Ritter von der strahlenden Gestalt

Gundolf S. Freyermuth über die Blogger-Qualitäten von Karl Kraus, die Freundschaft mit Mac und sein Verhältnis zu Windmühlen

Professor Dr. Gundolf S. Freyermuth, Jahrgang 1955, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin und als Journalist bei TransAtlantik, stern und Tempo. Zur Zeit lehrt er Ästhetik und Kommunikation an der Internationalen Filmschule Köln.

Herr Freyermuth, der Autor und selbst ernannte Konzeptkünstler Tom Kummer, der durch seine gefälschten Hollywood-Interviews berühmt wurde, hat eine School of Borderline-Journalism im Netz gegründet. Da soll man das Schreiben an der Grenze zwischen Fakt und Fiktion lernen, irgendwo im Schnittfeld von Werbung, Journalismus und Kunst. Ist es Zufall, dass Kummer mit diesem schrägen Mischprogramm im Netz gelandet ist?
Gundolf Freyermuth: Wo hätte er damit sonst landen sollen? Der Konflikt von Fakt und Fiktion durchzieht sowohl die Geschichte der Literatur als auch die der anderen Medien. Ein Musterbeispiel hierfür ist der amerikanische New Journalism der 60er Jahre. Um eine Nische zu besetzen, beschrieb der New Journalism Dinge, die das Konkurrenzmedium Fernsehen nicht zeigen konnte. Kummers Tätigkeit in Hollywood hat auch einen Mangel bedient – einen spezifisch deutschen Mangel, der im nicht vorhandenen Zugang zu bestimmten prominenten Amerikanern besteht. Darum hat er diesen Zugang fiktional gestaltet. Das waren – literarisch betrachtet – interessante Leistungen, die jedoch nicht als solche annonciert waren. Hätte er das kenntlich gemacht, hätten es die Blätter, für die er damals gearbeitet hat, nicht gedruckt. Da mag das Web als Form von Selbstverlag und Selbstpublikation natürlich ein guter Ausweg sein.
Unwahrheiten können im Netz leichter verbreitet werden als auf Papier und finden ein breites Publikum. Ist das Netz als anonymer, unkontrollierter Raum ein Paradies für Borderline-Journalisten?
Gundolf Freyermuth: Ich bin mit dieser Prämisse nicht einverstanden! Wenn Sie innerhalb der letzten Jahre einmal an einen Zeitungsstand getreten sind, sehen Sie, dass dort Hanebüchenes zuhauf auf Papier existiert. Es ist nicht wahr, dass gedruckte Medien nicht genauso viele Unwahrheiten enthalten wie das Internet. Wenn man früher durch die Stadt ging oder in der Kneipe saß, bekam man hier einen Wachtturm und dort ein anderes komisches Blättchen in die Hand gedrückt – das waren auch alles fiktionale Produkte. Die sind jetzt ins Netz gewandert. Aber dafür kann das Internet nichts. Es ist einfach das effektivere Distributionsmittel.
Von diesen Merkmalen profitiert auch der „Internet-Journalist“ Matt Drudge. Dem reicht es, wie er sagt, wenn in seinem Drudge-Report nur 80 Prozent stimmen, denn das sei bei Mainstream-Medien auch nicht anders. Ist Fälschung bei allen Medien an der Tagesordnung?
Gundolf Freyermuth: Man muss unterscheiden zwischen „nicht stimmen“ und Fälschung – hinter einer Fälschung steht eine Täuschungsabsicht. Es ist schier unmöglich, dass in einer Zeitung oder Zeitschrift alles stimmt. Ich glaube nicht, dass Sie mir ein Blatt geben können, das ich drei oder vier Stunden studiere und mit Google überprüfe, in dem ich nicht einen Fehler finde. Gute Zeitschriften haben einen laufenden Korrektur-Teil, in dem sie dem Leser sagen, was falsch war. Wie oft liest man etwas und denkt „Das stimmt doch nicht“. Dahinter steht aber keine Täuschungsabsicht, sondern menschliche Fehlbarkeit.
Aber Drudge hat deutlich gemacht, dass Unterhaltung bei ihm an erster Stelle steht. Das Faktenprüfen ist nachrangig.
Gundolf Freyermuth: Das stimmt für die meisten bunten Blätter auch. Mit Ausnahme einiger Nachrichten- und Wissenschaftsmagazine hat Unterhaltung überall absolute Priorität.
Die Berufsbezeichnung „Journalist“ war schon immer unscharf definiert. Im Internet kann jeder Nutzer publizieren. Ist damit jeder, der dort schreibt, Journalist?
