Rock Me, Aphrodite

Aphrodite, Pompeji. Bild: Stephen Haynes/gemeinfrei

Wahnsinnig schöne Gedanken, das Glücksgefühl in der Mathematik, kulturelle Katastrophen und Lustfeindlichkeit. Ein Interview mit Friedrich Kittler

Friedrich Kittler gilt als prominentester Medientheoretiker Deutschlands. Jetzt hat er seinen Ausstieg aus der Medienwissenschaft erklärt. Der 62-Jährige kehrt in seinem Spätwerk zu den Vorsokratikern zurück. Warum, erzählt er im Interview.

Warum haben Sie Schwierigkeiten mit der Medienwissenschaft?
Friedrich Kittler: Das Problem mit der Medienwissenschaft hat sich darin geäußert, dass auch an der Tür meines Büros oder Lehrstuhls "Ästhetik und Geschichte der Medien" steht und eben nicht "Ästhetik und Theorie" oder "Wissenschaft der Medien". Die Medientheorie haben wir als neuen Lehrstuhl eingeführt. Das hatte ich schon vor geraumer Zeit, vor elf Jahren, mir sehr überlegt.
Ich wollte Mediengeschichte und nicht einfach Medienwissenschaft oder -theorie, weil schon Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts absehbar war, dass sich von McLuhan ausgehend eine sehr aktualistische Medientheorie breit macht.
Viele, die umgesattelt sind, kamen aus der Soziologie oder aus der Massenmedienforschung, beides sehr ahistorische, ungeschichtliche oder kurzatmige Wissenschaften. Ich wusste, glaube ich, schon, dass es für mich als Modell eigentlich nur Harold Innis gab, der 1950 vor dem Imperial College in London eine richtig imperiale Vorlesungsreihe gehalten hat, wo er bei den alten Ägyptern und Babyloniern anfängt und alle Fakten, zumindest was Schrift und Schriftverkehr und Briefkommunikation und Zeitungswesen angeht, perfekt historisch behandelt hat.
Das ist also die eine Sache, dass diese Geschichte nicht ganz vollständig beim mittleren Kittler war. Das ist mir bewusst. Wenn man aus der neueren deutschen Literaturwissenschaft kommt, nimmt man die griechische und lateinische Literatur, die als Einziges uns von den Medien von damals erzählt, weil sehr wenig archäologisch erhalten ist, als Horizont und als Hintergrund wahr. Das war die eine Schwäche, die, im Unterschied zu Innis, meiner Mediengeschichte lange angehaftet hat. Ich würde heute das Buch Optische Medien nicht mehr ohne Aristoteles schreiben wollen, zum Beispiel, weil der Begriff des Mediums aus der Theorie des Sehens bei Aristoteles entsteht.
Das würde ich heute gerne nachtragen, das machen auch meine jungen MitforscherInnen. Das zweite Problem mit der Medienwissenschaft, so wie sie jetzt betrieben wird, ist ihre Verwissenschaftlichung selbst, ihre Professionalisierung, ihre deutschlandweite Ausdehnung und damit eben ihre Spezialisierung auf Einzelheiten und Details.

"Medienkunst": Zum An-die-Decke-Gehen!

An welche Details denken Sie?
Friedrich Kittler: Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber ich kenne einen jungen Menschen, der hat sein ganzes Leben lang damit Karriere gemacht, dass er die Nietzsche-Schreibmaschine, die in meiner Habilitationsschrift stand, ausgeschlachtet hat.
Es gibt auch eine unheilige Allianz zwischen leichtfertigen Medienkünstlern und den Medientheoretikern, die dann den Medienkünstlern oder -künstlerinnen um den Bart gehen und sich gegenseitig hochloben. Ich war einmal auf einer elektronischen Kunstausstellung in Chicago, direkt am See, am schönen großen Michigansee. Die Medienkunst bestand im Wesentlichen aus Photoshop-Anwendungen, mit einer rühmlichen, aus Hamburg stammenden Ausnahme, die war fantastisch gut.
Die Künstler programmieren in HTML oder einer den Maschinen unendlich fernen Sprache irgendwelche Bildchen und dann kommen die jungen Professoren und Professorinnen und schreiben ihnen Artikel, was das für tolle Kunst sei. Ich habe sie alle nach ihrer Programmiersprache gefragt und sie haben ehrlich zugegeben, dass sie HTML benutzen - und diese rühmliche Ausnahme aus Hamburg: "in plain C", war seine Antwort, in einfachem C, nicht mal in C++ . Gehen Sie zu Peter Weibel. Der hat nun das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie aufgebaut, aber wenn er das Wort Medienkunst hört, dann geht er an die Decke. Es geht ihm genauso wie mir.

