Roboter brauchen Rechte

Alles andere wäre blauäugig und verantwortungslos

Wenn's nicht so läuft, wie erhofft, sind meistens die Medien schuld. Das gilt für den Umgang mit Flüchtlingen, aber offenbar auch für die Akzeptanz und Integration von Robotern: Immer wieder klagen Wissenschaftler bei Robotikkonferenzen über verzerrende Presseberichte ebenso wie über Hollywoodfilme, die falsche Erwartungen weckten und Ängste schürten vor Robotern und künstlicher Intelligenz.

Es sei hier nur am Rande bemerkt, dass diese Medienkritik erstaunlich häufig mit Bildern aus Filmen wie "Robot & Frank", "Ex Machina" oder TV-Serien wie "Real Humans" illustriert wird - Produktionen also, die sich gerade durch ihre Nähe zur realen Forschung und durch kluge Erörterung technologischer und ethischer Fragen auszeichnen. Wir wollen auch nicht darauf herumreiten, dass viele Forschungsinstitute und Universitäten in den Darstellungen ihrer eigenen Arbeit, die sie an die Presse schicken, selbst gerne übertreiben. Dass Redakteure, von Termindruck und Platzmangel gedrängt, die Sache dann gerne noch weiter zuspitzen und gelegentlich auch verfälschen, ist zweifellos richtig. Aber sie sind eben auch nur Schaltstellen im erbitterten Kampf um Aufmerksamkeit und Forschungsgelder, der von vielen Seiten befeuert wird.

Interessant wird die Sache jedoch, wenn Forscher sich selbst auf die als unzuverlässig gebrandmarkten Medien berufen. So sorgte Tom Ziemke (Linköping University) beim Workshop "Robotics in the 21st Century" unlängst für einen spannenden Moment der Verunsicherung, als er die Titelzeile eines Berichts über eine Empfehlung des Europaparlaments vom vergangenen Juni projizierte, die im wesentlichen aus den Schlagworten "Rights for Robots" und "electronic personality" bestand.

Worauf Ziemke damit hinauswollte, wurde nicht ganz deutlich, denn als er seine Zuhörer fragte, wer den Vorschlag für sinnvoll halte, entstand so große Unruhe, dass er den Punkt nicht weiter vertiefen konnte. Die Frage könne so nicht gestellt werden, protestierten einige. Es hoben sich wohl auch ein paar Hände, aber nur sehr zögerlich. Bei manchen Workshop-Teilnehmern mag in diesem Moment der CLM-Alarm aktiviert worden sein, der sie davor bewahren soll, durch einen "Career Limiting Move" ihren Ruf zu ruinieren.

Das Grenzgebiet zwischen Mensch und Maschine ist für Ingenieure voller solcher Karrierefallen. Dabei hat sich die Situation in den letzten Jahren schon spürbar entspannt. Noch vor zehn Jahren konnte es als Scherz abgetan werden, wenn jemand bei einer Diskussion über Roboter anregte, ob es nicht an der Zeit sei, die Rolle der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft zu hinterfragen. Inzwischen wird zumindest bei wissenschaftlichen Konferenzen mit großer Selbstverständlichkeit darüber diskutiert, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen helfen könnte, den durch Automatisierung geschaffenen Reichtum gerecht zu verteilen.

Die Thematisierung von Roboterrechten geht dann doch zu weit, insbesondere wenn es bei dieser knappen Forderung bleibt. Tatsächlich scheinen manche Presseberichte mit der Verkürzung auf "Rechte für Roboter" und "elektronische Persönlichkeiten" genau die Absicht verfolgt zu haben, das Dokument des Europaparlaments als Ganzes zu diskreditieren. Der britische "Daily Express" schreibt denn auch ganz offen von den "bizarren Vorschlägen" der EU-Bürokraten.

