Richter und Maschinen

Computergestützte Prävention: Softwareprogramme zur Einschätzung des Rückfälligkeitsrisikos von Strafgefangenen gelten als Erfolg

Die Vorteile der softwaregestützten Einschätzung liegen auf der Hand. Auch wenn der Fachmann, der im Artikel des Wall Street Journals zitiert wird, maßlos in seiner Gegenüberstellung übertreibt und die Gelegenheit zur Werbung in eigener Sache wahrnimmt: Der Richter und seine Beisitzer würden sich lediglich "ein oder zwei Dinge" anschauen. Gute Einschätzungs-Tools dagegen 50.

Der Experte, Edward Latessa, ist Entwickler eines Programms zur Einschätzung des Rückfallrisikos von Strafgefangenen, deren frühzeitige Entlassung zur Verhandlung steht. Manche Programme, so der Bericht, berücksichtigen 100 Faktoren für die Risiko-Einschätzung.

Die Software, namentlich genannt werden Compas und ORAS (PDF), zeigt erste Erfolge bei der Lösung eines der großen Probleme staatlicher Gefängnisse in den USA - der Überfüllung.

Zumindest zeigen sich zeitliche Zusammenhänge. Der WSJ-Bericht zitiert rückgängige Belegungszahlen in staatlichen und bundesstaatlichen Gefängnissen, die mit dem Zeitpunkt in Zusammenhang gebracht werden, an dem die Evaluierungssoftware eingesetzt wurde - und dazu Experten, die einen Grund für den Rückgang darin sehen, dass weniger auf Bewährung Freigelassene rückfällig werden. Die Prozentzahlen, die genannt werden, sind allerdings nicht spektakulär.

Weniger Inhaftierte

So heißt es einmal, dass die Zahl der Inhaftierten in den staatlichen und bundesstaatlichen Gefängnissen 2011 um 1 Prozent zurückgegangen ist. Eine Zahl, die erst im Vergleich zum Vorjahrswert, aufhorchen lässt, denn der stand bei 0,1 Prozent. Beim Anteil der Rückfälligen wird 12 Prozent für 2011 genannt und als Vergleichswert 15 Prozent für das Jahr 2006. Im Fall Texas sind die Zahlen beeindruckender.

Dort ist das Software-risk-assessment seit 2001 im Einsatz; im Jahr 2005 wurden 28 Prozent der Personen entlassen, die auf vorzeitige Haftentlassung plädierten, 2012 waren es 37 Prozent. In absoluten Zahlen sind dies 10.000 Strafgefangene. Das macht sich dann auch in den Kosten bemerkbar. Private Gefängnisverwaltungen arbeiten nach anderen Prioritäten; im Bericht ist nur von staatlichen Gefängnissen die Rede.

In den letzten Jahren sollen mindestens 15 amerikanische Staaten den Einsatz moderner Risikoeinschätzungsmethoden zur Vorschrift gemacht haben, beispielhaft genannt werden außer Texas noch Louisiana, Kentucky, Hawaii, Ohio, Kalifornien und, neu hinzugekommen, West Virginia.

Eine andere Gewichtung

Hervorgehoben wird, dass die Risikoeinschätzung via Softwareprogramm bestimmten Faktoren, wie etwa das Alter, aufgrund empirischer Daten ein anderes Gewicht gibt, als dies vielleicht bei Richtern oder anderen Gremiumsbeisitzern der Fall wäre. Als erstaunliche Differenz zur "menschlichen Intuition" wird angeführt, dass die Schwere des begangenen Verbrechens unter Umständen eine weniger große Rolle für die Rückfälligkeit spielt als die Art des Verbrechens. Was dazu führen kann, dass ein Vergewaltiger eher auf Bewährung frei kommt als ein Einbrecher, da bei letzterem Verbrechen das empirische Wiederholungsrisiko höher liegt.

"Einige sind überrascht, wenn sie erfahren, dass Gesetzesbrecher, die wir für die schlimmsten Verbrecher halten - Mörder und Sexualverbrecher - einige der niedrigsten Rückfallquoten haben", wird ein Offizieller aus der kalifornischen Verwaltung, zuständig für Strafvollzug und Rehabilitierung, zitiert.

Bislang ist vorgeschrieben, dass die Risikoeinschätzung für die Rückfälligkeit der Strafgefangenen von der Software lediglich unterstützt wird, und Richter das letzte Wort haben. Die menschliche Entscheidung soll verbessert werden, nicht ersetzt, heißt es. In diesem Zusammenhang ist auch kurz die Rede davon, dass die Möglichkeit fehlerhafter Dateneingaben durchaus gegeben ist.

Fehler bei der Dateneingabe oder Täuschungsmanöver der Häftlinge können die Genauigkeit beeinträchtigen.

(Thomas Pany)