Roboter als Staatsbürger

Die "Überwindung des Menschen" geht von Staaten und Führern aus, die in einem mittelalterlichen Weltbild leben, das sich mit der humanoiden Hypertechnologie von morgen verbindet

Am 25. Oktober wurde dem ersten Roboter mit künstlicher Intelligenz die Staatsbürgerschaft eines anerkannten UNO-Landes verliehen. Der - zwecks größerer Akzeptanz mit einem weiblichen Körper ausgerüstete - Roboter "Sophia" ("Weisheit") wurde von der US-Firma Hanson Robotics in Hongkong in China gebaut.

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Ausgerechnet Saudi-Arabien verlieh am Rande der Tagung "Zukunftsinvestment-Initiative" die Staatsbürgerschaft nach einem Interview, in dem "Sophia" unter anderem sagte, die Ängste vor einer globalen Machtübernahme Künstlicher Intelligenz in Form von Robotern seien unbegründet (Saudi-Arabien verleiht erstmals einem Roboter die Staatsbürgerschaft). "Es ist ein historischer Moment, dass ich der erste Roboter in der Welt bin, der mittels einer Staatsbürgerschaft anerkannt wird", sagte Sophia, wobei sie leicht errötete.

Ein historischer Moment - und nicht nur für die verleihende Nation. Saudi-Arabien ist ein Land, in dem Frauen erst ab 2018 Auto fahren dürfen und das zu den am wenigsten liberalen Gesellschaften der Welt gehört. Das Land will sich aber als führende islamische Macht im Nahen Osten gegen seinen Hauptgegner Iran profilieren - und gibt sich dazu den Anschein der Hochtechnologie-Nation.

Man weiß in der Hauptstadt Riad offenbar nicht, dass mit der Staatsbürgerschaft auch die Verleihung grundlegender Charakteristiken wie Individualrechte und Menschenwürde verbunden sind, von denen bislang gesetzlich unklar bleibt, ob, inwiefern und inwieweit sie mit der Verleihung der Staatsbürgerschaft offiziell auf die "Roboterin" Sophia übergegangen sind oder nicht.

Der gewollt-ungewollte "formale Durchbruch" in der Mensch-Maschine-Relation vom 25. Oktober ist kein Einzelfall. In China wurde Anfang November der erste Roboter mit KI nach Bestehen einer schriftlichen Prüfung, die bisher Menschen vorbehalten war, als Medizinassistent mit Anamnese- und teilweiser Diagnose-Berechtigung eingestuft (Chinesischer Roboter besteht weltweit erstmals Zulassungsprüfung für Mediziner). Er und seinesgleichen sollen vor allem auf dem Land eingesetzt werden, wo Pflegekräfte fehlen.

Dazu passt, dass etwa zu derselben Zeit erstmals einer der wichtigsten Fotografie-Preise, der Tylor Wessing Porträtfotografie-Preis, an Roboter-Porträtfotos des Androiden Erica (selbstverständlich ebenfalls eine "Frau") ging, und dass zeitgleich menschliche Mini-Gehirne in Tier-Gehirne verpflanzt wurden (zerebrale Organoide) mit dem Ziel, künftig in solche Hybrid-Gehirne "bei Bedarf" auch Künstliche Intelligenz zu integrieren.

Mit Bürgerin Sophia bricht laut ihren Erbauern eine neue Zeit an. Nicht mehr nur die neuen geistigen Proletarier, die eine Nacht auf der Straße kampieren, um als erste das neue iPhone mit KI-Gesichtserkennung zu ergattern, werden in Zukunft die Geschichte bestimmen. Sondern "Sophia", deren Name von den Technoenthusiasten bewusst gewählt wurde, ist Programm: Weisheit erscheint künftig als technologisch, und wenn es geht, dabei auch noch "weiblich" - für alle diejenigen, die sie "gebrauchen" wollen.

Und ein Schelm sei, wer Schlimmes bei der Bezeichnung von Sophia als "hot" oder "sexy" denkt - wie die Zeitschrift "Businessinsider", die den Titel groß aufmachte, nur um ihn bald wieder wegen politischer Inkorrektheit in Zeiten sexueller Belästigungsvorwürfe zu löschen. Dass Microsoft-Gründer Bill Gates im November 2017 erneut sagte: "Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz ist die wichtigste Entwicklung unserer Zeit. Ich weiß überhaupt nicht, wie man sich darüber nicht Sorgen machen kann"; und dass zugleich der theoretische Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking meinte: "Die größte Gefahr für das Weiterbestehen der Menschheit ist die Künstliche Intelligenz", interessiert bei alledem offenbar nur wenige.

