Romanze aus Seide, Blut und Bewegung

Ekstase der Sinne: Zhang Yimous neuer Geniestreich "House of Flying Daggers"

Romeo und Julia trifft Martial-Arts - Chinas Starregisseur Zhang Yimou erzählt in seinem neuesten Werk "House of Flying Daggers" wie schon in "Hero" eine archaische Abenteuergeschichte, große Gefühle in großen Bildern. Diesmal sind es die Farben des Herbstwaldes: Sattes Grün, weißhelles Gelb und dunkle Brauntöne. Hier finden spektakuläre Martial-Arts-Kämpfe mit Schwertern, Dolchen und Pfeil und Bogen statt: ein Kino, das an die Klassiker von King Hu und an Ang Lees "Crouching Tiger, Hidden Dragon" anknüpft, und dabei nicht überwältigt, sondern verführt - Kino als Kinese und grandiose Unterhaltung; ein Western auch China und zugleich eine "typisch asiatische" Romanze aus Tuch und Schwert.

Für prächtige Bilder ist Zhang Yimou seit jeher berühmt. Der ehemalige Kameramann, der bereits mit seinen ersten eigenen Filmen "Rotes Kornfeld" und "Rote Laternen" zum wichtigsten Vertreter der "Fünften Generation" des chinesischen Kinos wurde, bestach schon immer durch die Verbindung einer überraschenden und zumeist mit den Stereotypen westlicher China-Wahrnehmung brechender Geschichte und visuellem Zauber, einer Bildsprache, die immer doppelsinnig und eigenwillig bleibt. Subtil transportierte sie Zhangs Botschaften und Kommentare zur politisch-kulturellen Lage. Die Filme dieses Regisseurs enthielten schon immer mehr, als viele westliche Beobachter in ihnen sehen wollten: Auf den oppositionellen Kommentar eines heimlichen Dissidenten ließen sie sich in früheren Jahren ebenso wenig reduzieren, wie sein letzter Film "Hero" - wie von manchen geschehen - auf einen Kotau gegenüber der Pekinger Führung. In erster Linie ist Zhang ein Bilderkünstler, ein Meister darin, in Farben und Einstellungen zu sprechen.

Zhangs neuer Film "House of Flying Daggers" besitzt alle diese Tugenden und ist doch wie schon "Hero" noch mehr: In beiden Filmen erfindet dieser Regisseur sich noch einmal neu, reiht nicht einen Zhang-Yimou-Film an den nächsten. Zum zweiten Mal nach "Hero" hat der Kampfkunst-Fan Zhang das Drehbuch selbst geschrieben. Stilistisch ist der Film nicht besser oder schlechter, sondern anders. Etwas anders. Bodenständiger nämlich, etwas weniger intellektuell, abstrakt und archetypisch - dafür traditionsverbundener. Zugleich entwickelt er seine Stoffe und Themen - hier einmal mehr die von der verbotenen Liebe und der Selbstbehauptung einer "starken" Frau in einer Männerwelt, die sie schwach machen will, ihrem opferreichen Kampf um ihr Glück - weiter.

"House of Flying Daggers" muss vor allem als Ausdruck des Willens des Regisseurs gesehen werden, sich dem Massenpublikum in seiner Heimat zu öffnen, und auch im Westen die Arthouse-Nische, in denen seine früheren Werke ihre Zuschauer wie ihre Grenzen fanden, zu verlassen. Mit gewissen Konzessionen ans westliche Publikum, das mit den Erzählweisen und Motiven des chinesischen Populärkinos vergleichsweise unvertraut ist, gelingt Zhang auch diesmal ein Film, der - wie schon "Hero" - das westliche Publikum scharenweise bezaubern wird. Damit ist der Film einerseits eine Form, dem chinesischen Kino einen neuen Markt zu öffnen, ein Stück Kulturimperialismus, wenn man so will, getragen vom Stolz auf die eigenen, jahrtausendealten Traditionen, die auch das chinesische Kino speisen, genährt vom Aufbruchsgefühl des neuen China, der selbstbewussten Überzeugung, dass man sich dem Westen und den asiatischen Nachbarn gegenüber nicht verstecken muss. Andererseits ist "House of Flying Daggers" aber ebenso eine Form, um auch die heimische Industrie zu neuer Offenheit gegenüber dem Westen und westlichen Erzählweisen zu bewegen - Zhang Yimou, der seinen neuen Film ebenso wie "Hero" als "Action-Arthouse" bezeichnet hat, charakterisiert ihn mitunter als "panasiatisch", als den Versuch, Elemente verschiedener asiatischer Filmkulturen verschmelzen zu lassen. Dies ist kein Widerspruch zur "chineseness" seines Werks, es zeigt vielmehr den impliziten Anspruch, Kino zu machen, in dem sich mehr als nur das chinesische Publikum wiederfindet.

