Rio São Francisco - Lulas Transamazônica?

2006 finden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Brasilien statt - Lula da Silva will sich im Vorfeld als Landschaftsgestalter betätigen und einen Fluss umleiten

Dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva kam bei Überlegungen hinsichtlich seiner Wiederwahl im nächsten Jahr in den Sinn, die Umsetzung einer neu aufgelebten Idee aus der Zeit des imperialen Brasiliens unter dem letzten Kaiser D. Pedro II. zu forcieren, nämlich die Umleitung des Flusses São Francisco im semiariden Nordosten des Landes. Die Umsetzung der auf ca. 1850 datierten Vision soll nun die chronische Trockenheit in der Gegend beenden und bringt schwere politische, ökonomische und regionale Interessenkonflikte zum Vorschein.

Die Arbeiten sollen im April beginnen und werden voraussichtlich umgerechnet 1.3 Milliarden Euro verschlingen; Kritiker rechnen mit mehr als 5 Milliarden Euro. Jährlich werden bis zu 30 Millionen Euro Betriebskosten hinzukommen. Die Weltbank hat das Projekt für wichtig befunden, um den Exodus der Landbevölkerung in den bisher unbewässerten Gebieten zu stoppen. Zur selben Zeit fehlen Investitionen für neue Wasserkraftwerke, die eine Bevölkerung von 13 Millionen Menschen in einer von Stromausfällen gebeutelten Gegend mit Elektrizität versorgen könnten.

Die Arbeiten stellen einen massiven Eingriff in den Verlauf des mit 2700 Kilometer Länge einer der größten Flüsse Brasiliens dar. Zwei Kanäle sollen das Wasser in sieben nordöstliche Bundesstaaten (Piauí, Ceará, Rio Grande do Norte, Paraíba, Sergipe, Alagoas, Pernambuco) weiter leiten. Hier wird dringend mehr Wasser benötigt. Zur Befriedigung eines minimalen täglichen Grundbedarfs veranschlagt die UNESCO im World Water Assessment Programme 20-50 Liter sauberes Wasser pro Kopf. In den vom Projekt ins Auge gefassten Gebieten sind täglich durchschnittlich 50 Liter Wasser pro Kopf verfügbar.

In Pernambuco soll ein 400 km langen Kanal in Richtung Norden und ein 250 km langer Kanal in Richtung Osten abzweigen, um den semiariden Nordostens des Landes mit Wasser zu versorgen. Besonders der Nord-Kanal-Abschnitt birgt viele Unwägbarkeiten hinsichtlich der Durchführbarkeit und der anschliessenden Wasserverteilung (Quelle: Expresso).

Wird die Umleitung bzw. Abzweigung von Teilen des Flusswassers genehmigt, sollen 70% des herbeitransportierten Wassers zu Bewässerungszwecken dienen. 26% fließen in die Städte (hauptsächlich Fortaleza), und 4% bleiben für die diffus über den Landstrich verteilt Lebenden - den eigentlich Bedürftigen. Hauptabnehmer- und Profiteur wird der exportorientierte industrielle Agrarsektor (Fruchtanbau mit Mango, Abacaxi und neuerdings auch Wein; Krabbenzucht) sein.

Der "Velho Chico", wie der Fluss von den Einheimischen auch genannt wird, entspringt im Bundesstaat Minas Gerais, passiert auf seinem Weg nach Nordosten weitere vier Bundesstaaten (Baía, Sergipe, Alagoas, Pernambuco) und mündet nördlich von Aracaju in den Atlantischen Ozean.

