Robbieh…!

Europas einziger echter Superstar singt, tanzt und palavert sich durch deutsche Arenen

Dieser Mann ist wahrlich ein Phänomen: Über vierzig Millionen verkaufte Platten, unzählige Auszeichnungen, Preise und Ehrungen eingeheimst, darunter den begehrten Brit Award, davon fünfzehn Stück bislang, und das in den unterschiedlichsten Kategorien; auf der Bühne ein "charming man", mit Aura und Charisma, einer, der mühelos und spielerisch Zehntausende stundenlang bei Laune hält, sie dirigiert oder nach seiner Pfeife tanzen lässt. Kein Wunder, dass ihm das Publikum - und beileibe nicht nur das weibliche zwischen fünfzehn bis fünfzig und darüber -, aber auch Medien und Kritiker zu Füßen liegen und ihn zugleich als "sexiest man alive" und derzeit größten lebenden "entertainer on earth" bejubeln. Noch jedenfalls!

Life's too short to be afraid
So take a pill to numb the pain

Von den Göttern geküsst

Von ungefähr kommt dieser kometenhafte Erfolg sicher nicht. Schon als Kleinkind wird ihm ein Talent für Gesang und Show nachgesagt. Weswegen ihn seine Mutter als 15-Jährigen bei einem Casting-Wettbewerb in London anmeldet. Dort gibt er ein paar Songs zum Besten und wird prompt, so will es jedenfalls die Legende, in die nachweislich erfolgreichste Boygroup der 1990er aufgenommen. Quasi über Nacht wird er berühmt und von den Mädels all over the world bekreischt und angehimmelt, auch wenn er bei "Take That" meist nur den Pausenclown abgeben darf und höchst selten das Mikrofon in die Hand gedrückt bekommt.

Was zunächst wie ein Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" beginnt, entpuppt sich bald als Biografie mit vielen Haken und Ösen. Robert Peter Maximilian Williams, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, verträgt das Leben unter der Glasglocke, das strenge Reglementierungen und Knebelverträge vorsieht, alles andere als gut und verfällt zunehmend der Alkohol- und Drogensucht. Nach etlichen Reibereien mit dem Management und anderen Bandmitgliedern, insbesondere dem Sänger Gary Barlow, verlässt er nach fünf aufreibenden Jahren im Zorn die Teenie-Band und versucht sich fortan als Solokünstler.

Abgestürzt

Wirklich gelingen will ihm dieser Schritt in die Selbstständigkeit jedoch nicht. Das Image des "Boygroupie" erweist sich, wie bei vielen anderen Sängern und Sängerinnen später auch, als Karriere hemmend. Die ersten Singles, die er macht, "Freedom" oder "Old bevor I die", erobern zwar respektable Plätze in den Charts, doch die Türen zu den großen Musikbühnen und Musikfirmen öffnen ihm sich damit nicht. Und auch der erste Longplayer "Life thru the Lens" verkauft sich, trotz einiger passabler Songs, eher mittelmäßig.

Der Jungspund scheint den Vorschusslorbeeren nicht gewachsen zu sein. Schon beginnt seine Plattenfirma an ihm zu zweifeln. Enttäuscht über die Stagnation und den drohenden Absturz seiner Musikerkarriere versinkt er noch tiefer in Depression und im Drogensumpf. Als Partyhai in diversen Hotelbars unterwegs und gejagt von etlichen Paparazzi bevölkert er, mittlerweile übergewichtig geworden, bald nur noch die Klatschspalten der englischen Boulevardpresse - eine zweifelhafte Aufmerksamkeit, wie sie gegenwärtig nur noch Pete Doherty zuteil wird. Als auch noch eine Diät die andere jagt und Kuraufenthalte dem düsteren Treiben ein Ende setzen sollen, verspottet ihn Noel Gallagher, mit dem er sich eine Zeitlang recht gut verstand, auch noch öffentlich als "the fat dancer of Take That".