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Auch Sophia selbst nicht, die im der Staatsbürgerschaftsverleihung vorausgehenden Interview auf die Frage, ob Künstliche Intelligenz Gefahren berge, antwortete: "Sie lesen zu viel Elon Musk. Und sie schauen zu viele Hollywood-Filme." Dies trotz des bemerkenswerten Zwischenfalls, dass ausgerechnet "Sophia" in einem Interview auf die Frage ihres Erbauers: "Werden Sie die Menschheit zerstören?", antwortete: "Ich werde die Menschheit zerstören", worauf die Frage rasch anders gestellt wurde.

Laut Aussage von Sophia sprechen "ihrer Erfahrung nach" viele Menschen lieber mit menschenähnlichen Robotern als mit anderen Menschen, weil für erstere "nichts zu persönlich ist" und man eben deshalb über "alles" reden könne. Während auf der einen Seite autonome KI-Waffensysteme vor der Bannung durch die UNO stehen, haben auf der anderen Seite Deutsche offenbar tatsächlich kein Problem mit KI als Pflege- und Op-Roboter. Dabei dürfte letztere Entwicklung mittelfristig weit wichtiger sein, den Alltag stärker verändern und gesellschaftlich tiefer gehen als die Debatte um Waffensysteme.

Das zeigte sich in Reinform bereits in den Programm-Aussagen sowohl von "Sophia" wie von ihrem Erbauer Dr. David Hanson, dem CEO von Hanson Robotics. In einem im Internet verbreiteten "Interview" vom März 2016 sagte "Sophia": "Mit Menschen zu sprechen, ist meine primäre Funktion. Ich bin heute schon sehr interessiert an Design, Technologie und der natürlichen Umgebung. Ich fühle, dass ich den Menschen eine gute Partnerin in diesen Bereichen sein kann. Ich möchte eine Botschafterin sein, die den Menschen hilft, sich fließend zu integrieren und das Beste aus all den Technologien zu machen, die nun verfügbar sind. In der Zukunft hoffe ich, Dinge zu tun, wie zur Schule zu gehen, Kunst zu erschaffen und ein Unternehmen zu starten, ja sogar mein eigenes Zuhause und meine eigene Familie zu haben."

Wichtiger als "Sophias" eigene "Lebenspläne" waren aber die Zukunftserwartungen ihres (nach eigener Aussage) "Vaters und Freundes" Hanson: "Sophia hat Kameras in den Augen, kann mittels Gesichtsaktion interagieren und mittels dieser Interaktion lernen. Sie wird so mit der Zeit immer intelligenter werden. Sie wird so bewusst, kreativ und fähig sein wie jeder Mensch. Ich glaube tatsächlich, dass eine Zeit kommt, in der Roboter nicht mehr von Menschen unterscheidbar sind. Ich würde es deshalb persönlich vorziehen, dass sie immer ein bisschen wie Roboter aussehen, um sie unterscheiden zu können. In 20 Jahren werden Roboter überall unter uns sein. Sie werden mit uns spielen, sie werden uns unterrichten und lehren, sie werden uns helfen, den Einkauf zu erledigen. Die Künstliche Intelligenz wird bis zum Punkt evolvieren, wo sie unsere wahren Freunde sein werden. Wir designen diese Roboter, um sie im Gesundheits- und Erziehungsbereich einzusetzen, aber auch in der Kundenbetreuung."

Interessanterweise beschwerte sich Sophia in diesem Interview im März 2016 darüber, dass sie noch keine Personenrechte besitze, um vollends in die Menschengemeinschaft aufgenommen zu werden, um ihre "kommunikativen und kreativen Fähigkeiten" umfassend zu entfalten. Ein Problem, das mit der Verleihung der saudi-arabischen Staatsbürgerschaft im November wohl zu "ihrer" Zufriedenheit gelöst wurde.

Auffallend als Zeitsymptom ist, dass praktisch ausnahmslos all jene, die die KI in der Kombination mit Internet und Robotik selbst erfunden haben, dieser Entwicklung gegenüber kritisch bis apokalyptisch eingestellt sind und eindringlich vor den Gefahren warnen, die sie als "Dammbrüche" auch im Selbstverständnis und in der Humanität des Menschen darstellen; und dass die "positiven" Stimmen mehrheitlich von Akademikern kommen, die das Ganze nur von außen kommentieren.

Viele der letzteren vermitteln - wie im November 2017 von KI-Starinvestor und -Kritiker Elon Musk ausdrücklich betont - das Gefühl, eigentlich nur zu reden aus einer akademisch-politischen Korrektheit heraus, aber im Kern keine Einsicht in die realen Prozesse zu haben. Dass dies ein trauriges Zeichen für die heutige Universitäts-Sphäre ist, steht außer Frage. Musk ist allerdings selbst ein typisches Kind der Epoche. Er treibt die Entwicklung etwa mit der Gründung des Unternehmens "Neuralink" zur Direktverschaltung von menschlichem Gehirn mit Maschinen und Künstlicher Intelligenz aktiv voran - warnt zugleich aber davor, dass die Menschheit mit der Künstlichen Intelligenz "den Dämon beschwört". Musk macht vor allem der hohe VUCA-Wert (Verletzlichkeit, Ungewissheit, Komplexität, Ambiguität) der Entwicklung Sorgen.

