Revolution um jeden Preis

Der brasilianische Journalist Fernando Molica probt den sozialistischen Aufstand.

Ohne Vorwarnung hat sich in Mirandão die Normalität breitgemacht. Wo gestern noch das Faustrecht regierte, trauen sich die Menschen plötzlich wieder auf die Straße. Schusswechsel sind nur noch selten zu hören, die Kinder bekommen Stipendien, und hier und da werden in Rio de Janeiros berüchtigter Favela sogar Straßen asphaltiert. Die Regierung führt das Aufblühen der Landschaften auf die kompromisslose Polizeiarbeit zurück, doch für die segensreichen Veränderungen ist in Wahrheit das Selbsthilfeprojekt einer engagierten Nicht-Regierungsorganisation verantwortlich, die ihr Aktionszentrum passender Weise "Mitanambu" (Haus der Freunde) genannt hat.

Dem Journalisten Fontoura, der seine Leser nicht ausstehen kann und lieber bei einer Zeitung für Taubstumme anheuern würde, kommt hier vieles seltsam vor, doch die tatsächlichen Zusammenhänge erkennt auch der findige Lokalreporter erst, als alles zu spät ist. Das Haus der Freunde dient einer radikalen Studentengruppe nur als Fassade, um Mirandão zum Ausgangspunkt einer revolutionären Bewegung zu machen. Um ihrem Vorhaben die nötige Durchschlagskraft zu verleihen, bilden sie die militante Splittergruppe einer längst parlamentarisierten sozialistischen Arbeiterpartei und suchen den Schulterschluss mit den örtlichen Drogenbaronen. Für kurze Zeit funktioniert die ungewöhnliche Allianz, dann ist sich jeder wieder selbst der Nächste. Doch die Guerilla scheitert nicht nur an den eigenen Unzulänglichkeiten. Vor Ort helfen hohe Polizeioffiziere, die um ihre illegalen Geschäfte fürchten, kräftig nach.

Molicas "Krimi aus Rio" ist sicher kein literarisches Meisterwerk. Die Charaktere bleiben zumeist blass, der Schauplatz führt seltsamerweise kein atmosphärisches Eigenleben, und die Idee einer Zweckgemeinschaft oder gar Personalunion aus Revolutionären und Drogendealern kennt man bereits aus der Realität, wie das geographisch benachbarte Beispiel der "Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia" (FARC) seit geraumer Zeit recht eindrucksvoll vor Augen führt.

Gleichwohl ist dem 1961 geborenen Reporter ein packendes Szenario gelungen, das die explosive Gemengelage in den Armutsvierteln (nicht nur) Südamerikas überzeugend veranschaulicht. Staatliche Repression, Korruption und rücksichtslose Polizeigewalt treffen hier auf Armut, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, viel kriminelle Energie und einen beispiellosen Mangel an Zukunftsperspektiven. Folgerichtig haben die jungen Wilden, die sich mit dem verräterischen Hintergrund ihrer halbwegs bürgerlichen Herkunft und christlichen Erziehung abplagen müssen, allerhand Probleme, die Bewohner der Favela auf die Weltrevolution einzuschwören und überhaupt Identitätsstiftendes aus dem ideologischen Baukasten zu zaubern.

Kein Wunder also, dass der altgediente Parteigenosse Altino zu Beginn des Romans für seine defätistische Haltung gemaßregelt wird und am Ende doch irgendwie Recht behält. Status und Besitz der herrschenden Klasse rufen bei den Ohnmächtigen keine Hassgefühle, sondern nur noch Neid und Missgunst hervor - ihr Ziel ist nicht der gesellschaftliche Umsturz, sondern der schnellstmögliche Aufstieg, glaubt Altino, und wenn sein ungestümer Widerpart Célio einen unvoreingenommen Blick auf die jungen Leute wirft, die sich in seinen "Politisierungskursen" tummeln, kommt er schließlich zu einem ganz ähnlichen Ergebnis.

Es waren Jugendliche dabei, die keine Perspektive hatten, jemals aus ihrer Armut herauszukommen, doch genau dieses Gefühl schien für sie die Existenz von Armen und Reichen geradezu zu legitimieren. Klar wäre es gut, wenn sie, die Armen, nicht arm wären, aber das hieß nicht, dass sie auch die Existenzberechtigung der Reichen in Frage stellten. Denn ohne Reichtum gäbe es auch keine Träume mehr vom sozialen Aufstieg - folgerte Célio ein paar Stunden und mehrere Biere nach seiner dritten Veranstaltung. (...) Von wenigen Ausnahmen abgesehen setzte niemand seine Hoffnungen auf einen radikalen Wechsel.