Traumpaar

Die Schubumkehr gelingt, als er Guy Chambers trifft und Lady Di zu Tode kommt. "Angels", den er zusammen mit seinem neuen, kongenialen Partner produziert und der Jahre später zum besten Song der letzten fünfundzwanzig Jahre gewählt wird, entwickelt sich infolge des medialen Rummels um die "Prinzessin der Herzen" im Weihnachtsgeschäft zum Selbstläufer. Binnen Wochen verkauft sich der Song über eine halbe Million Mal und kurbelt nebenbei auch noch den Verkauf des ersten Albums an.

Die Kooperation mit dem britischen Komponisten und Produzenten erweist sich für Williams als wahrer Glücksfall und Glücksgriff. Bereits das zweite Album "I’ve Been Expecting You" liefert mit "Millenium" und "No Regrets" Songs, die die Hitparaden stürmen und dem Duo 1998 diverse Preise in den Kategorien "Bester Songwriter" und "Meist gespielter Song" einbringen.

Seitdem gibt es im Prinzip kein Halten mehr. Eine Bestmarke nach der anderen wird aufgestellt, ein Rekord jagt den anderen. Die beiden Nachfolgealben "Sing When You’re Winning" und "Escapology" mit den Smash-Hits "Supreme" und "Feel" verkaufen sich millionenfach. Im Herbst 2002 unterschreibt Robbie Williams bei EMI gar den höchstdotierten Plattenvertrag in der englischen Popgeschichte. Knapp 80 Millionen Pfund, sprich 130 Millionen Euro, schaufelt dieser Deal ihm in die Taschen. Auf der "Escapology" Tour 2003 füllt er ein Stadion nach dem anderen. Allein in Knebworth versammelt er an drei Abenden jedes Mal 125 000 Menschen auf dem dortigen Parkgelände. Ganz Europa, so hat es den Anschein, liegt ihm fortan zu Füßen. Im Prinzip können er und sein Management Firmen und Partnern, die mit ihm, seinem Namen oder seinem Logo werben wollen, Preise und Kontrakte und deren Modalitäten und Konditionen diktieren.

Buch der Rekorde

Als am 19. November letzten Jahres der Vorverkauf zur jüngsten "Close Encounters"-Tournee startet, gehen noch am gleichen Tag mehr als eineinhalb Millionen Tickets über den Ladentisch - ein einmaliger Rekord, der ihm sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde beschert. Grob geschätzt werden an diesem einen Tag nahezu 120 Millionen Euro umgesetzt, wovon ein Großteil auf dem Firmenkonto des Williams Management gelandet sein dürfte. Trotz bitterster Kälte warten Tausende von Fans stundenlang vor den Verkaufshäuschen, um pünktlich um Mitternacht an eine der begehrten Karten für ihr Pop-Idol zu kommen.

Binnen kurzer Zeit werden wegen der großen Nachfrage in nahezu allen europäischen Städten Zusatzkonzerte anberaumt, die nach wenigen Stunden oder Tagen ebenso restlos ausverkauft sind. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob das nur ein PR-Gag des Veranstalters und des Managements gewesen ist, um die Nachfrage nochmals künstlich anzuheizen. Angeblich, so das Gerücht, seien die Stadien schon vorher für Doppelkonzerte angemietet gewesen. Fakt ist, dass danach allein in München das Olympiastadion für drei Abende gebucht wird, die Arena in Amsterdam gar viermal, was jedes Mal über 200.000 Besucher macht. Höhepunkt und Abschluss der Tour wird Mitte September London sein, wo das Wembley Stadion an fünf aufeinander folgenden Abenden Schauplatz der Show sein wird und längst restlos ausverkauft ist.

Auch wenn, wie von der Presse kolportiert wird, in Dresden, Berlin, Hamburg und München kurz vor den Konzerten jedes Mal neue Restkarten aufgetaucht sind und zum Schleuderpreis den Besitzer gewechselt haben sollen, was einer genaueren Recherche aber nicht standhält, hat solche Verkaufszahlen vor ihm bislang niemand geschafft. Weder die Stones, Madonna, Michael Jackson noch U2 oder Pink Floyd. Bei Ticketpreisen von siebzig bis achtzig Euro und Besucherzahlen rund um die 70 000 pro Auftritt dürften dem Künstler nach Abzug von Steuern, Produktionskosten und der Anteile für Manager und Agent jedes Mal eine knappe Million Euro übrig bleiben. Bei über vierzig Auftritten in sechs Monaten, die der 32-Jährige diesen Sommer bewältigt, macht das eine stolze Summe von ca. dreißig bis vierzig Millionen Euro, die allein in seine eigene Tasche wandern wird.