Das sollte indessen ebenso wenig von der Lektüre des Dokuments abhalten wie die staubtrockene Sprache, in der es verfasst ist: Tatsächlich ist dem Rechtsausschuss des Europaparlaments ein umfangreicher, sorgfältig zusammengetragener Katalog der Herausforderungen gelungen, die Roboter nicht nur aus zivilrechtlicher Sicht aufwerfen.

Die Verfasser erkennen darin unter anderem auch die Möglichkeit an, dass Künstliche Intelligenz "die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen innerhalb nur weniger Jahrzehnte in einer Weise überflügeln könnte, die - wenn keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen werden - die Fähigkeit der Menschheit, ihre eigene Schöpfung zu kontrollieren und folglich vielleicht auch die Fähigkeit, Herr über ihr eigenes Schicksal zu bleiben und für das Überleben der Spezies Mensch Sorge tragen zu können, ernsthaft gefährden könnte". Sie warnen vor Gefährdungen des Datenschutzes, der menschlichen Privatsphäre wie auch der Sozialversicherungssysteme und fordern die Mitgliedstaaten der EU auf, "angesichts der möglichen Auswirkungen, die Robotik und KI auf den Arbeitsmarkt haben können, ein allgemeines Grundeinkommen ernsthaft in Erwägung" zu ziehen.

Ausführlich beschäftigt sich das Dokument mit Haftungsfragen. Die Autoren sind der Auffassung, "dass die zivilrechtliche Haftung von Robotern eine Frage von entscheidender Bedeutung ist, mit der sich auf europäischer Ebene befasst werden" müsse. Eine "mögliche Lösung für die komplexe Frage der Zuordnung der Verantwortung für Schäden, die von zunehmend autonomeren Robotern verursacht wurden", könne "in einer obligatorischen Versicherungsregelung bestehen, wie es sie beispielsweise für Kraftfahrzeuge bereits gibt". Zusätzlich könnte ein Fonds eingerichtet werden, um auch Schäden abdecken zu können, für die kein Versicherungsschutz besteht.

Auf jeden Fall, so die Empfehlung, solle die EU-Kommission "bei der Durchführung einer Folgenabschätzung ihres künftigen legislativen Rechtsinstruments die Folgen sämtlicher möglicher Lösungen untersuchen". Dazu zählt, neben anderen Überlegungen, dann endlich auch die Idee, die es als einzige in die Titelzeilen der Zeitungen geschafft hat, nämlich "einen speziellen rechtlichen Status für Roboter zu schaffen, damit zumindest für die ausgeklügeltsten autonomen Roboter ein Status als elektronische Personen mit speziellen Rechten und Verpflichtungen festgelegt werden könnte, dazu gehört auch die Wiedergutmachung sämtlicher Schäden, die sie verursachen, und die Anwendung einer elektronischen Persönlichkeit auf Fälle, bei denen Roboter intelligente eigenständige Entscheidungen treffen oder anderweitig auf unabhängige Weise mit Dritten interagieren".

Wohlgemerkt, es handelt sich um Ideen, die geprüft werden sollen, nicht um konkrete Vorschläge für Gesetzesvorlagen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sich die vermeintlich "bizarren Vorstellungen" daher eher als ein Dokument des Weitblicks und der Vorsorge, das helfen kann, den politischen Umgang mit der Robotik endlich auf eine breitere Grundlage zu stellen. Bislang werden Roboter insbesondere in Deutschland von der Politik ja noch vorrangig aus der verengten Perspektive der Wirtschaftsförderung betrachtet. Im Mittelpunkt steht das Wohlergehen der Roboterhersteller, ethische und soziale Fragen erscheinen da schnell als Markthindernisse, die möglichst bald ausgeräumt werden sollten.

Vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) kam denn auch prompt der Einwand, dass Überlegungen zu einem gesetzlichen Rahmen mit elektronischen Persönlichkeiten vielleicht "in fünfzig Jahren" an der Tagesordnung sein könnten, aber keinesfalls jetzt oder in zehn Jahren. Die Vorschläge des Europaparlaments, so die Befürchtung der Maschinenbauer, könnten die Entwicklung der Robotik verlangsamen.