Lob der Leichtigkeit

Im Original trägt "House of Flying Daggers" den Titel "Shi Mian Mai Fu", was man ungefähr als "Hinterhalt aus zehn Seiten" übersetzen kann. Beide Titel lassen wenig doppelbödige Lesarten zu: Ein unterhaltsamer Schwertkampffilm, Martial-Arts-Kino auf hohem Niveau, das souverän mit allen Konventionen des Genres spielt. Was schon nach wenigen Minuten offenkundig ist: Dieser Film hat, was so vielen westlichen Filmen fehlt: Leichtigkeit. Keine überschnellen Schnitte wie "Spiderman", der Betrachter behält immer den Überblick, kein Pseudoepos wie "Troia", sondern fast ein Kammerspiel, einfach und klar, darum bezwingend, und kein schwülstig-düsteres, martialisches Computerspiel im Leinwandformat wie "Lord of the Rings" - an Zhangs Inszenierungskunst gemessen, wirken selbst die besseren der westlichen Filmemacher ziemlich schlicht. Zhangs Kino ist "bigger than life" und behauptet das nicht nur. Die Leichtigkeit, die hier zelebriert wird, ist um so absoluter, als das sie nicht nur die Körper betrifft, die hier maßlos durch die Luft fliegen, sondern die Herzen der Figuren. Alles hier ist Geste, ist das Streben nach Absolutheit im Moment, und nirgendwo sind "uns" diese Figuren fremder, als in der Beiläufigkeit, mit der sie ihr eigenes Leben zu opfern bereit sind. Dies können sie nur, weil sie die Idee der Hoffnung durch die der Haltung ersetzt haben, die Geschichte durch das Jetzt und Hier.

Ein Drama, eine Frau zwischen zwei Männern, dazu Wirren aus Krieg und Politik, die sie trennen, am Ende ein Liebestod im Schnee. Es ist ein leidenschaftliches Melodram, dass Zhang Yimou hier erzählt; Kino als große Oper, als Bad in opulent-grandiosen Bildern, und leidenschaftliches Fest der Sinne, bei dem kaum ein Register ausgelassen wird. Doch zugleich ist "House of Flying Daggers", auch voller Feinheiten, bildgewaltig und lyrisch zugleich, musikalisch und ergreifend. Ein Western aus China, eine abenteuerliche Romanze von Tuch und Schwert, die ihre Figuren in einen Naturzustand zurückführt, der ihr Glück bedeutet, aber auch ihr Gegenteil. Der Anfang spielt noch inmitten der Zivilisation: Im Jahr 859, die Tang-Dynastie, die das Kaiserreich regiert, ist im Begriff zu zerfallen, begegnet man der Tänzerin Mei (die atemberaubende Zhang Ziyi, längst ihrem einstigen Image als "little Gong Li" entwachsen). Obwohl sie blind ist, stellt sich bald heraus, dass sie offenbar in Kontakt zu der Oppositionsgruppe "House of Flying Daggers" steht - sie soll die Tochter des ehemaligen Leiters dieser Geheimgesellschaft sein, die als aus dem Untergrund die Herrscher bekämpft. Zunächst gefangengenommen, lässt die Obrigkeit in Form von Polizeioffizier Leo (Andy Lau) sie zum Schein aus dem Gefängnis befreien. Auf der Flucht verliebt sich ihr Befreier Jin (Takeshi Kaneshiro), der im Dienst der Polizei steht, in sie. Eine unmögliche Liebe, Romeo und Julia mit Martial Arts. Als beide den Sitz der Untergrundbewegung erreichen, eskalieren die Ereignisse...

Kino, das viele Motive streift und kombiniert: das Reiten im Film, die Wahl der Waffen, zu denen neben dem obligatorischen Schwert auch Pfeil und Bogen, sowie die "fliegenden Dolche" des Titels gehören. Gerade hier entfaltet der Film mithilfe der klug, das heißt nicht übertrieben eingesetzten Computertechnik enorme Poesie. Das Motiv des blinden Schwertkämpfers - schon in Zhangs "Happy Times" war die weibliche Hauptfigur blind - ist im asiatischen Film - vgl. zuletzt Takeshi Kitanos "Zatoichi" - sehr beliebt.