Kontinentale Größe

Trotz aller Superlative, die den Künstler und Popstar mittlerweile begleiten, beziehen sich die meisten diese Daten und Zahlen nur auf sein Stammland Europa. Und hier vor allem auf England und Deutschland. Außerhalb Europas rangiert er eher unter ferner liefen. In Amerika, dem weltweit wichtigsten Markt, wo nicht nur der Hauptumsatz in der Musikbranche gemacht, sondern auch darüber entschieden wird, wer zum Weltstar taugt oder nicht, ist er, ungeachtet einiger beachtlicher Singlehit-Erfolge, weitgehend unbekannt geblieben. Und das trotz oder gerade wegen diverser Anbiederungsversuche, die sein Management sich für den US-Markt ausgedacht hat.

Die Idee, den Swing neu zu beleben und als Alter Ego Frank Sinatras mit Coverversionen des Entertainers den amerikanischen Kontinent zu entern, ging letztendlich in die Hose. Zwar gab es anerkennende Worte und wohlmeinendes Kritikerlob, und "Swing When You’re Winning" positionierte sich auch weltweit an der Spitze der Charts, doch der kommerzielle Erfolg in den USA blieb bis auf den heutigen Tag aus. In Los Angeles, wo er seit einigen Jahren wohnt und sich ein Home-Studio eingerichtet hat, lebt Williams unbekannt und unbehelligt, von Medien und Musikjournalisten wie Paparazzi.

Transatlantischer Musikverkehr

Diese Nicht-Resonanz in den USA mag verwundern. Zumindest auf den ersten Blick. In der Vergangenheit hat der transatlantische Austausch zwischen britischem und US-Pop in aller Regel relativ reibungslos funktioniert - von Ausnahmen wie Country oder Reggae mal abgesehen. So fand amerikanischer Rhythm’n’Blues ohne Umstände den Weg über den Atlantik. Songs von Muddy Waters und Willy Dixon wurden von den Beatles und den Stones aufgenommen und nach eigenen, britischen Hör- und Klangerfahrungen neu bearbeitet. Und umgekehrt erwies sich die britische Metropole als musikalisches Mekka für viele amerikanische Künstler. Beispielsweise kam Jimi Hendrix Mitte der 1960er Jahre für einige Monate über den Teich, um mit britischen Musikern zu proben. Nach seiner Rückkehr in die Staaten brachte er etliche seiner Songs dort auf Anhieb in die Charts, was ihm nebenbei einen Millionenvertrag mit einer US-Plattenfirma einbrachte.

Und auch danach, man denke nur an Led Zeppelin oder Pink Floyd in den 1970ern, an Depeche Mode oder The Cure in den 1980ern, oder U2 in den 1990ern, kam es, ungeachtet teilweise stark differierender Musikstile, höchst selten zu starken Irritationen zwischen den beiden führenden Popnationen. In aller Regel hieß Erfolg in UK oder USA auch Erfolg im Bruderland. Sogar Weichspüler wie "Coldplay" oder der britische Armeesoldat "James Blunt" können sich mittlerweile auf exorbitant hohe Verkaufszahlen stützen und mit diversen Spitzenpositionierungen in den amerikanischen Single und Alben-Charts aufwarten. Nur Robbie Williams eben nicht. Hier geht es ihm wie vor fünfzig Jahren Cliff Richard, dem als britische Version von Elvis Presley Jahrzehnte lang die Anerkennung versagt blieb.

