Roboterfische im Aquarium

Das London Aquarium hat die Entwicklung von "autonomen" Robotfischen, die sich wie ihre natürlichen Vorbilder mit einem Schwanz bewegen können, finanziert und erhofft sich dadurch größere Attraktivität

Das Ziel der Robotik ist es letztlich, autonome, intelligente und möglicherweise auch sich reproduzierende Roboter zu entwickeln, die einer Vielzahl von Zwecken dienen können – oder sich eben als autonome auch aus der Kontrolle der Menschen befreien. Noch werden die meisten Roboter zwar als Arbeitssklaven gebaut, aber die Entwicklung von autonomen Robotern könnte, wie Aibo und Konsorten zeigen, durchaus in Zukunft aus der Unterhaltungs- und Spielebranche kommen. Den angeblich ersten "autonomen Roboterfisch" hat sein Erbauer, Professor Huosheng Hu von der Essex University, nun vorgestellt – und das ausgerechnet im London Aquarium.

Foto: Huosheng Hu

Wie autonom der Roboterfisch mit einer Länge von 50 cm und seinen Licht reflektierenden "Schuppen" tatsächlich ist, mag eine Frage der Interpretation sein. Hu behauptet jedenfalls, sein Roboter sei bislang der beste. Noch aber kann er nicht selbständig zu einer Aufladestation schwimmen, um sich mit einer neuen Energie zu versorgen. Dafür aber schwimmt er mit einer Höchstgeschwindigkeit von einem halben Meter pro Sekunde schon sehr ähnlich wie ein Fisch mit seinem sich in allen Richtungen bewegenden Schwanz und kann auch schnelle Kehrtwendungen wie ein biologischer Fisch machen. Vier Motoren befinden sich im Schwanz und zwei am Rumpf, mit denen Flossen auf- und abwärts bewegt werden. Ausgestattet mit zahlreichen Sensoren und KI bewegt sich der Roboterfisch auch selbständig in einem Aquarium, weicht seinen Genossen aus und stößt auch nicht an das Glas oder andere Hindernisse.

In Auftrag gegeben wurde der Roboterfisch vom London Aquarium. Vor zwei Wochen präsentierte man die drei Exemplare schließlich dem Publikum als neue Wunderwerke der Technik, die ihren natürlichen Vorbildern täuschend ähneln. Sie seien "erstaunlich schön" und gebaut worden, "um die Schnelligkeit von Thunfischen, die Beschleunigung eines Hechts und die Navigationsgeschicklichkeit eines Aals zu nachzuahmen". Das Museum will mit den künstlichen Fischen für größere Attraktivität sorgen, tatsächlich sieht man auf Videos, dass vor allem Kinder davon angetan sind. Möglicherweise werden also Zoos und Aquarien künftig noch mehr zu unterhaltsamen Schaustätten des Seltenen, Merkwürdigen und Spektakulären, in denen sich die biologische Vergangenheit mit der technischen Zukunft paart.

Our robotic fish are really wonderful to look at and very entertaining. It's amazing how beautiful and graceful their movements are – they're going to be incredibly popular with our visitors.

Foster Archer, Direktor des London Aquarium

Schon in der Renaissance und im Barock sorgten neue wissenschaftliche Erkenntnisse, technische Fertigkeiten (nicht zuletzt die Mittel der Illusionstechniken und in der Mechanik und beim Bau von Robotern) und Erkundungen der bislang unbekannten Welt für Faszination. Gesammelt wurde das Neue, Fremde und Erstaunliche in Wunderkammern, in denen natürliche, künstlerische und technische Sensationen wild durcheinander präsentiert wurden und die zu den Vorläufern der modernen Museen wurden. Jetzt soll die Begegnung mit den Tierrobotern in einem Aquarium, nicht in einem technischen Museum die Menschen der Wissenschaft und Technik näher bringen. Der Vergleich künstlich-biologisch scheint damals wie heute besonders spannend zu sein, misst sich doch der Mensch mit Gott und versucht, ihn zu übertrumpfen. In der Renaissance galt der Mensch als "zweiter Gott", aber gleichzeitig mit dem Eintritt in die Konkurrenz mit dem Schöpfer der ersten Welt faszinierte und beängstigte die Möglichkeit, Künstliches und Natürliches nicht mehr auseinander halten zu können, einen Roboter mit einem Lebewesen und ein Lebewesen mit einem Roboter verwechseln zu können. Der frühe Turing-Test führte schließlich zur Wiederholung der platonischen Höhle im cartesianischen Generalverdacht gegenüber der Wahrnehmung von vermeintlicher Wirklichkeit.

Foto: Huosheng Hu

So weit werden es die künstlichen Fische im Londoner Aquarium noch nicht bringen. Hu ist natürlich der Hoffnung, dass seine Roboterkinder nicht nur müßig im Aquarium herumschwimmen und die Besucher erfreuen können. Seine Robotfische hätten "viele Anwendungen in der wirklichen Welt", sagt er, beispielsweise "Erforschung des Meeresbodens, Finden von Lecks in Ölpipelines, Antiminenoperationen und Verbesserung der Leistung von Unterwasserfahrzeugen". Vielleicht wären sie ja auch militärisch etwa als Ersatz für die gedrillten Delfine auch zum Angriff tauglich, aber davon spricht Hu lieber nicht. Für ihn können Roboter in allen Bereichen eingesetzt werden, aber dazu muss man erstmal erzieherisch tätig werden.

"Mobile, autonome und intelligente Roboter" könnten Bestandteil des Alltagslebens sein, wovon auch Hu profitieren würde, aber die Menschen, so fürchtet er, sind dieser Invasion ihrer Lebenswelt noch nicht gewachsen. Also muss man listig vorgehen und die Fantasie der Menschen ansprechen, indem Roboter ganz harmlos als eine Art U-Boot zur Unterhaltung geschaffen und wie Zootiere ausgestellt werden. Die jetzt vorgeführten Roboterfische sind denn auch nur Teil des Projekts "RoboCity in County Hall". Hier sollen die Menschen ihre Scheu im Umgang mit intelligenten Robotern verlieren und sich mit ihnen anfreunden. Am Eingang des Aquariums empfängt so etwa die humanoide Roboterin Miranda die Besucher, verwickelt diese in eine sehr einfach gestrickte Unterhaltung und offeriert ihnen auf dem Bildschirm auf ihrer Brust einige Sehenswürdigkeiten des Aquariums.

Andere Roboter sollen folgen, um dem Menschen durch persönliche Begegnung die Scheu zu nehmen und mit der neuen Welt anzufreunden, auch wenn er nur die alte Unterwasserwelt bewundern wollte. Es könnte allerdings auch interessant sein, wie dieser Test ausgeht, in dem natürliche und künstliche Lebewesen um die Gunst oder die Aufmerksamkeit der Menschen konkurrieren Die künstlichen haben zumindest noch einen Vorteil: Man kann sie nicht essen.

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