A touch of dance

Weit mehr als dieser Plot zählt, wie ihn der Regisseur inszeniert. Gleich zu Beginn steht eine ebenso hochgradig artifizielle, wie wunderbar ausgefeilte Sequenz: Umringt von Dutzenden von Männern, die kleine Trommeln halten, tanzt Mei, gekleidet in ein Kleid aus goldener Seide, durchwirkt mit türkisen Farbtönen. Mit ihrem Schal bedient sie die Trommeln, in einem Rhythmus, den ihr der Widersacher, der Polizeikapitän vorgibt, indem er kleine Bohnen gegen die Trommeln schnippt. Kinomodernität und CGI-Technik trifft hier auf Farben, Orte und Themen des chinesischen Mittelalters, Martial-Arts-Choreographie verschmilzt mit dem stilisierten Spiel der Peking-Oper.

Ganz anders geht es dann weiter: Ritte durch die wilde Natur, Verfolgungsjagden im grünen Wald - einem klassischen Thema des chinesischen Kinos. Die Farben spiegeln den Verlauf der Geschichte: Sattes Waldgrün, dann Brauntöne und Herbstfarben, dann kurz eine gelbe, blumenbeschmückte Wiese, das Hellgrün eines Bambuswaldes - in dem einer der spektakulärsten Martial-Arts-Kämpfe stattfindet, gleichermaßen eine berühmte Szene King Hu's und Ang Lees "Crouching Tiger, Hidden Dragon" zitierend - dann am Ende eine Winterszenerie. Weiß ist in China die Farbe der Trauer. Das alles ist von ähnlich programmatischem Farbgebrauch wie in "Hero", und doch sieht bei allen Ähnlichkeiten der ganze Film völlig anders aus. Zum einen, weil die Farben andere sind, wenigrer Primärtöne dominieren. Zum anderen sind Szenerie und Schauplätze authentischer, "realistischer". Wie im Western feiern die Blicke der Kamera (Zhao Xiaoding) die Landschaft, erobern den Raum. Mitunter möchte man sich in ihnen einfach verlieren. "House of Flying Daggers" ist grandiose Unterhaltung, ein ekstatisches Fest aus Seide, Blut und Bewegung, Kino als Kinese.

Das gilt besonders für zwei bravuröse Kampfszenen im Wald: Ein atemberaubend schöne, dabei sehr präzise Raumchoreographie, ein atemberaubend schönes Spiel mit horizontalen und vertikalen Linien, ein essentiell romantisches Martial-Arts-Ballett, bei aller Opulenz und Kunst der Inszenierung erzählt in archaischer Einfachheit. In seiner pathetischen, wohldosierten Übertreibung ist der Film jederzeit große Oper und zugleich einer der Höhepunkte des Martial-Arts-Genres. Mit viel Magie malt Yimou mit Menschen auf der Leinwand, nimmt auf Logik ebensowenig Rücksicht, wie auf Schwerkraft, lässt Traum, Gefühl und Bewegung zu einem einzigartigen, zeitlosen Zauber verschmelzen. Der Film ist sexy.

Verführung, nicht Überwältigung

Wenn in diesem Zusammenhang im Westen gern von "Überwältigungskino" gesprochen wird, dann ist dass eine doppelte Unverschämtheit: Sie liegt zum einen in der leicht gerümpften Nase, die man zwischen den Zeilen solcher Formulierungen förmlich sehen kann, denn überwältigen darf sich der aufgeklärte Westler ja allenfalls von Hollywood lassen - bei denen weiß man ja eh, was man zu erwarten hat: niveaulose Unterhaltung nach fester Rezeptur -, aus China haben gefälligst "authentische" Werke, möglichst in der Tradition des Neorealismus zu kommen: Filme wie "Beijing Bicycle", der oberflächlich betrachtet Vittorio de Sicas "Fahraddiebe" in die chinesische Hauptstadt verpflanzt - tatsächlich tut er auch noch eine Menge anderes -, Filme, in denen arme Menschen leiden müssen, in langsamen Einstellungen zum Weinen und irgendwann zum Lachen gebracht werden, Filme, in denen Fischer dem Fluß beim Fließen und Bauern dem Wind beim Wehen zuschauen, Filme in denen die Moderne westlich und böse und die Tradition eigen und gut ist, Filme, wie sie nur scheinbar progressiv, tatsächlich denkbar konservativ sind, und wie sie Zhang Yimou angeblich früher, in Wahrheit aber nie gemacht hat. Doch bediente er sich für seine Allegorien über Sein und Schein, das Zeigen und das Verbergen, lange Zeit der neorealistischen Form, und traf damit gerade das, was chinesischer Kommunismus und westliches Kulturpublikum in Festivals und Jurys gemeinsam haben: Den Puritanismus.