Wortspiele und andere Diskussionsbeiträge

Als problematisch wird eingeschätzt, dass die brasilianische Regierung nur wenige Studien zu den Auswirkungen der Baumaßnahmen, zum Beispiel auf die vom São Francisco abhängigen Wasserkraftwerke, durchführen ließ. Die Regierung Lula ist unter Zeitdruck, um im Jahre 2006 Ergebnisse präsentieren zu können. Da bleibt kaum Gelegenheit, über die Auswirkungen des Vorhabens auf die Umwelt zu philosophieren - oder auch nur über ein effizienteres, demokratischeres Modell des Zugangs der Bevölkerung zu Wasser nachzudenken. Deshalb bevorzugt die Regierung mittlerweile einen vermeintlich besser klingenden Terminus für das Projekt: Anstelle von Umleitung spricht man nun lieber von "Integração da Bacia do São Francisco às Bacias do Nordeste Setentrional".

Paulo Brito, Chef-Projekt-Koordinator der Regierung, repetiert gern die Phrase vom Ende der "Dürre-Industrie". Und meint damit die Machenschaften der Eliten, die bislang über die Verteilung der Wasservorräte bestimmten - außerdem eine Rechtfertigung für das vorgelegte Tempo. Bedenken wegen eventueller Nebenwirkungen der Baumassnahmen auf die Umwelt hat er nicht.

Die Regierung behandelt die ganze Angelegenheit vorsichtig, ist aber nicht gewillt, den Zeitplan von Lulas größtem Infrastruktur-Projekt der zweiten Hälfte seiner Amtszeit durcheinander bringen zu lassen. Die erste Phase des Unternehmens soll Ende 2006 abgeschlossen sein.

Die geplante Verlaufsänderung des Flusses wird auch "Lulas Transamazônica" genannt - eine Reminiszenz an ein Megaprojekt während der Militärdiktatur in den 1970er Jahren, als man sich an ein gigantisches Straßenbau- und Besiedlungsvorhaben im Amazonas-Gebiet wagte.

Kritische Stimmen

Das Fórum Social Nordestino und die "Conferencia Nacional da Terra e Agua", die beide große Teile an Nichtregierungs-Organisationen vereinen, mobilisieren gegen das geplante Projekt. Die größte Herausforderung für Lula wird dabei juristischer Natur sein. Die Komplexität des Projekts äußert sich unter anderem auch in der vehementen Vielfalt kritischer Meinungen und im Chaos behördlichen Waltens.

Der Chef-Koordinator des "Comite da Bacia Hidrografico do São Francisco", Luiz Carlos da Silveira Fontes, wies darauf hin, dass es neben Wahlinteressen auf den verschiedenen Politebenen vor allem um die ökonomischen Interessen der beteiligten Firmen und Agrarunternehmen geht, die schon jetzt als die eigentlichen Nutznießer feststehen. Diese nutzen die Trockenheit und die daraus resultierende Misere, um ihre eigene Macht mit Hilfe des Projekts noch stärker zu zementieren.

In Brasilien sind 46% des Landes in der Hand von einem Prozent aller Eigentümer. Das wird den freien Zugang zum Wasser nicht erleichtern. Momentan sind im Nordosten des Landes 70% der für die Öffentlichkeit gedachten Wehre nicht für die Bevölkerung verfügbar. Es besteht die Annahme, dass nach Projektabschluss das Wasser die Ländereien verschiedener Besitzer passieren wird, die dafür eine Gegenleistung verlangen werden. Das Einzugsgebiet des Flusses besteht aus einem Flickenteppich unterschiedlichster Besitztümer - die Mehrheit davon sind kleine Parzellen, aber auch große Flächen mit unklarem juristischem Status sind anzutreffen. Bisher läuft der Staat einer Agrarreform hinterher.

Dass letztendlich Wasser vorhanden ist, löst nicht von allein das Problem von Trockenheit und Armut. Noch heute gibt es Gemeinden in nur 10 Kilometern Entfernung vom São Francisco, die mit Gespannen versorgt werden müssen.

Das Haupthindernis der Entwicklung ist nicht die Knappheit an Wasser oder an Investitionsmitteln, sondern das Fehlen von Gerechtigkeit.