Unendlich viele Mitmenschen reden heutzutage über Computer ohne technische Ahnung

Die Geisteswissenschaften haben schon fast traditionell ein gestörtes Verhältnis zu Technologien. Das haben sie einmal am Beispiel der Psychophysik deutlich gemacht. Statt neugierig auf das muntere Experimentieren der Psychophysiker zu schauen, haben sich die Geisteswissenschaftler auf die Selbstbeschreibung der Psychophysik gestürzt und genüsslich festgestellt, dass diese ihren Anforderungen nicht genügt. Das war ein willkommener Anlass, die Geisteswissenschaft über die Naturwissenschaft zu stellen. Aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht müsste man heute jedoch sagen, die Geisteswissenschaft hat sich damit selbst ins Abseits manövriert. Haben Sie die gegenwärtige Medienwissenschaft einmal einer vergleichbaren Analyse unterzogen?
Friedrich Kittler: Da kann man große Parallelen ziehen. Ich finde es ungut, dass unendlich viele Mitmenschen heutzutage über Computer reden, ohne die mindeste technische Ahnung zu haben, und es in der Öffentlichkeit auch gar nicht auffällt, dass da eigentlich bisschen Geflunker dabei ist, also wieder die Technik rausgelassen und eine allgemeine Theorie gemacht wird, Cyborg-Theorien oder kollektive Intelligenz.
Obwohl, langsam scheint mir das plausibel zu klingen, dass es in Wikipedia und so weiter schon eine Art von kollektiver Intelligenz gibt. Aber Cyborgs zum Beispiel, ein ganzes Jahrzehnt lang ist man doch Judith Butler oder Donna Haraway, oder wie die Damen hießen, so vollkommen auf den Leim gegangen, oder eben William Gibson mit seinem Newromancer und den nachfolgenden Romanen, ohne das sich irgendein Mensch die Frage gestellt hätte, ob denn im Mainstream der Hardwareentwicklungstechnik das auch der Mainstream ist. Meines Erachtens überhaupt nicht.
Gut, es gibt dieses Wunder der künstlichen Retina aus Silizium, um noch einmal auf Aristoteles zurückzukommen, wo es sozusagen schon Prothesenanwendungen für Handicaps und Krankheiten gibt, Berührungsschnittstellen, Interfaces zwischen Fleisch und Silizium, aber die Milliarden werden in ganz anderen Richtungen gemacht. Wenn das stimmt, dass die wichtigste Forschung - Anton Zeilinger und so weiter - in Richtung Quantencomputerei geht, dann ist doch der Weg weg vom Fleisch und der Biocarbonmasse, die wir sind, mit 70 oder 80 Prozent Wasser, dann teilen sich die Wege noch weiter.

Gut bezahlte Programmiersklaven

Wenn es um die industrielle Softwareproduktion geht, sprechen Sie gern mal von gut bezahlten Programmiersklaven. Denn technisch gesehen ist das Computerzeitalter gar nicht so sehr beeindruckend, da wäre noch viel mehr machbar, es ist eher ein betriebswirtschaftlicher Kompromiss.
Friedrich Kittler: Das kann man so sagen, auch für den Wirtschaftsteil von Zeitungen, in denen ja nie ernsthaft über die Prinzipien geschrieben wird, nach denen die Rivalitätswettkämpfe etwa zwischen Intel und AMD in Dresden stattfinden.
Man erfährt nur, dass die einen den Aktienkurs haben und die anderen jenen, aber dass AMD zum Beispiel an ein gescheitertes europäisches Projekt anknüpft und damit Intel ganz schön in die strukturelle Enge getrieben hat, dies weiß ich immer nur aus der c't, die als einzige Zeitschrift die Prinzipien dessen, was sich gerade abspielt, publiziert und auch die Programmierer nicht als Sklaven benutzt, sondern eben als Autoren, die anderen Leuten, die es weniger gut verstehen, mit schlichten Worten beschreiben, worum es eigentlich geht.
Ich will ja auch nicht in dieser Medienwissenschaft nun die letzten technischen Einzelheiten mit meinen Studenten durchsprechen, aber Programmieren sollen sie schon lernen. Sie sollen wissen, welche Maschinen sie programmieren und wie Software und Hardware aufeinander zugeschnitten sind.