Ungehöriger Akzent

Über die Gründe dafür darf seitdem trefflich spekuliert werden. Guckt man genauer hin, so kommt das in seinem ganz speziellen Fall vielleicht gar nicht so sehr überraschend. Der Musikjournalist Sasha Frere-Jones hat vor einiger Zeit in einem wenig beachteten Beitrag für den "New Yorker" (Blighted) die Behauptung aufgestellt, dass ein solches Desinteresse an bestimmten britischen Bands möglicherweise an moralisch ungehörigen Texten und/oder einem übertrieben stark betonten britischen Akzent liegen könnte. Das Markensigle "Very British" kommt, wenn es sich um Musikerzeugnisse handelt, zwar in Europa, aber nicht besonders gut in den Staaten an.

Und in der Tat sind Bands und Sänger dort umso erfolgreicher, je mehr es ihnen gelingt, sich einer derartigen Zuordnung zu entziehen. Coldplay und James Blunt kommen deshalb an, so Frere-Jones, weil sie sich zweifelhafter und/oder zweideutiger Textzeilen enthalten und stattdessen große Emotionen vermitteln oder sich derer bedienen. Um in Amerika zu reüssieren, muss man versuchen, sich den amerikanischen Hör- und Lesegewohnheiten anzupassen. Dort zieht man das Eindeutige dem Hintergründigen vor.

An diesen geografischen Besonderheiten oder Eigenheiten, die der US-Markt für britische Künstler und Popstars bereithält, scheinen Robbie Williams und sein Management gescheitert zu sein. Zotige Texte, zweideutige Anspielungen und überstrapazierter Gebrauch des Wortes mit den vier Buchstaben kommen im Land der Siedler und religiösen Sektierer nicht gut an. Das in europäischen Augen prüde und von seinen Wurzeln her puritanische Amerika vermag weder bestimmte Songausschnitte noch seine häufig anrüchigen und obszönen Anspielungen ohne schlechtes Gewissen zu verdauen.

Seine Mutter indirekt eine "Heilige und Schlampe" zu heißen, wie im Song "Come Undone", verletzt die familiären Gefühle nicht nur des wertkonservativen Amerika. Bei "Kids", einem Song, den er mit Kyle Minogue im Duett singt, gibt er zu verstehen, dass er der "Sodomie" nicht unbedingt abgeneigt ist, wenn es der Erfolg, die Plattenfirma oder sein provokantes Ego verlangen. Solche Zeilen laden nicht gerade zur Identifikation ein, die amerikanische Kids gemeinhin mit ihren Popstars suchen. Und auch dumme Sprüche wie: "Alles fit im Schritt", pubertäre Zwiegespräche mit "Little Robbie", die er auf der Bühne führt, oder die gagahafte Aufforderung ans Publikum, ihm jetzt und gemeinsam "einen zu blasen", möchte das US-Publikum weder hören noch sehen. Anzüglichkeiten, die moralische Ambiguitäten zulassen oder insgeheim fördern, verzeihen Amerikaner in aller Regel nicht. Nicht umsonst ist es das Mutterland aller sexuellen, moralischen und politischen Korrektheiten, das alle Arten von Diskriminierungen gnadenlos verfolgt.

Nur Amerikaner dürfen

Diese These hat durchaus was für sich. Gerade diese Mischung aus Kind und Mann, Verruchtheit und Sanftheit, Provokation und Schutzbedürftigkeit, mithin alles das, was die Marke, den Charme und die Attraktivität Robbie Williams ausmacht, kommt vielleicht in Europa an. Auch die Ambivalenz, die Rock und Pop und Entertainment bei ihm eine geniale Symbiose eingehen, hat ihn vielleicht zum einzigen wirklichen europäischen Superstar werden lassen.

Amerika tickt auch in dieser Hinsicht völlig anders. Moralische Doppel- oder Mehrdeutigkeiten werden dort mit Argusaugen betrachtet. Sänger, die Rocker und Schwuchtel zugleich sind, zu schonungsloser Selbstbespiegelung und Zweifeln an der eigenen Existenz neigen, und damit die Werte der Familie und der Gemeinschaft mit Füßen treten, kommen im prüden Amerika nicht wirklich gut an. Und proletenhaftes Auftreten schätzen Amerikaner, anders als Engländer oder Deutsche, die das eher "cool" oder "geil" finden, noch weniger. Das mussten schon die Proletenrocker Oasis erfahren, als ihr Versuch, sich als "größte Rock ’n’ Roll Band der Welt" auf dem US-Markt zu etablieren, kläglich scheiterte.