Aber darum geht es doch gerade! Viele Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich aus dem Hamsterrad aussteigen und ein paar Gänge zurückschalten zu können. Ist es nicht das große Versprechen der Roboter, das menschliche Leben zu verlangsamen, indem sie uns Arbeit abnehmen und mehr Gelegenheiten verschaffen, dem Vogelgesang zu lauschen, zu tanzen, zu spielen oder einfach mal nichts zu tun? Stattdessen wirbt der internationale Lobbyverband der Robotikindustrie damit, dass Roboter mehr Arbeitsplätze schaffen, als sie vernichten. "Robots create Jobs" lautet die Botschaft - mit anderen Worten: Menschen entwickeln eine arbeitssparende Technologie, um selbst noch mehr arbeiten müssen. Meinen die das wirklich ernst?

Wir sollten Irritationen, wie sie Tom Ziemke mit seiner provozierenden Frage, der Rechtsausschuss des Europaparlaments mit bizarren Ideen und die International Federation of Robotics mit absurden Botschaften auslösen, als Geschenk betrachten. Es ist ein Geschenk der Roboter an die Menschen, das wir heute schon entgegennehmen können, auch wenn die Technologie noch lange nicht ausgereift ist und Maschinen, die Menschen kognitiv und manipulativ das Wasser reichen können, weit entfernt sind.

Aber allein die Aussicht, dass Roboter mehr und mehr als soziale Akteure erscheinen werden, die Unsicherheit, wie klug und geschickt sie noch werden können, die Befürchtung (oder Hoffnung!), dass sie den Menschen eines Tages übertreffen könnten - all das zwingt uns dazu, heute schon über ihren Charakter und ihre Persönlichkeiten nachzudenken. Wie soll eine Künstliche Intelligenz sich verhalten, damit ich den Umgang mit ihr als angenehm und richtig empfinde? Was darf sie, was darf sie nicht? Lauter Fragen, die sich nicht erörtern lassen, ohne gleichzeitig den Umgang der Menschen untereinander in den Blick zu nehmen und zu fragen, ob das alles so in Ordnung ist oder ob wir die Integration einer neuen technischen Lebensform nicht zum Anlass nehmen sollten, gleich das ganze gesellschaftliche Betriebssystem einem umfassenden Update zu unterziehen.

Roboter werfen die Menschen auf sich selbst zurück, und das ist gut so. Konsequenterweise empfiehlt auch das Europäische Parlament, die "Robotergesetze von Asimov auf Konstrukteure, Hersteller und Bediener von Robotern gerichtet" zu verstehen - "bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Roboter sich ihrer selbst bewusst werden oder gemacht werden (wenn überhaupt)".

Beim Workshop über die Robotik des 21. Jahrhunderts versicherte eine Forscherin einmal in der Diskussion, dass sie natürlich nicht den evolutionären Nachfolger des Menschen schaffen wolle. Als wäre das etwas Schlimmes.

Gewiss gibt es gute Gründe, eine uns überlegene Spezies zu fürchten. Schließlich haben wir selbst in unserer Geschichte Überlegenheit zumeist zur Eroberung genutzt, in der Regel auf äußerst grausame Weise, allen voran die Europäer, die die gerade erfundenen Feuerwaffen hemmungslos nutzten, um sich ganze Kontinente zu unterwerfen. Daher müssen wir es bei der Entwicklung intelligenter Roboter von vornherein darauf anlegen, sie vor allem moralisch überlegen zu gestalten. Das Risiko, dass sich die Geschichte auf womöglich noch höherem Gewaltniveau wiederholen könnte, wird sich zwar nie ausschließen lassen. Aber dagegen steht die Chance, einen grundlegend neuen Kurs einzuschlagen und das Fundament für ein neues Zeitalter zu legen, in dem Menschen und Maschinen gemeinsam und friedlich das Sonnensystem besiedeln und ihren Heimatplaneten neu erblühen lassen. Das wiegt dann doch schwerer.

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