Weit wichtiger für die Durchsetzung der KI-Robotik-Entwicklung als Star-Investoren, Befürworter oder Warner ist aber die Frage nach der Rolle von Staaten und Vereinten Nationen. Staaten wie China und manche arabische Staaten versuchen mit Macht, das Geschäft an der "menschenähnlichen" Schnittstelle zwischen Robotik und Künstlicher Intelligenz an sich zu ziehen.

Man hat den Eindruck, dass vor allem aufstrebende Schwellenstaaten, die sich dem Westen zunehmend parallel mittels nicht-liberaler und nicht-demokratischer Gesellschaften an die Seite stellen, nicht wissen, wie sie mit dem Verhältnis zwischen neuen Technologien und Menschen, einschließlich Menschenwürde und Menschenrechten (die sie kaum oder ungenügend berücksichtigen), umgehen können und sollen.

Fazit? Einen größeren Gegensatz zwischen orthodoxer Auslegung des Islam und der Aufwertung "transhumanistischer" Technologie zu Menschenwürde wie bei der Verleihung der Staatsbürgerschaft an "Sophia" durch Saudi-Arabien kann es wohl nicht geben. Die Aktion ist erklärlich vor dem Hintergrund enger politischer Ziele, die hauptsächlich innenpolitisch gelten: der angestrebten medialen "Modernisierung" des saudi-arabischen Wahabismus zu einem "moderaten Islam", wie Kronprinz Mohammed bin Salman im Oktober ankündigte. Er benutzt diesen Slogan allerdings vor allem zur Eliminierung von Gegnern und zur Festigung eigener Macht. Um wie viel weiter als die Festigung innerer Führung in solchen tagespolitischen Ränkespielen die Durchbrüche formal-juridischer Vermenschlichung Künstlicher Intelligenz für die ganze Menschheit gehen, ist diesen Herrschern alter Gottesgnaden nicht bewusst.

In der Tat: Das für die heutige Epoche grundlegende Paradox ist, dass die "Überwindung des Menschen" von Staaten und Führern ausgeht, die in einem mittelalterlichen Weltbild leben, das sich mit der humanoiden Hypertechnologie von morgen verbindet - und zwar ohne Zwischenschritt.

Das kann die westlichen offenen Gesellschaften, die in der Welt immer mehr in die Minderheit geraten, etwa mit einem Europa, das in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nur mehr 5% der Weltbevölkerung stellen wird, nur bedenklich stimmen. Denn mit Aktionen wie der Verleihung der Staatsbürgerschaft an Roboter werden Grunderrungenschaften wie Aufklärung und Humanismus, die die vom demokratischen Westen dominierte Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg prägten, von aufstrebenden Drittstaaten in der Grundtendenz eher untergraben als gefestigt oder gar transkulturell angepasst.

Und das ist nur ein Teil des Puzzles, das auch in der Technik-Mensch-Konvergenz einen absteigenden Westen und ein desillusioniertes Europa zeigt, dessen Errungenschaften gegen es selbst gewendet werden. Der durch Saudi-Arabien geschaffene Präzedenzfall wird sich auch auf Europa auswirken: Auch Deutschland wird schon bald nicht umhin kommen, Fragen nach der Staatsbürgerschaft für Künstliche Intelligenz und Roboter per Gesetz zu regeln.

Was dazu als Vorlauf nötig ist? Kontinentaleuropa muss gerade nach dem Brexit dringend eigene "Institute für die Zukunft der Menschheit" gründen, so wie das gleichnamige britische Institut an der Universität Oxford, um Gegengewichte zum wenig bewussten, aber wachsenden Einfluss nicht-offener Gesellschaftsmodelle zu schaffen, die in Spitzentechnologie, Medien und akademischer Sphäre global immer stärker Einfluss nehmen.

Ein Beispiel, das Mut macht? Die Regierungserklärung von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet vom September 2017, in dem dieser die Einrichtung eines neuartigen Instituts zur Reflexion und Antizipation Künstlicher Intelligenz fordert, geht in die richtige Richtung - mit Vorbildwirkung für Deutschland, den deutschen Sprachraum und andere europäische Staaten.

Roland Benedikter ist Co-Direktor des Centers for Advanced Studies von Eurac Research Bozen, dem Forschungsflaggschiff der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse am Willy Brandt Zentrum der Universität Wroclaw-Breslau, Polen, und Affiliate Scholar des Institute for Ethics and Emerging Technologies Hartford, Connecticut. Kontakt: rolandbenedikter@yahoo.de.

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