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Robert Menasse und die Verteidigung der Nation

Bild: Pixabay/CC0

Doch die Konsequenz kann nicht ein Zurück zum Nationalismus sein, sondern eine Verbindung von Kritik an Staat, Kapital und Nation

Noch ist unklar, ob der Publizist Robert Menasse am 18. Januar tatsächlich wie geplant in Mainz die Carl Zuckmayer-Medaille verliehen bekommt. Denn laut taz [1] wird weiter geforscht, ob Menasse noch mehr Zitate kreativ erfunden hat.

Menasse muss schon sehr unter Druck stehen oder einen besonderen Sinn für Humor haben, wenn er auf die Aufforderung, ein Zitat zu belegen, erwidert, das Buch dazu habe er gerade nicht zur Hand. Es sei in Brüssel, in der Hauptstadt der EU also, deren Gedeihen für Menasse ein besonderes Anliegen ist. Er ist schließlich so kreativ mit den historischen Fakten umgegangen, weil er damit eine in seinen Augen supranationale EU gegen den Ansturm der Rechten und Nationalisten verteidigen wollte.

Ausdruck historischer Amnesie

Dass er dann ausgerechnet Walter Hallstein wieder ausgräbt und ihn in Auschwitz 1958 seine Antrittsrede als Kommissionspräsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) halten lässt, ist auch ein Ausdruck der allgemeinen historischen Amnesie. Hallstein war einigen noch wegen der nach ihm benannten, 1969 obsolet gewordenen Doktrin [2] bekannt. Ihr zufolge waren diplomatische Beziehungen, die Staaten mit der DDR knüpften, von der BRD als unfreundlicher Akt zu bewerten.

Jeder müsste sofort merken, dass im Jahr 1958 in Auschwitz, das im Bereich des Warschauer Vertrags lag, kein EWG-Präsident eine Rede halten konnte. Zudem scheint kaum mehr präsent, dass auch für die Politik der BRD Auschwitz zu dieser Zeit kein Thema war. Schließlich lebten damals noch fast alle Täter und die willigen Vollstrecker. Und es lebten die, die sich an den deportierten Juden bereichert hatten.

Linke, die Ende der 1950er Jahre an die NS-Verbrechen erinnerten, wie der Westberliner Student Reinhard Strecker [3] oder der damalige Tübinger Student Herman L. Gremliza [4] wurden heftig angefeindet [5].

Als der damalige Generalstaatsanwalt von Hessen, Fritz Bauer, die Verbrechen von Auschwitz vor Gericht bringen will, befindet er sich im Feindesland [6]. Doch die von Bauer vorangetriebenen Auschwitz-Prozesse haben erst das Schweigen über die Massenvernichtung in der BRD beendet. Es ist also für jeden Menschen mit etwas historischem Wissen klar, dass Hallstein 1958 keine Rede zur EWG in Auschwitz gehalten haben kann.

Der Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, Ingo Way, verweist [7] auf Hallsteins Biographie, um auf die besondere Perfidie hinzuweisen, ausgerechnet mit ihm Auschwitz zu instrumentalisieren.

Für Hallstein, der als Juraprofessor während des "Dritten Reichs" Mitglied in mehreren NS-Organisationen war, unter anderem im "Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund", der Berufsvereinigung der Juristen in Nazideutschland, und im Zweiten Weltkrieg als Leutnant der Wehrmacht in Frankreich diente, spielte in seinem politischen Denken (auch wenn er wohl kein glühender Nazi gewesen war) Auschwitz nie eine besonders große Rolle - ebenso wenig wie für die übrigen Gründungsväter der EWG.

Ingo Way, Jüdische Allgemeine

Auschwitz als EU-Gründungsmythos?