Unverschämt ist aber nicht nur der Unwille, auch Asien sein Mainstreamkino zu gönnen und die generelle Ignoranz, den Mainstream an sich so aufmerksam zu betrachten, dass zumindest die Basis- Differenzierung in guten und schlechten Mainstream möglich wird. Als ob ein Film, weil er sich populärer Mittel bedient, nicht mehr von authentischen Erfahrungen handeln, nicht gut beobachten, nicht tieferen Einsichten populärmythologische Formen geben kann. Wer "Überwältigung" sagt, meint letztlich immer auch Vergewaltigung des Betrachters, Raub seiner Freiheit, in der Konsequenz: Faschistische Ästhetik. Doch wie schon bei "Hero", wo manchem, gerade deutschen Betrachter auch nur "Riefenstahl" einfiel, versteht man hier den Unterschied zwischen Überwältigung und Verführung nicht. Wer aber verführt, lässt etwas geschehen, schafft Bedingungen dafür, dass es geschieht, aber er "macht" nicht. Alles bleibt offen und leicht, bei aller technischen Perfektion ist nichts endgültig kalkuliert. "Auf chinesischer Seite läuft alles auf ein Lob der 'Leichtigkeit' hinaus." schreibt der Sinologe Francois Jullien in seinem "Traité de l'efficacité" - und dies ist ein Schlüsselsatz zum Verständnis dieses Films.

Auch von "Nummernrevue" konnte man lesen. Welche Arroganz, mit der unterstellt wird, es ginge um pure Simulation - schon die "Ilias" und die "Odyssee" bieten in diesem Sinne nicht mehr, als eine "episodische Spieleästhetik, bei der Level für Level neue Konstellationen entstehen", wie einer schrieb - völlig übersehend, dass es auf der einen Ebene natürlich immer darum geht, das Können des Regisseurs und seiner Mitarbeiter vorzuführen, und in immer neuen Situationen, an neuen Herausforderungen entlang von Höhepunkt zu Höhepunkt zu steigern, dass hier aber zugleich die Charaktere und ihre Beziehung zueinander sich ebenso verändern, wie die Handlung als ganze.

Zhang probiert Inszenierungsformen und Gesten aus, teased an. In seinen Bildern liegt das Subversive. Zhang realisiert ein Kino der reinen Freiheit, das uns in der Entfesselung unsere eigenen Fesseln, in seiner Leichtigkeit unsere eigene Erdenschwere um so schmerzhafter vor Augen führt. Der Regisseur feiert dabei die Freiheit selbst: "To be free with the wind" sagt die Heldin am Ende - keineswegs eine Absage an die Politik also. Aber der westlichen Kritik gefällt es diesmal besser, weil hier kein klar sichtbares, in ihren Augen in chinesischen Filmen per se politisch unkorrektes Unterordnen unter irgendeine Obrigkeit auszumachen ist.

Die chinesische Erfahrung

Hinter der gradlinigen Handlung mit tragischem Ausgang verbirgt sich ein pessimistischer Lebensentwurf und eine sehr chinesische Erfahrung: Die von der Übermacht der Geschichte überzeugt ist, die persönliche Biografien und individuelle Hoffnungen immer wieder zerschlägt. Am Ende - soviel zu den angeblich "klaren" politischen Botschaften des Regisseurs - sind es die politische Fronten und Parteien, die die große Liebe verhindern, das private Glück nicht weniger zerstören als schlichte Eifersucht und Besitzanspruch. Zuletzt beschwört ein Gedicht die Macht der Liebe, erzählt davon, wie Land und Stadt durch sie zerstört werden. Die Schönheit, heißt es, sei unerreichbar. In diesem Film zumindest erleben wir das Gegenteil. (Rüdiger Suchsland)