Gundolf Freyermuth: Der Beruf des Journalisten war einer derjenigen, die sich am spätesten professionalisiert haben. Die journalistische Ausbildung gab es erst nach dem zweiten Weltkrieg. Ich betrachte diese Professionalisierung durchaus mit ambivalenten Gefühlen. Solange eine gewisse Offenheit besteht, hat eine Vielzahl interessanter Charaktere die Möglichkeit, sich zu entfalten. Verhärten sich die Verhältnisse, gibt es klare Ausbildungen, schließt man eine Vielzahl aus. Hätte Karl Kraus je eine Journalistenschule überstanden? Wäre Tucholsky durch einen Publizistikstudiengang gekommen?
Das Internet eröffnet parallel zu den notwendigen Professionalisierungsanstrengungen einen Freiraum – einen Freiraum für diese einzigartigen Leute wie Kraus und Tucholsky, deren Talent Verschulung und formale Qualifizierungsprozesse möglicherweise nicht überleben würde. Der Umstand, dass im Internet jeder publizieren kann, ist ein großes, großes Geschenk an die Medienöffentlichkeit, weil die Professionalisierung im Bereich der etablierten Medien relativ weit fortgeschritten ist.
Wenn sich das Nachrichtenwesen auf die Partizipation von nichtprofessionellen Reportern stützt, wie kann der Leser noch zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden?
Gundolf Freyermuth: Es ist eine Illusion, dass der Leser das vorher gekonnt hätte. Ich gebe Ihnen sofort Recht, dass er es heute nicht mehr kann – jedenfalls nicht auf Anhieb. Aber ich glaube, dies ist ein heilsamer Prozess, weil er erfordert, dass wir alles, was wir lesen, kritisch hinterfragen. Das hätten wir ohnehin schon immer tun sollen. Wenn das jetzt durch das Internet deutlich wird, ist es nur gut. Die Leute werden vorsichtiger, wacher, mündiger – es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig.
Ein zentrales Mittel, um Falsches von Wahrem oder Tatsächliches von Erfundenem zu trennen, bringt das Internet gleich mit: Mit dem Peer-Review – also den Rezensionen und Kommentaren von Leuten, die sich für kompetent halten – können wir eine Vielzahl von Meinungen sammeln, die verschiedene Glaubwürdigkeitsstufen haben. Bei Amazon hat ein Rezensent, der mehr „Reviews“ geschrieben hat, eine höhere Glaubwürdigkeit, als einer, der nur eine Rezension geschrieben hat, – und die nur, weil er vielleicht ein guter Freund des Autors ist. Ich habe zum Beispiel einmal solche Kommentare zu einem Artikel über Las Vegas bekommen. Diese Kommentare sieht ein Leser meist, solange ein Beitrag online bleibt, sodass er den Text einschätzen kann. Dadurch, dass sofort kommentiert und diskutiert wird, stellt sich so etwas wie Intersubjektivität her.
Wie kann man verhindern, dass im Netz publizierte Unwahrheiten die Glaubwürdigkeit des gesamten Journalismus in Frage stellen?
Gundolf Freyermuth: Ich glaube, man muss lernen, dass es so etwas wie den „gesamten Journalismus“ nicht gibt. Die Medien sind ja sehr unterschiedlich. Jeder erkennt die Differenz zwischen einem wissenschaftlichen Buch und einer bunten Fernsehsendung. Im Internet wird diese Unterscheidung schwieriger, weil alles im selben Medium steht. Die Websites von CNN und Drudge unterscheiden sich strukturell nicht so, wie ein Buch und eine Flimmerkiste. Man wird lernen müssen, dass mit der Ablösung von den analogen Speichermedien alles digital vermittelt wird und dass sich damit eben die einst so verschiedenen Medien strukturell angleichen.
Müssen wir damit rechnen, dass die Konkurrenz im Netz die traditionell arbeitenden Journalisten zu journalistischem Fehlverhalten provoziert?
Gundolf Freyermuth: Ich mag den Gegensatz von Journalismus „hier“ und Journalismus im Netz nicht. Das Netz ist ein Distributionsmedium wie Papier. In den 50er und 60er Jahren hatten die Fernsehjournalisten ein negatives Image. Das hat sich inzwischen erledigt, und nun sind die Netzjournalisten die Parias. Es ist die einfachste Art, mit neuer Konkurrenz umzugehen, dass man sie schlecht macht.
Was den Printmedien wirklich das Genick bricht, ist nicht die journalistische Konkurrenz, sondern der Wegfall von Kleinanzeigen. Virtuelle Zeitungen haben wesentlich bessere Serviceangebote und schlagen so den gedruckten Zeitungen die ökonomische Basis weg. Unter der Last solch verschärfter Konkurrenzbedingungen brechen feste Strukturen. Doch mit anderen Medien um die Gunst des Publikums kämpfen, das muss der Printjournalismus, seit es ihn gibt. Derartige „Betriebsunfälle“ passierten daher schon immer.