Aus einer anderen Perspektive kritisiert Clemens Heni in seinem Blog [8] die Instrumentalisierung von Auschwitz als EU-Gründungsmythos [9]:

Die Erinnerung an Auschwitz für das postnationale Europa zu instrumentalisieren, ist der neue Höhepunkt ekelhafter Kritzelei im 21. Jahrhundert. Das Schlimme ist: die Kritik am Nationalismus ist so enorm wichtig, dass sie nicht mit von geradezu krimineller Energie getriebenen achtelgebildeten Schriftstellern übernommen werden darf. Das führt erstens dazu, dass Historiker wie Heinrich August Winkler diese handwerklichen Mängel sofort erkennen und das wiederum benutzen, um die Kritik am Nationalstaat insgesamt zu diffamieren.

Dabei ist, das ist das Komplizierte, aus zionistischer Perspektive, und nur die gilt, der Nationalstaat für Juden und Israel die Rettung. Man kann mit Kant den "ewigen Frieden" herbeiwünschen, aber das geht auf Kosten der Juden und Israels.

Das spricht aber genauso wenig für den Deutschnationalismus von AfD bis Pegida und allen etablierten Parteien im von Heimat besoffenen Weltmeister-Deutschland. Da hätte Menasse viel zu diskutieren gehabt, aber eine Rede in Auschwitz gegen den Nationalstaat zu erfinden, ist an Dummheit wie Perfidie nicht zu überbieten. Der Zionismus ist viel älter als Auschwitz, aber er ist seit 1948 Staat gewordene Sicherheit vor einem nächsten Auschwitz.

Clemens Heni [10]

Während allerdings Clemens Heni von einer antinationalen Position ausgeht und die Gründung Israels als notwendige Selbstverteidigung gegen den Antisemitismus verteidigt, will Aleida Assmann als Denkzettel an Menasse gleich den Nationenbegriff positiv [11] besetzen [12].

Nun rennt Assmann damit offene Türen ein. Den Nationenbegriff nicht den Rechten überlassen, sondern selbst verwenden, wollen in Deutschland bis auf eine kleine Minderheit alle.

Nationenbegriff positiv besetzen als Denkzettel für Robert Menasse?

Noch weiter in der Verteidigung des Nationalen geht der israelische Philosoph Yoram Hazony [13] in seinem Buch Die Tugend des Nationalismus [14].

Hazony, Direktor des Herzl Institute in Jerusalem, wuchs in dem Bewusstsein auf, dass Israel nur als unabhängiger Nationalstaat existieren kann, der seine Angelegenheiten selbst regelt und seine Souveränität nicht an supranationale Institutionen abgibt. Seine Großeltern waren in den 1920er- und 1930er-Jahren ins damalige Palästina gekommen, um einen unabhängigen jüdischen Staat zu gründen und nicht mehr auf die Duldung Dritter angewiesen zu sein. Diese nationale Unabhängigkeit gilt es ihm heute dringend zu bewahren - und dieses Recht spricht er auch jedem anderen Staat der Welt zu.

Denn die Welt ist für Hazony dann am besten regiert, wenn Nationen ihren unabhängigen Weg gehen können, ihre eigenen Traditionen pflegen und ihre eigenen Interessen verfolgen. Das nämlich ist Hazonys Definition von "Nationalismus", die nichts mit aggressivem Chauvinismus und Überlegenheitsdünkel zu tun hat.

Mit diesem Begriff bezeichnet er schlicht die Ansicht, dass die beste internationale Ordnung eine ist, die aus vielen unabhängigen Nationalstaaten besteht. Man kann in Hazonys Sinne also auch dann Nationalist sein, wenn man dem jeweils eigenen Land keine besonders leidenschaftlichen Gefühle entgegenbringt. Deshalb vermeidet er auch das vermeintlich freundlichere Wort "Patriotismus", zum einen, weil es die Sache nicht trifft, zum anderen, weil Hazony Euphemismen ganz und gar nicht mag.

Ingo Way, Jüdische Allgemeine [15]

Nun verweisen auch Linke, die mit der Nation anbandeln wollen, gerne auf den Unterschied. Nur wird dann in Deutschland oft "gesunder Patriotismus" gegen "übersteigerten Nationalismus" abgegrenzt. Hazony will dagegen den Nationalismusbegriff positiv besetzen und gegen den Patriotismus abgrenzen. Doch das diese Differenzierungen in der Praxis nicht tauglich sind, wird in der Rezension [16] von Ingo Way deutlich.

