Revolte via Internet in der arabischen Welt?

Anonymous will den Informationskrieg gegen Unterdrückung und für mehr Freiheit auf Ägypten, Saudi-Arabien, Algerien, Libyen, Jordanien und andere Länder ausdehnen

Dass man den tunesischen Autokraten Ben Ali nach 23jähriger Herrschaft in die Flucht geschlagen hat, ist für Anonymous ein weiterer Etappensieg im größeren Informationskrieg, den man dabei sei zu gewinnen. Nun will Anonymous für mehr Freiheit in anderen Unterdrückungsregimes kämpfen. Die Liste der infrage kommenden Staaten, so wie sie gestern vom Nouvel Observateur bekannt gemachtwurde, ist lang: Ägypten, Saudi-Arabien, Algerien, Libyen, Jordanien, Jemen und Marokko. Allesamt Staaten, deren Regierungen einen Ansteckungseffekt, der von Tunesien ausgeht, fürchten könnten.

Anonymous zeigt sich selbstbewusst:

For better or for worse, we are at war. [...]. As long as draconian regimes and oppressive authorities exist, the freedom of information, and in turn, your freedom to do as you wish on the internet, is threatened. However, this is a war that Anonymous is winning. [...] Corporations and states continue to find themselves incapable of stemming the coming tide of social change brought about by the internet. Each and everyone of you are shaking the system to its core. Leaders are nervous and scared.

Umsturz durch dDoS-Angriffe - ist das nicht etwas überschwänglich? Ihre Unterstützung umfasse mehr, lässt die Erklärung der Organisation verstehen: „Behind all of these recent outstanding events lurked Anonymous, lending a helping hand when possible, causing problems where it mattered the most.“ Der neue tunesische Staatssekretär für Sport und Jugend, Slim Amamou, (slim404), eine berühmte, wichtige Stimme im tunesischen Netz, schreibt Anonymous eine „entscheidende Rolle“ bei den sozialen Protesten zu.

Dabei geht es um mehr als die Blockade von Regierungs-Websites, um die Mobilisierung einer internationalen Öffentlichkeit. Ohne die Angriffe von Anonymous hätte die Revolte kein derartiges internationales Echo gefunden, so Slim Amamou.

Dabei dauerte es lange Zeit, bis die großen Medien dem Thema größere Aufmerksamkeit widmeten, mit Ausnahme vielleicht von Frankreich, wo Tunesien fast schon ein innenpolitisches Thema ist. Bie den größeren US-Medien und in Deutschland blieb das unruhige Tunesien bis weit in den Januar hinein Nebenschauplatz. Erst als sich die Situation für Ben Ali unübersehbar bedrohlich wurde, änderte sich die Berichterstattung. Am Thema dran war dagegen al-Jazzera, das bei seinen Berichten auf Twitter- Nachrichten, Blogs und anderen User genierierten Content zurückgriff..

Ob nun das „erste Ziel“ der sozialen Proteste in Tunesien, der Sturz von Ben Ali, maßgeblich von der zweiten Öffentlichkeit, jene, die durch Internet- User hergestellt wird - bei der Anonymous sicher ein wichtiger Netzknoten und Multiplikator war - herbeigeführt worden ist, bleibt eine offene Frage, die sich etwa Evgeny Morozov stellt: Man könnte auch annehmen, dass al-Jazeera und France 24 so viel darüber berichteten, weil Tunesien eine besondere Stellung in der arabischen und französisch-sprachigen Welt hat. Und weiter annehmen, dass die relevante Öffentlichkeit durch solche Medien allein schon hergestellt würde. Entsprechend distanziert gibt sich Moroziv gegenüber dem Schlagwort von der Twitterrevolution:

There is little doubt that social media has helped to make their coverage better. Has it also played a role in generating new coverage that wouldn't have happened without it? This would be one good question to investigate.

Doch geht es nicht nur um Berichterstattung und deren Reichweite, wenn man die Rolle der user- generierten Öffentlichkeit untersuchen will.

Wenn man die Berichte der tunesischen Ereignisse in der „anderen Öffentlichkeit“ verfolgt hat, bei den Bloggerportalen wie nawaat.org, bei Twitter oder Facebook, so zeigt sich allerdings schon, dass die Kommunikation untereinander eine Schlüsselrolle hat. Dass sie wichtig ist für das Selbstverständnis derjenigen, die an Demonstrationen teilnahmen, der Repression ausgesetzt waren oder vielleicht nur mit den Protesten sympathisierten und dabei den Nachrichten der großen Medien misstrauten.

Man braucht Mut, wenn man solcher brutaler Gegenwehr ausgesetzt ist - wie die Demonstranten in Thala, Kessarine und Regueb. Und man braucht Informationen, die nicht durch Regimeinteressen gefiltert werden. (Diese Interessen deckten sich ja eine Zeitlang auch mit dem Interesse befreundeter Staaten deckten, die an Stabilität und guten Beziehungen interessiert waren, weswegen objektive, seriöse Nachrichtenquellen in Deutschland lange Zeit auch ein schiefes Bild vermittelten.) Und man braucht Solidarität. Das durch den Nachrichtenaustausch und andere Kommunikation vermittelte Gefühl, nicht allein zu sein, wird durch herkömmliche Berichterstattung nicht in dieser Weise vermittelt, von der Hilfe bei der Organisation und Mobilisierung der Proteste ganz abgesehen.

Das oben genannte lässt aber die für die Organisation der Demonstranten entscheidende Rolle der Gewerkschaft außer acht. Im Fall Tunesiens wurde der Sturz des Tyrannen durch elementare Faktoren ermöglicht, die eigentümlich sind: eben die Rolle der Gewerkschaft, die Rolle der Armee, die sozialen Umstände, die Verzweiflung der arbeitslosen Jugend, die durch die korrupte raffgierigen Herrscherfamilie besonders herausgefordert wurde, die Größe des Landes, die Art des Regimes, seine geopolitische Stellung etc. Daran kann man nicht vorbeisehen. Die „umstürzlerische“ Medienwirkung hängt von solchen politischen, strukturellen, kulturellen und wahrscheinlich auch geografischen Besonderheiten ab.

Ob sich der tunesische Aufstand in andere arabische Staaten übertragen lässt, ist eine Hoffnung, die es in ähnlicher Form gibt, seit al-Jazeera von notwendigen Reformen und Ungerechtigkeiten in arabischen Ländern berichtet. Liest man Marc Lynchs Buch „Voices of the New Arab Public“, der schon vor einem halben Jahrzehnt auf die große, verändernde Wirkung al-Jazeeras auf die Diskurse der arabischen Bevölkerung aufmerksam gemacht hat und darauf dass die Regimes sich einer neuen kritischen Öffentlichkeit stellen müssten - all dies mit der Hoffung, dass daraus in naher Zukunft eine politische Veränderungen zum Besseren resultieren könnte, so wird man solchen Hoffungen gegenüber skeptisch.

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