenz plagiiert wird? Was heißt hier genau "Namensnennung", und was heißt "Bearbeitung" eines Textes?

So wird etwa in der aktuellen Publikation Freie Netze. Freies Wissen auf S. 43 bedauert, dass "das Einbauen von Textpassagen anderer, wenn es über ein einfaches Zitat hinausgeht", mit dem aktuellen Urheberrecht kollidiere. An zahllosen Stellen in besagtem Buch wird das Mashup-Prinzip auch in der Textkultur energisch verfochten. Die Publikation selbst steht unter einer spezifischen Creative-Commons-Lizenz, die die Werkbearbeitung bei Namensnennung der Autoren und bei der Übernahme gleicher Lizenzbedingungen für das neue Werk erlaubt.

Nun besteht das Buch zu weiten Teilen aus Interviews. Ist der zu nennende Autor nun der Interviewpartner oder der Interviewer? Letzterer wird in dem Buch durchgängig gar nicht angegeben, die Interviews haben also keinen bekannten "Autor". Auf wen bezieht sich die Forderung nach "Namensnennung"? Wie verwende ich etwa im Rahmen der Lizenz das Interview mit Lawrence Lessig, das von S. 56 bis S. 59 abgedruckt ist? Und was darf ich bearbeiten? Die Creative-Commons-Lizenz schließt jedenfalls nicht aus, dass ich bei einer Antwort Lawrence Lessigs den folgenden Satz anfüge: "Im Übrigen schmeckt mir oberösterreichisches Bier nicht besonders."

Wie oft freie Lizenzen reine Augenwischerei sein können, zeigt folgendes Beispiel noch drastischer: Die Wikipedia steht bekanntlich unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Diese Lizenz enthält eine Bestimmung, die mit den wissenschaftlichen Arbeitstechniken (die wohl auch für Enzyklopädien gelten sollten) an sich bereits unvereinbar ist, weil sie die Unterscheidung von direktem Zitat und Bearbeitung verwischt:

"Modified Version" of the Document means any work containing the Document or a portion of it, either copied verbatim, or with modifications and/or translated into another language.

Unter Punkt 4 der Lizenz wird unmissverständlich klargestellt, dass modifizierte Versionen jedweder Art nur unter exakt derselben Lizenz veröffentlicht werden dürfen.

Nun hat ein großes Salzburger Medienunternehmen vor wenigen Tagen ein eigenes lokales Wiki-Projekt ins Leben gerufen, das Salzburgwiki. Binnen kurzer Zeit wurden bereits mehr als 400 Artikel ins Netz gestellt. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man zahlreiche wörtliche oder annähernd wortwörtliche Übernahmen aus der Wikipedia. Doch die Salzburger haben ihr Projekt unter eine neue Lizenz, nämlich eine Creative-Commons-Lizenz gestellt. Die Frage ist jetzt: Welche rechtlichen Möglichkeiten hätte die Wikipedia, um dagegen vorzugehen? Wenn sie darauf verzichten sollte, dann wäre dies ein Beweis dafür, dass das Gerede von freien Lizenzen nur beliebige Remix-Praxen legitimieren soll. Wenn die Wikipedia gar keine rechtliche Handhabe hätte, dann doppelt.

Betrachten wir dazu zwei Textbeispiele: Zur Geschichte des Orts Bischofshofen im Salzburger Land steht in der "Mutter"-Wikipedia (unter Flagge der GNU-Lizenz):

Ausgrabungen am Götschenberg belegen, dass dort bereits vor 5.000 Jahren Menschen siedelten und Kupfer abbauten. Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. siedelten hier Kelten. Aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. wurden Siedlungsspuren der Römer gefunden.

Im Salzburger Wiki-Projekt ist beim betreffenden Ort nachzulesen:

Dass bereits vor 5.000 Jahren Menschen in Bischofshofen siedelten und Kupfer abbauten, belegen Ausgrabungen am Götschenberg. Ab dem 5. Jh. v. Chr. bevölkerten Kelten den Ort. Aus dem 1. Jh. n .Chr. wurden Siedlungsspuren der Römer gefunden.

Dass sich hier offenbar ein allzu menschliches Wesen die Mühen des Umschreibens gemacht hat, wird kaum zu leugnen sein. Und über Hallein bei Salzburg steht in der Wikipedia:

Um 600 v. Chr. begann der Abbau von Kernsalz im Untertagebau. Der Salzhandel verschaffte den Kelten einen heute noch in überaus reichen Grabausstattungen nachweisbaren beachtlichen Wohlstand.

Im lokalen Wiki-Projekt liest sich das dann so:

Bereits 600 v. Chr. begann der Abbau von Kernsalz im Untertagebau. Den Kelten am Dürrnberg verhalf der Salzhandel zu einem beachtlichem [sic] Wohlstand. Dies belegen heute die reichen Grabausstattungen der zahlreichen Funde.

(Dass ein "Abschreiben" in umgekehrter Richtung ausgeschlossen werden kann, lässt sich mit Hilfe der Versionengeschichten überprüfen.)

Das Verfahren – Umstellungen von Satzteilen, Neureihungen usw. – durchzieht im Übrigen zahllose Einträge des neuen Wiki-Projekts. Neben der Tatsache, dass hier bei einer wissenschaftlichen Textsorte (und wäre eine Online-Enzyklopädie etwa keine?) klar von einem Plagiat gesprochen werden müsste, und neben dem Faktum der Nicht-Übernahme der GNU-Lizenz stellt sich aber eine noch viel bedeutendere Frage: Weisen diese Praxen des Re-Use und Re-Mix, des Copy und Paste, der Selektion und Mutation von existierenden Texten (siehe auch Contentklau in Blogs und anderswo) auf eine problematische Redundanzproduktion im Netz überhaupt hin? Wie viele enzyklopädische Einträge zu einer Gebirgsgemeinde brauchen wir eigentlich noch? Wann werden sich Fehler bei den Übernahmen einschleichen? Und welche Erstautoren bleiben – trotz kooperativer Textweiterbearbeitung – unerwähnt? Dass Basistexte in der Wikipedia auch unterschlagene Printquellen sein können, ist hier nachzulesen. Haben am Ende die Salzburger einige Plagiate plagiiert?

Bietet das Internet zu viel Raum für zu wenig Content? Oder wird mehr Augenmerk auf das Duplizieren von bereits existierendem Content gelegt (weil es schneller geht und billiger ist), anstatt fehlenden Content online zu stellen? Wird Content überhaupt sekundär und zählt nur noch der Kanal, das neue Projekt, die neue Initiative, um Aufmerksamkeit zu erzielen? Wenn an den Universitäten Plagiieren meist rigoros bestraft wird, aber dann in der "Content-Industrie" Plagiate und Paraphrasen zum raschen "Füllen" mit Inhalten geradezu verlangt werden, sollten dann vielleicht die Wissenschaften ihr Plagiatsverbot überdenken, um ihre Abgänger auf das "richtige Leben" vorzubereiten?

Und schließlich: Wer wissen will, ob derzeit an einer deutschsprachigen Universität eine Abschlussarbeit über Contentklau geschrieben wird, erhält im Netz keine Auskunft, weil die Hochschulen hier noch nicht vernetzt sind. Dafür kann die Ortschronik von Bischofshofen nunmehr bereits an mindestens fünf Stellen online nachgelesen werden. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass irgendein Erstautor hier irgendwann einmal seiner Rechte beraubt wurde.

Von Stefan Weber ist in der Telepolis-Reihe das Buch Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden erschienen.

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