RESSENTIMENT Und genau dieses Ziel verfolge heute die Europäische Union: Die Nationalstaaten geben ihre Souveränität zugunsten überstaatlicher Institutionen auf. Und weil das für Länder mit einer stolzen nationalen Tradition aber doch ein schmerzlicher Verlust ist, entstehen Ressentiments gegen diejenigen, die eben nicht bereit sind, ein solches Opfer zu bringen: allen voran die Israelis, aber mittlerweile auch die Visegrád-Staaten, die keine muslimischen Einwanderer aufnehmen wollen, die Briten, die für den Brexit gestimmt haben, und die USA unter Donald Trump, der die Interessen seines eigenen Landes vertritt, statt Welterlösungspläne zu hegen. Sie alle werden heute von wohlmeinenden Europäern mit allen erdenklichen Invektiven bedacht, bis hin zum Faschismusvorwurf.

Ingo Way, Jüdische Allgemeine [17]

So verteidigt der angebliche gemäßigte Nationalist Hazony die rechte Orbán-Regierung, die gute Beziehungen zu Israel mit auf Soros bezogenen Antisemitismus verbinden kann. Es hat den Anschein, dass er mit dem Buch eine theoretische Grundlage schaffen will für die Zusammenarbeit der israelischen Regierung mit Ultrarechten nicht nur in Europa wie das Beispiel Brasilien zeigt.

Beim Lob des Nationalismus fällt unter den Tisch, dass dessen Aufstieg immer mit Antisemitismus einherging. Ein Denkzettel für Robert Menasse kann daher nicht die Rehabilitation des Nationalismus sein, sondern die Erkenntnis, dass der liberale Supranationalismus wie ihn Menasse vertritt, real nicht möglich ist.

Daher hat er sich mit erfundenen Reden eine Legitimation verschaffen versucht. Doch die Konsequenz kann nicht ein Zurück zum Nationalismus, sondern eine Verbindung der Kritik von Staat, Kapital und Nation sein.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4272735

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.taz.de/!5561377/
[2] https://www.geschichte-abitur.de/lexikon/uebersicht-deutsche-teilung/hallstein-doktrin
[3] https://www.tagesspiegel.de/wissen/ns-justiz-aufklaerer-reinhard-strecker-wider-die-politik-des-vergessens/12445686.html
[4] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46174970.html
[5] https://www.deutschlandfunkkultur.de/pioniere-der-ns-aufarbeitung.950.de.html?dram:article_id=25437
[6] https://www.zeit.de/2014/47/fritz-bauer-auschwitz-prozesse-staatsanwalt
[7] https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/die-besondere-ironie-im-fall-menasse/
[8] http://www.clemensheni.net
[9] http://www.clemensheni.net/auschwitz-als-eu-gruendungsmythos-erfinden-der-fall-claas-menasse-oder-schreiben-im-zeitalter-von-robert-relotius/
[10] http://www.clemensheni.net/auschwitz-als-eu-gruendungsmythos-erfinden-der-fall-claas-menasse-oder-schreiben-im-zeitalter-von-robert-relotius/
[11] https://www.welt.de/kultur/plus186597538/Aleida-Assmann-Menasse-setzt-Nation-und-Nationalismus-gleich.html
[12] https://derstandard.at/2000095510535/Aleida-Assmann-zu-Robert-Menasse-Nation-ist-nicht-gleich-Nationalismus
[13] http://www.yoramhazony.org/
[14] http://www.yoramhazony.org/tvn/
[15] https://www.juedische-allgemeine.de/israel/moses-gegen-kant/
[16] https://www.juedische-allgemeine.de/israel/moses-gegen-kant/
[17] https://www.juedische-allgemeine.de/israel/moses-gegen-kant