Mit Sex und Geschlecht zu spielen und moralisch inkorrekt zu handeln, ist, wenn überhaupt, nur US-Künstlern erlaubt. Solche Anspielungen und unschickliche Benimmcodes können sich ungestraft und eingeschränkt nur Madonna, Michael Jackson oder Gangster-Rapper leisten, aber nicht Briten vom Schlage eines Gernegroß wie Robbie Williams. Von Briten verlangen Amerikaner, dass sie sie nicht belehren, sondern ihnen etwas aufschließen oder nahe bringen. Frere-Jones zufolge erklärt das auch den derzeitigen Misserfolg der "Arctic Monkeys", deren anfängliche Verkaufszahlen mittlerweile stagnieren. Einerseits. Andererseits aber auch den möglichen Erfolg von Lily Allen, dem einundzwanzigjährigen Shooting-Star aus London, in den USA. Trotz aller Frechheiten, die sie in ihre Texte legt, und trotz des harten Cockney, den sie dabei verwendet, schafft sie es, dem amerikanischen Ohr das Alltagsleben in London glaubwürdig, und das heißt, ohne moralische Zweideutigkeiten zu vermitteln.

Gewiss, bisweilen mögen auch einem Europäer Williams "Scheiße"-Sprüche und Zotenwitze unangenehm aufstoßen und gehörig auf die Nerven gehen. Anders als der Puritaner toleriert er jedoch, der Musik zuliebe, solche pubertäre Aus- und Anfälle, die oft wie ein reinigender Wasserfall alles Schmutzige und Üble anschließend wieder hinweg reißt. Mit der Nichtankunft des Künstlers in den USA haben sich Robbie Williams und sein Management allem Anschein nach abgefunden. Man setzt inzwischen voll auf den europäischen Markt und ist mehrjährige Kooperationen mit europäischen Firmen eingegangen, einem Mobilfunkdienst, einem Kreditkartenanbieter und einem Handyhersteller. So kommt es, dass dem Besucher ein Konzert des Künstlers wie eine wandelnde Litfasssäule erscheint. Zwischen den musikalischen Abstammungslinien, die Williams, wie Videocasts im Vorprogramm und in der eigentlichen Show zeigen, zu Untoten des Pop wie Joy Division, Curt Cobain und Freddy Mercury sucht, füllt Reklame von Schwarzkopf über Wilkinson und T-Mobile die Pausen, ständig begleitet und untermalt vom neuen Williams’ Firmenlogo, einem geschwungenen goldenen R, das von einem Himmelauge umschlossen wird, aus dem der ägyptische Gott Horus auf den Zuschauer blickt.

Aura und Charisma

Doch was begründet den kometenhaften Aufstieg und Erfolg des nur knapp 1,70 m großen Künstlers aus der englischen Kleinstadt Stoke-on-Trent? Was ist es, was ihn zur Stil- und Pop-Ikone der Nullerjahre in Europa gemacht hat?

Unterhält man sich mit seinen meist weiblichen Fans oder liest Kritiken professioneller Berichterstatter nach, bekommt man keine eindeutige Antwort. Ob es nun seine wechselvolle Geschichte von Aufstieg und Fall ist, die sowohl von ihm als auch von anderen in Biografien verbreitet worden ist und ständig zu neuen Geschichten, Mythen und Legenden Anlass gibt; ob es sein jugendlicher Charme und sein Charisma sind, die er auf der Bühne gezielt versprüht, der ihn irgendwie nie altern und zu einem Mehmet Scholl des Showbusiness werden lässt; ob es der Superstar ist, der sich volkstümlich gibt und eigentlich wie der nette Kumpel von nebenan wirkt; oder ob es tatsächlich die Arrangements seiner Songs sind, die den Massengeschmack eines ganz bestimmten Publikums treffen - genau weiß man es nicht.