Lula da Silva, Anfang 2004

Zur Erleichterung des Lebens der Menschen in der Region wurde das "Eine-Millionen-Zisternen"-Programm aufgelegt. Bei Kosten zwischen 200 und 400 Euro pro Zisterne helfen diese, regenlose Monate zu überstehen. Bei gleich bleibendem Tempo seiner Umsetzung ist das Projekt in 30 Jahren fertig gestellt.

Für Vertreter der Nichtregierungs-Organisationen ist das Projekt der Umleitung des São Francisco eingepasst in ein Modell neoliberaler Entwicklung: Wasser wird lediglich als Markt verstanden und als Objekt des transnationalen Handels betrachtet - Export von Wasser in Form von Früchten. Das Vorhaben soll als Signal an die Weltwirtschaft für Brasiliens Wettbewerbsfähigkeit dienen. Befürchtet wird, dass das Wasser nach Projektabschluss nur dem zur Verfügung stehen wird, der es auch bezahlen kann. Für soziale Gerechtigkeit gibt es auch hier keine Garantie.

Stand der Dinge

Das Projekt erhielt Mitte Januar 2005 seine Zustimmung vom Nationalrat für Wasserreserven CNRH (Conselho Nacional dos Recursos Hídricos) und wartet nun auf die Genehmigung des brasilianischen Umweltamtes IBAMA (Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis). Die IBAMA organisierte in den betroffenen Bundesstaaten Anhörungen der Bevölkerung, um so zu einer positiven oder negativen Entscheidung über das Bauvorhaben zu kommen - bei positivem Bescheid in Form einer vorläufigen Umweltlizenz. Bei einem positiven Bescheid muss das Ministério da Integração einen Generalplan zur Ausführung vorlegen, der die Baumassnahmen und ein grundlegendes Umweltprogramm enthält. Daraufhin wiederum erteilt die IBAMA die Baugenehmigung, die den Beginn der Arbeiten erlaubt. In Aracaju kam es 2001 bei den letzten Diskussionen dieser Art mit Regierungsvertretern zu Tumulten. Die Abgesandten der Regierung wurden nach Androhung physischer Gewalt mit Stühlen beworfen und mussten unter Polizeischutz aus dem Saal eskortiert werden.

Umweltschützer geben zu bedenken, dass es billigere Lösungen wie den Zisternen-Bau gibt, die weniger tief in die Natur eingriffen. Außerdem sollten erst die Hausaufgaben in Form einer breit gefächerten Wiederbelebung des Flusses gemacht werden, bevor an weiter gehende Projekte überhaupt nur zu denken ist. Die Verschmutzung des Wassers ist ein Hauptproblem. Der Großraum Belo Horizonte beherbergt auf 1% der Gesamtfläche 30% der Bevölkerung des Einzugsgebietes des São Francisco - und ist verantwortlich für 26% der Verschmutzung, hauptsächlich durch die direkte Einleitung ungeklärter urbaner und industrieller Abwässer in die Zuflüsse des São Francisco.

Die von der Regierung angepriesenen Vorteile der Umleitung (Verringerung der Verdunstung, Vermeidung von Wasserverschwendung etc.) wurden in verschiedenen Revitalisierungsprogrammen bereits berücksichtigt. Die Revitalisierung würde nach Schätzungen von Nichtregierungs-Organisationen 80.000 Arbeitsplätze in 450 Städten entlang des Flusses schaffen - mehr als das Umleitungsprojekt selbst. Zahlreiche Projekte wurden begonnen und nie zu Ende geführt, andere sind aufgrund schlechter Planung bereits wieder Geschichte.

Weitere Aspekte

Durch die mit der Restrukturierung der Landwirtschaft in den 1980er Jahren einsetzende Nutzung des Bodens durch intensive Landwirtschaft (vor allem im Osten Baías) und durch die vorhergehenden großflächigen Waldrodungen verschwand auch vielerorts der Bewuchs im Uferbereich und damit der Schutz vor Erosion der Flussränder; Versandungen und Absenkungen des Grundwasserspiegels waren die Folge.

