"Richtig Randale"

Abi-Krawalle in Köln haben Tradition, stiften ein "unermessliches Gemeinschaftsgefühl" und sind eigentlich ganz harmlos. Alles klar?

Der Kölner "Abi-Krieg"! macht bundesweit Schlagzeilen. Telepolis berichtete: "Ihr werdet vernichtet!", inzwischen kann man das Gebaren durchgeknallter Pennäler auch in "Spiegel", "Focus", "Handelsblatt" und "Bild" rückverfolgen.

Die vorläufige kölsche Bilanz: 15 Einsätze der Polizei, Sachbeschädigungen an sieben Gymnasien, Anzeigen wegen Landfriedensbruchs. Zehn Randalierer im Alter von 16 bis 20 Jahren wurden in Gewahrsam genommen.

Nach den Krawallen, bei denen "Spaß" eskaliert war, sichern die Beamten jetzt Beweismaterial, so in der Wohnung und im Auto eines Schülers, bei dem eine Schleuder sicher gestellt wurde, die bei den Tumulten am Abend des 14. März im Spiel war. Es hatte vergangene Woche mehrere Verletzte gegeben, ein 18-Jähriger erlitt eine Schädelfraktur.

Unter die "Schulkrieger" mischten sich offenbar auch gewaltbereite Hooligans, wie Direktor Harald Junge am Humboldt-Gymnasium, wo die "Späße" eskalierten, betont: "Ich finde es bedenklich, dass Nicht-Abiturienten sich einmischen, die richtig Randale suchen. Eine Schülerin hat (…) eine Person aus Dortmund identifiziert. Ich habe Angst, dass jetzt eine Art Krawall-Tourismus entsteht". Allerdings vermischen sich die Formen, das gilt auf alle Fälle schon in der Selbstdarstellung: Außer am Leonardo-da-Vinci-Gymnasium ("Ihr werdet vernichtet!") präsentieren sich auch Schüler des innerstädtischen Hansa-Gymnasiums in sozialen Netzwerken vermummt und in schwarzen Hoodies.

Nur Spaß, alles klar? In sogenannten Wasserbomben, die im Abi-Krieg zum Einsatz kamen, fand sich keineswegs nur Wasser, wie viele Schüler im Nachhinein gern glauben machen wollen. Und keineswegs sind nur Jungs die Rabiaten unter den Kriegern, auch Mädels mischen kräftig mit. Nach Recherchen von Telepolis in Köln kamen auch Essigbomben zum Einsatz, ein Schülervater, der nicht genannt werden möchte, berichtet, eine Mitschülerin seines Sohnes habe ihre Wasserpistole (einen "Super-Soaker") mit Nagellackentferner statt mit Wasser gefüllt.

Siehe da, jetzt plötzlich erinnert man sich auch wieder: Derartige Ausschreitungen und Gewalt-Exzesse haben in der Domstadt ja Tradition? 2010 gaben sich die Abiturienten des Humboldt-Gymnasiums den Namen "Kölsch Kraat Kommando" (KKK), 2013 schaukelte sich deren Abi-Vorfreude hoch, es wurden Bengalos und Knallkörper gezündet, der Klamauk eskalierte zum "Schulkrieg", bei dem die Polizei auch damals schon einschreiten musste. Auf Facebook liefern die furchtlosen Genossen sich Motivation und Halt, es heißt dort:

Grüß Euch, FreundInnen und HaterInnen des KKK. Seit der Gründung des KKK an einem grauen Novembernachmittag im Jahr 2010 hat sich viel getan: Fünf Generationen hat das KKK mittlerweile erlebt. Generationen, die ein unermessliches Gemeinschaftsgefühl erlebt haben, …

KKK

Wie der Abi-Krieg "funktioniert", schildert jetzt ein Schüler namens Jonas in einem Kölner Zeitungsinterview. Auf die Frage: "Wie gewinnt man denn diesen Krieg?" erwidert Jonas: "Indem man den Gegner in der Wasserschlacht zum Rückzug oder zum Aufgeben zwingt, Gruppenfahnen ergattert, unbemerkt das eigene Banner in einer fremden Schule aufhängt. Das sind alles Elemente des 'Abi-Kriegs', den es schon seit Jahren gibt."

Allerdings - so richtig ernst will man es angeblich nicht gemeint haben, das Wort "Krieg" sei ja irgendwie nur ein Wort.

Wiederum in Köln rastete derweil ein 64 Jahre alter Schulleiter aus, als eine 17jährige Abiturientin mit einer "Super-Soaker" auf ihn schoss: Jetzt steht der Direktor des Apostelgymnasiums in Lindenthal im Visier polizeilicher Ermittlungen, die Eltern der Schülerin haben Anzeige erstattet, der Schuldirektor soll ihre Tochter nach deren Attacke angeblich geschlagen haben. (Arno Kleinebeckel)

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