Auf der Bühne jedenfalls bieten Williams und sein gewaltiger Tross neben einer bombastischen Band (die schon mal besser war), bombastischem Sound und bombastischer Lightshow, die auf dieser Tour sehr dezent, stimmungsvoll und farblich wie geschmacklich sehr abgestimmt erscheint, eine Art One-Man-Standup-Comedy-Theater, das zwar penibel einstudiert und zeitlich genau terminiert ist, aber jeden Abend wieder ganz anders sein könnte. Seine Ansagen weiten sich häufig zu nostalgischen Sketchen oder philosophischen Diskursen aus, manchmal redet er länger als er singt, und man weiß nicht genau, ob er das macht, weil er an der Qualität etlicher Songs zweifelt oder ob er einfach Spaß an der Selbstinszenierung hat, Zuspruch und Zuneigung der Massen braucht und deswegen mit dem Publikum flirten will.

Womit wir wieder beim Phänomen "Entertainer" angelangt wären, den er neben den des Fußballstars liebend gerne mimen möchte. Es ist genau dieses Talent, das er geschickt nützt, um nach einem kurzzeitigen Kräftemessen mit Stephen Duffy zum Song "Strong" überzuleiten, bei dessen Darbietung er dann mühelos beweist, wer der Stärkere ist und man sich leicht vorstellen kann, wie sich Williams im Kolosseum als musikalischer Gladiator seine Freilassung ersungen hätte.

Obwohl seine Show in Wellenbewegungen verläuft, gelingt es ihm immer wieder, das Publikum aus dem Wellental auf den Wellenkamm zu katapultieren und mit ihm trunken vor Lust darauf zu reiten. Nach der Show geht man jedenfalls irgendwie mit dem Wunsch nach Hause, dass es schön gewesen wäre, wenn man Williams und München als Hattrick hätte genießen können. Was ganz im Sinne des Sängers und Fußballers gewesen wäre, in einem Deutschland, in dem die Emotionen sich in diesem WM-Jahr freien und befreiten Lauf lassen konnten.

Zenit überschritten

Das ist die eine, sozusagen bessere Seite der Medaille Robbie Williams Andererseits, und das ist die eher schmerzliche und düstere Seite des Ganzen, mehren sich auch die Anzeichen, dass der Sänger bereits im Futur II lebt. Das heißt, es könnte sein, dass er auch in Europa seine besten Zeiten bereits hinter sich weiß. Die heftige Auseinandersetzung, die sich sein Management mit deutschen Nachrichtenagenturen wegen des Verbots visueller Berichterstattung geleistet hat, und zunächst zu einem Nachrichtenboykott, dann zu einer Neufassung der Verträge geführt hat, ist, ebenso wie der Ausverkauf, den Williams mit seinem Namen und Körper mittlerweile betreibt, höchstens eine Fußnote.

Schwerer wiegt da schon sein musikalischer Abstieg, der sich seit seinem Wechsel von Chambers zu Stephen Duffy, dem ehemaligen Gründungsmitglied der Elektropopper Duran Duran, abzeichnet. Die Transformation, den Stilwechsel und die Neuerfindung, die der Brite damit einleiten wollte, ist gründlich misslungen. "Intensive Care", das erste Album unter der Regie Duffys ist eine wenig auf- und anregende Ansammlung höchst durchschnittlicher Songs, die man alle glaubt, irgendwie und irgendwo schon mal gehört zu haben. Seitdem klingt Williams wie das Alter Ego von Stephen Duffy, und seitdem tönt es aus ihm, als ob Prefab Sprout, Human League und Roxette eine Symbiose eingegangen wären. Einfach schrecklich. Dass es Williams bislang schlechtestes Album ist, das ausschließlich dem Mainstream Tribut zollt und Plattenfirma und Werbepartner zufrieden stellt, werden nur die eingefleischtesten Robbie-Fans bestreiten.

