Rosa (Alb-)träume

Millionengrab oder Goldregen: IPTV, das Fernsehen der neuen Generation kommt in Deutschland "noch" nicht aus den Startlöchern

IPTV, das so genannte Fernsehen über das Internet-Protokoll steckt in Deutschland, trotz der verspäteten großen Telekom-Offensive im Oktober letzten Jahres, noch in den Kinderschuhen. Dieser Status könnte sich in Zukunft ändern - in welche Richtung ist noch ungewiss. Das Berliner Beratungsunternehmen Goldmedia sieht in einer Studie über IPTV sehr hohes Wachstums-Potenzial für die Zukunft. Anders sehen dies die Marktforscher von Forrester, die in ihrer Studie zu dem Schluss gelangt sind, dass IPTV keine Goldgrube sondern eher eine "Geldverbrennungsanlage" für die Telekommunikationsunternehmen sein wird.

Die in den Medien kolportierten "niedrigen" Abo-Zahlen (man schätzt 25 000 Kunden) der T-Com für ihr neues Internet-Revolutions-Fernsehen, das mit einer Großoffensive an Marketingmaschinerie und hären Zielen von geplanten 1 Mio. Kunden bis Ende 2007 an den Start ging (siehe: Rob T-Online alone @ home) , lassen noch keine Hoffnung aufkommen, das das klassische Fernsehen über Terrestrik, Kabel und Satellit in Zukunft starke Konkurrenz aus den Reihen der Telekommunikationsanbieter erhält. Aus gut unterrichteter Quelle könnte die Abonnentenzahl eher noch niedriger liegen, wenn man den Großraum München als Zahlengrundlage für die anderen elf Städte (Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Köln, Frankfurt, Nürnberg, Leipzig, Hannover, Offenbach und Fürth) hernimmt. In München mussten Interessenten, die sich schon im Juli 2006 für das neue Fernsehereignis auf eine so genannte Warte-/Interessentenliste setzen ließen, zum Teil bis Mitte Januar 2007 warten, um in den neuen Premium-TV-Genuss zu kommen.

Doch nicht nur mit langer Warterei oder hohen Preisen verschreckte man den ein oder anderen Interessenten. Auch Abonnenten, die sich von all dem nicht abschrecken ließen und endlich im Januar in den Genuss dieses Vergnügens kamen, konnte man das Premium-Paket nachträglich noch mit der ersten Abrechnung vermiesen: das zuvor beworbene Sondereinführungsangebot mit kostenloser Hardware bis zum 31. Dezember 2006 war nun - nach der langen Warterei - nicht mehr gültig, da der Anschluss erst im Januar aktiviert und somit auch der Vertrag erst im Januar wirksam geworden ist. Aber als T-Com-Premium-Kunde zahlt man natürlich auch freiwillig 100 Euro zusätzliche Hardwarekosten.

Das revolutionäre rosa Premium-Fernsehen der T-Com kommt nicht aus den Startlöchern.

Rosaroter Geldsegen

Neben der Telekom startete auch HanseNet (im Mai 2006) mehr oder minder erfolgreich (bis Ende 2006 konnte man 5000 Abonnenten gewinnen) das neue Fernsehvergnügen - um einiges günstiger und lokal auf Hamburg und Lübeck begrenzt, weitere Ballungsräume (Schwerin und Rostock ) sollen in diesem Halbjahr folgen. Trotz alledem wird von einigen Unternehmen ein starkes Entwicklungspotenzial prognostiziert; die durch IPTV erzielbaren Direkterlöse im Jahre 2010 sollen laut Goldmedia auf 261 Millionen Euro geschätzt (Brutto-Endkundenumsätze, die IPTV-Erlöse wie Gebühren für Basis-TV-Pakete, Premium-Pay-TV-Abonnements, Umsätze aus Video-on-Demand-Angeboten sowie Erlöse durch interaktive Zusatzdienste umfassen) - ohne die damit zusammenhängenden Werbe-, T-Commerce- und Infrastruktur-Umsätze. Um an diesem zukünftigen Boom partizipieren zu können, wird auch O2 bis Mitte 2007 auf diesen "Gold-Zug" mit aufspringen und ein eigenes IPTV-Angebot starten. Bei einem weiteren Telekommunikationsunternehmen, Arcor, laufen die Räder auch schon heiß, für einen Start in der zweiten Jahreshälfte. Ob sich die sehr hohen Investitionen in Zukunft wirklich auszahlen, steht noch in den Sternen, beziehungsweise in Studien, man muss sich nur die richtige aussuchen.