Krieg in Mirandão

Diese Feststellung gilt nicht nur innerhalb des Romans, sondern nach Meinung von Fernando Molica in ähnlicher Weise für die gesellschaftliche Wirklichkeit, die sich seit dem Amtsantritt von Präsident Lula nicht wesentlich verändert hat. Längst geht es nicht mehr um grundlegende Reformen oder auch nur punktuelle Verbesserungen. Stattdessen lässt sich Brasilien die andauernde Distanzierung der sozialen Gruppen einiges kosten.

Es wurde wenig investiert in Maßnahmen zur Verringerung der Kluft. Die Favela wurde mehr oder weniger folklorisiert, idealisiert und in die Logik der Stadt eingefügt. In die Trennung wurde investiert: Die Armen gehen in die staatliche Schule, die weniger Armen und die Reichen besuchen Privatschulen. Diese Kinder und Jugendliche leben getrennt, wissen nichts voneinander, werden nie Freunde.

Fernando Molica

Unter diesen Umständen ist die Revolution zum Scheitern oder mindestens dazu verurteilt, in eine unkontrollierte Gewaltorgie zu münden. Das geschieht umso leichter, als ihre Anführer immer größere Schwierigkeiten haben, ihre eigenen politischen Ziele klar zu definieren und die moralischen Wertmaßstäbe, die für alle anderen gelten sollen, auch selbst einzuhalten. Bevor sich die jungen Idealisten geeinigt haben, ob das Paradies auf Erden nun nach den Vorstellungen von Jesus oder Che Guevara, Franz von Assisi oder Lenin eingerichtet werden soll, hat ihr schwerkrimineller Kompagnon längst wieder unumstößliche Tatsachen geschaffen.

Die Zukunftspolitiker stellen zwar eine "Tendenz der Überhöhung der Exekutivmacht zur Supermacht durch die herrschende Soziallogik" fest, ringen sich aber nur widerwillig zu der Erkenntnis durch, das auf ihrer Operationsbasis eben auch das Gesetz der Favela gilt, "ein Gesetz das älter ist als unsere Revolution".

Ein Interesse, dieses Gesetz zu erkunden und anschließend zu verändern, besteht offenbar nicht. Die Aktivisten suchen keinen ernsthaften Kontakt zur Basis ihrer vermeintlichen Auftraggeber - wer nicht im Parteikader vertreten ist oder wenigstens als potenzieller Waffenbruder taugt, spielt in den strategischen Überlegungen bestenfalls eine Nebenrolle.

Trotz dieser Vorwürfe ist Molicas Sozialkrimi nicht in erster Linie als Abrechnung mit den halbherzigen und inkonsequenten Reformkräften der brasilianischen Gesellschaft zu verstehen. Im Mittelpunkt der kritischen Auseinandersetzung stehen die - leider nicht näher charakterisierten - Gruppen, welche die Schalthebel der Macht bedienen und dafür Sorge tragen, dass sich die soziale Schieflage in den Jahrzehnten nach der Militärdiktatur weiter verschärft hat.

Die Brisanz der Situation wird übrigens auch dadurch deutlich, dass sich amnesty international schon einen Monat vor den brasilianischen Präsidentschafts- und Gouverneurswahlen am 1. Oktober genötigt sah, von den Kandidaten ein "Konzept für eine menschenrechtsbasierte Politik der öffentlichen Sicherheit" zu fordern. Neben einer Neuausrichtung der Polizistenausbildung sei ein Verhaltenskodex für Sicherheitskräfte geboten, um eine "drastische Reduzierung der tödlichen Polizeigewalt" zu erreichen. amnesty geht davon aus, dass allein in den Bundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo zwischen 1999 und 2004 über 9.000 Menschen "nach Widerstand gegen die Staatsgewalt" getötet wurden. Wenn es nicht gelingt, die extremen Gegensätze auf einem erträglichen Niveau auszugleichen, könnte der "Krieg in Mirandão" eines Tages in der Realität zum Flächenbrand werden. Begonnen hat er offensichtlich schon.

Fernando Molicas "Krieg in Mirandão. Krimi aus Rio" ist im Verlag Nautilus erschienen und kostet 13,90 EUR Das Buch enthält auch ein zehnseitiges Interview mit dem Autor.

Zur Übersichtsseite (Thorsten Stegemann)

Anzeige