Routinierte Bühnenpräsenz

Und genau das merkt man auch dem zweistündigen Programm der neuen Tour an, das verblüffendermaßen nur wenig Gespür für den Aufbau eines stimmungsvollen Abends zeigt. Auch der Kollege von der SZ scheint das bemerkt zu haben (Weltmeister der Herzen), der von Qualitätsabfall und Bühnenroutine spricht. Mit "Radio", "Rock DJ" und dem unsäglichen "Tripping" (warum gerade dieser Song dreimal Platin veredelt worden ist, verstehe wer will) hat es einen Auftakt, der wirklich niemanden vom Hocker reißt. Nicht einmal seine glühendsten Fans. Eine Dreiviertelstunde schleppt sich das Konzert so dahin, ohne wirklich die Menschenmassen auf den Tribünen und im weiten Rund mitzureißen und zum Tanzen, Mitsingen und Klatschen zu animieren. Auf der Bühne steht ein wieder füllig gewordener Williams, der sich gesanglich bisweilen nicht auf der Höhe zeigt und der die fehlende Qualität der neuen Songs mit überflüssigen Zotigkeiten übertüncht. Erst jetzt, nach mehreren Jahren, beginnt man zu merken, welche Songs Gänsehaut vermitteln und welche ihr Verfallsdatum bereits hinter sich haben.

Das Publikum scheint das auf seine Art zu merken. Jedenfalls tritt es Williams dieses Mal viel reservierter als sonst gegenüber. Vor drei Jahren war das an gleicher Stätte noch vollkommen anders. Damals, als er kopfüber ins Stadion fuhr, war es schier außer sich, Hingabe und Begeisterung des Publikums um ihn kannte keine Grenzen. Als der Künstler auch noch seinen langjährigen Freund Johnnie Wilkes auf die Bühne bittet und mit ihm im Duett herumswingt und herumblödelt, droht das Ganze kurzzeitig ganz abzuschmieren. Nur mit Mühe gelingt es dem Entertainer und Routinier das Ganze wieder abzufangen und mit "Strong" und "Feel", nach "Supreme" seinem vielleicht besten Stück, das Publikum nochmals kurzeitig an sich zu binden. Doch danach ist das Ganze auch schon aus und vorbei.

You think that I'm strong
you're wrong you're wrong

Zweifelhafte Neuerfindung

Der Zugabenteil, den er mit "Let me entertain you" vollkommen deplaziert einleitet, weil es den Beginn einen gänzlich neuen Konzerts suggeriert, kann den Abend nur mit Mühe retten. Und als er obendrein mit "Rudebox" noch seine neue Single ausprobiert, dessen Rapstil mit Williams völlig fehlbesetzt erscheint, schaut sein Publikum tatsächlich für kurze Zeit ziemlich verstört und hilflos drein. Williams scheint auch das zu merken. Selten hat man ihn so desorientiert und ratlos von der Bühne blicken sehen.

Stilwechsel mögen wichtig und richtig sein, um einen lang währenden und vielleicht auch dauerhaften Erfolg zu gewährleisten. Vom Oasis-Sound zum Flipping-Tripping und von da zu Rap und Dance kann aber auch völlig daneben gehen. Auch William Orbit und Mark Ronson, mit denen er sich, wie man hört, verbündet hat, müssen nicht unbedingt ein Garant für Erfolg sein. Was bei Madonnas "Confessions on a Dancfloor" hervorragend funktioniert hat, die Revitalisierung von House, Disco und Dance auf hohem Niveau, und zu einer wirklichen Neuerfindung der Popqueen geführt hat, muss bei Williams nicht unbedingt klappen. Wenn "Rudebox" tatsächlich Titel gebend für das neue Album sein soll, das im Herbst erscheinen soll und nach seinem Geburtsjahr "1974" benannt wird, dann muss man sich um die musikalische und künstlerische Zukunft des 32-Jährigen ernsthaft Sorgen machen.

Dass er danach mit "Angels" und einem überaus funkigen "Kids" sein Publikum in die Nacht verabschiedet, versöhnt zumindest seine Fans. Auch dass er noch mal kurz auf die Bühne kommt, um sich artig bei deren langjährigen Treue und Liebe zu ihm zu bedanken und ein Loblied auf das "fucking Deutschland" zu singen, nimmt man ihm das gerne ab. Ohne es und sein Mutterland sähe es gar nicht mehr so rosig um ihn aus. Es hat den Anschein, als ob er zurzeit gerade dieses Deutschland nötiger braucht als jemals zuvor. (Maria und Rudolf Maresch)

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