Aber auch Ihnen war der technische Fortschritt einst suspekt. Ihre erste Begegnung mit einem Computer beschreiben Sie folgendermaßen: „Wie einst Don Quijote sah ich mich mit den Folgen eines Fortschritts konfrontiert, dessen Funktionieren mir ein Rätsel war.“
Gundolf Freyermuth: Diese Unsicherheit war der produktivste Moment meines Lebens. Ich bin eben nicht wie Don Quijote gegen die Windmühlen angerannt. Stattdessen habe ich mich in meinen Mac verliebt, habe ihn mit ins Bett genommen und zu meinem besten Freund gemacht. Ich habe am eigenen Leib erlebt, wie aus einem kurzen Widerstand Begeisterung wurde – wie befreiend, produktivitätssteigernd und ermächtigend diese ursprünglich skeptisch betrachtete Technologie für mich war. Ich kann nur jedem raten: „Wage diesen Sprung. Lass dich drauf ein. Es lohnt sich!“
Tom Wolfe, der amerikanische Bestseller-Autor und Pionier des „New Journalism“, bezeichnet die Erwartung von Medienfuturisten, dass sich mit der globalen Ausbreitung des Internets auch das menschliche Bewusstsein erweitere, als „Digi-Blabla“. Sie sind so ein Medienfuturist. Was würden Sie Wolfe antworten?
Gundolf Freyermuth: Dass wir es beide nicht mit endgültiger Sicherheit wissen. Aber wir sollten uns auf eine Sache einigen: In der Geschichte der Medien der Neuzeit hat jedes Medium – angefangen beim Buchdruck – den Alltag und das Bewusstsein dramatisch verändert. Wenn das Internet das nicht tun sollte, wäre es das erste Mal in der Geschichte der Neuzeit. Die Wahrscheinlichkeit ist also auf meiner Seite.
Wenn Sie sich die Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre aus der Perspektive von 1996 anschauen: Was hat Sie überrascht, was haben Sie damals nicht vorausgesehen?
Gundolf Freyermuth: Die zentrale Qualität des Internets und der digitalen Kommunikation besteht heute darin, dass sie entortet ist. Wir können inzwischen auf der Straße, im Café, im Zug, sogar im Flugzeug online sein. Dass die Fesselung an Kabel und Schreibtisch durchschnitten würde, hat vor einem Jahrzehnt niemand vorhergesehen oder gar geplant. Das ist eine ganz großartige Sache.
Die zweite Entwicklung, mit der keiner gerechnet hat, sind diese neuen P2P-Technologien, bei denen Computer und ihre Nutzer in einem gleichberechtigten Verhältnis des Austauschs miteinander kommunizieren. Die Musiktauschbörse Napster hatte da den Anfang gemacht. Die Nutzer haben die technischen Möglichkeiten genutzt, um die Transmedialität des Netzes praktisch zu realisieren. In dieselbe Richtung gehen ja auch Bewegungen wie das Blogging oder der bürgernahe Netz-Journalismus.
Vor zehn Jahren gab es die große Furcht, das utopische World Wide Web könnte zu einem großen Supermarkt werden, wo Bertelsmann und Time Warner ihr Zeug verkaufen. Und dass alles technisch umgestellt wird auf Drücker-Mechanismen, also auf Push-Technologien. Aber von 2000 an haben die Nutzer die technischen Mittel der spontanen Interaktivität und Selbstdarstellung an sich gerissen und sich den organisierten Angeboten entgegengestellt. Sie haben sich selbst geschaffen, was sie wollten.
Mit diesen zwei Dingen hat mich das Netz dramatisch überrascht – und zwar ausgesprochen positiv. Ich glaube auch, dass das so weitergehen wird - dass der digitale Fortschritt mich auch in den nächsten zehn Jahren primär positiv überraschen wird.

Das Interview führte Annika Giese, 20. Sie studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft, Französisch und Psychologie an der Universität Hamburg. Nach dem Gespräch mit Gundolf S. Freyermuth, weiß sie, dass man Cyberprofis keine Faxe mehr schickt.

Das Interview ist eine Vorveröffentlichung aus dem neuen Netz-Magazin WebWatching (ab 01.02.2006), das Studierende des Hamburger Instituts für Journalistik und Kommunikationwissenschaft entwickelt haben. Herausgeber: Bernhard Pörksen, Universität Hamburg.

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