Ein anderes Problem stellt der Kohlebedarf der vor Ort ansässigen Eisenmetallurgie dar: zur Bereitstellung der jährlich benötigten sechs Millionen Tonnen Holzkohle müssen 300.000 Hektar Wald verkohlt werden. Zur Steigerung der Eisenproduktion wird eine Verdopplung der Menge angestrebt.

Die Ergiebigkeit der Fischerei im Mittel- und Unterlauf des Flusses sank auf 10% der Fänge vor dem Bau der Staudämme in den 1960er Jahren. Fischer vom indigenen Volk der Truká bedauern den Verlust von mehr als 30 Fischarten als Folge der Dammbauten von Itaparica und Sobradinho. Nun wird mit der Umleitung auch noch ein die Insel Assunção bildender Nebenarm des Flusses verschwinden - zusammen mit dem Stammessitz. Weitere Eingeborenen-Völker sind vom Projekt betroffen: die Pipipã, Pankararu, Kambiwá und Tumbalalá.

Sobradinho, São Francisco. Soll das Umleitungs-Projekt mit der angestrebten Effektivität arbeiten, müsste der Stausee ständig mit 94% seiner Aufnahme-Kapazität gefüllt sein - was in den letzten acht Jahren praktisch nicht vorkam (Quelle: NASA).

Der Hydrologie-Professor João Abner Guimaraes Filho, Universidade Federal do Rio Grande do Norte, warnt vor überzogenen Hoffnungen - das Wasser würde für die Landwirte bis zu fünfmal teurer. Es ist zu erwarten, dass die Regierung diese Kosten auf die Bevölkerung der Großstädte umschlagen und so versteckten Subventionen für die Landwirtschaft Vorschub leisten wird. Außerdem sieht João Abner Guimaraes Filho durch die Ungleichverteilung des Wassers nach Abschluss der Arbeiten reichlich Konfliktpotential für die Bundesstaaten des Nordostens.

Dabei ist der Nordosten nicht unbedingt wasserarm. Jährlich gehen 58 Milliarden Kubikmeter Regen über dem Gebiet nieder. Ließe sich ein Drittel dieser Menge auffangen, könnte damit nach Schätzungen die gesamte Bevölkerung der Region versorgt und zusätzlich zwei Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche beregnet werden. Im Gegensatz zu diesen Gedankenspielen gibt es im semiariden Nordosten heute 700.000 Hektar bewässerte landwirtschaftliche Nutzfläche, und in Städten wie Recife stehen Versorgungsprobleme mit Wasser auf der Tagesordnung. Des Weiteren sind viele der existierenden 60.000 Brunnen des Nordostens in desolatem Zustand.

Die durchschnittliche Verschwendung in der Wasserversorgung in Brasilien wird mit 45% beziffert. Neue Technologien sollen die Wasserversorgung für die Landwirtschaft effizienter gestalten. Ebenso soll die Wiederverwendung von Brauchwasser in der Industrie deren Wasserdurchsatz optimieren.

Der Geograph und emeritierte Professor Aziz Ab'Sáber von der Universität São Paulo gilt als einer der besten Kenner des Nordostens. Er berichtet von Bauern, die ihre Kulturen entlang des Flusses Jaguaribe im Bundesstaat Ceará anbauen - die Bewässerung übernehmen hier die jährlichen Hochwasser; die temporäre Nutzung des Bodens erfolgt mit dem Zurückweichen des Wassers in der Trockenzeit ("culturas de vazante"). Viele Bauern produzieren hauptsächlich Maniok, Bohnen und Mais und garantieren so die Versorgung der Märkte des Inlandes.

Soll von den großen Wehren wie dem von Castanhão künftig mehr Wasser abgegeben werden, kann diese Art der Landwirtschaft nicht mehr aufrechterhalten werden. Ab'Sáber bestätigt, dass die "Techniker der Umleitung" das genauso sehen. Aber das ist nur eine weitere Facette der Probleme am São Francisco. (Bernd Schröder)

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