Nomen est omen - vielleicht regnet es ja doch noch Gold für die Telekommunikationsanbieter, die in IPTV investieren werden.

Enorme Bremswirkung durch Sat und Kabel

Dass Deutschland hinter der Entwicklung anderer europäischer Länder wie etwa Frankreich oder Italien deutlich zurückbleibt, ist eigentlich kein Wunder, wenn man sich die TV-Marktgegebenheiten genauer ansieht. In Deutschland sind neben dem Satellitenempfang (14 Mio. Haushalte) auch das Kabel (19,3 Mio. Haushalte) und der terrestrische Empfang mit 1,1 Mio. Haushalten stark verbreitet. Anders die Gegebeneinheiten in Italien und Frankreich: Möchte man hier mehr als fünf TV-Programme beziehen, ist man fast ausschließlich auf den Satellitenempfang angewiesen, da die Kabelnetze nur wenig ausgebaut sind. Damit aber sind die Wettbewerbsbedingungen für neue TV-Dienste über Breitbandinternet wesentlich günstiger.

Seit 2001 bieten zum Beispiel Fastweb in Italien und seit 2003 Free in Frankreich IPTV als umfassende so genannte Triple-Play-Dienste (TV, Internet und Telefonie) an. Allein in Frankreich nutzten Ende 2005 bereits über 500.000 Haushalte Premium-Angebote, die auf IPTV-Technologie basieren. International ist die Anzahl der IPTV-Abonnenten und -Anbieter im Jahr 2006 laut der internationalen Beratungsgesellschaft Canalys stark angestiegen, und auf dem besten Wege sich zu etablieren. Von den schätzungsweise weltweit 3,6 Mio. Abonnenten entfallen alleine 2,4 Mio. auf Westeuropa. Die drei größten Provider weltweit sind laut Canalys das in Hongkong ansässige Telekommunikationskonzern PCCW Ltd. mit einem Marktanteil von 18,2 %, France Telecom mit 16,8 Prozent und der ebenfalls französische Anbieter Free mit 14 %. Zu den Ländern mit den meisten Anschlüssen zählen in Westeuropa neben dem führenden Land Frankreich auch Italien und Slowenien.

Starke Konkurrenz

Die Zahl der Breitbandanschlüsse in Deutschland steigt laut Goldmedia-Berechnungen von 10,7 Mio. Ende 2005 auf rund 23 Mio. Ende 2010. Damit werden deutlich mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte (58 %) 2010 über einen Breitband-Anschluss verfügen. Und dennoch stellt sich immer noch die Frage, ob sich IPTV als Basis-TV-Versorgung hierzulande durchzusetzen wird. Ein Grund, dass diese Entwicklung nicht so stattfinden könnte ist in den bestehenden Verträge zwischen Wohnungswirtschaft und Kabelnetzbetreibern zu finden: Viele Haushalte haben aufgrund ihrer Mietverträge keine Möglichkeit, ihren Kabelanschluss zu kündigen und müssten bei der Nutzung von IPTV doppelt bezahlen. Als zweiter und schwerwiegendster Punkt ist die TV-Landschaft in Deutschland anzuführen, die über ein sehr großes Angebot an kostenlos empfangbaren werbefinanzierten TV-Sendern verfügt. Die primär auf einem kostenpflichtigen Ansatz beruhenden IPTV-Geschäftsmodelle haben es dadurch um einiges schwerer als in anderen Ländern Europas. (Petra Vitolini Naldini)

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