Rule, Britannia!

Bild: EU/EC - Audiovisual Service/Etienne Ansotte

Politik baut traditionell mehr auf Bilder als auf Tatsachen. Die Brexit-Misere zeigt die unerwünschten Folgen überdeutlich

Theresa May wird eine bemerkenswerte Gabe nachgesagt: Sie kann eine feurige Rede halten und mit Aplomb den Saal verlassen, ohne dass das zurückbleibende Publikum nachher weiß, was May überhaupt gesagt hat. Diese Fähigkeit zu einem substanzlosen Wirbel ist der Kern ihrer Brexit-Strategie. Die sachliche Materie ist zu unbefriedigend und kontrovers, als dass sich hier je Einigungen finden ließen, deswegen werden diese schlicht simuliert.

Das Ziel, das sie dabei verfolgt, zeichnet sich allerdings ab und wird durch die Abstimmungsergebnisse vom 29.1.2019 bestätigt. Der im Vorjahr ausgehandelte und Anfang Januar abgelehnte Deal wird vom Parlament letztlich doch umgesetzt werden müssen, um den Crash des No-Deal-Brexit zu verhindern. Der Deal Mays ist, was die Beziehungen zur EU betrifft sehr vage und wird Großbritannien wohl in einen Art Limbus führen, den Yanis Varoufakis bereits zu Beginn als "Hotel-California-Effekt" beschrieben hat: "You can check out any time you like. But you can never leave!"

Tatsächlich wird das Vereinigte Königreich allein durch das kaum lösbare Problem der Grenze zwischen Nordirland und Irland zu einem dauerhaften Verbleib in einem Zollverband mit der EU gezwungen sein. Dies sind aber Folgen, die der Öffentlichkeit erst in drei Jahren klar sein werden - und dann ist Theresa May bereits in Pension. Schließlich konnte sie das Misstrauensvotum ihrer eigenen Partei nur durch die Zusage abwenden, nicht mehr als Premierministerin zu kandidieren. So weit, so bizarr.

Ob May mit ihrer widersprüchlichen und in weiten Teilen schlicht unsinnigen Strategie Erfolg haben wird, ist schwer vorherzusagen. Lohnend scheint aber die Frage, wie es überhaupt zu einer solch heillos verzwickten Lage kommen konnte. Vielleicht lässt sich dies mit Winston Churchills großer Liebe zum Film erklären.

Allein gegen den Rest der Welt

Politik bedient sich gerne eines hermeneutischen Zirkelschlusses, den Maupassant sehr klar erfasste: "Politiker belügen Journalisten und glauben später, was in der Zeitung steht." Anders gesagt, es werden Bilder entworfen, deren Fehlerhaftigkeit ihren Schöpfern sehr wohl bewusst ist. Diese Bilder lassen sich aber nutzen, um die Öffentlichkeit in eine gewisse Richtung zu lenken. Später sind die Beteiligten dann dazu verdammt den einmal entworfenen Bildern zu folgen, auch wenn diese längst unsinnig und kontraproduktiv geworden sind.

Niemand wusste dies besser als Winston Churchill. Er verstand es seine persönliche Karriere und das Schicksal seines Landes an gewisse geradezu mythische und nicht selten der Filmdramaturgie entstammende Bilder zu knüpfen. Vor dem Kriegseintritt der US-Amerikaner fuhr Churchill gemeinsam mit Franklin D. Roosevelt über den Atlantik. Im Bauch des riesigen britischen Kriegsschiffes "Prince of Wales" präsentierte Churchill Alexander Kordas Film "Lord Nelsons letzte Liebe" mit Vivien Leigh und Laurence Olivier als Admiral Nelson. Churchill konnte den Streifen nicht sehen, ohne wie ein Schlosshund zu weinen und machte aus seinen Tränen beim Tod Nelsons keinen Hehl.

Da Churchill während seiner Karrieretiefs Drehbücher für Korda schrieb, ist nicht klar, ob die Szene in der Nelson sagt: "Es gibt keinen Frieden mit einem Diktator. Man muss ihn zerstören!" sogar aus Churchills eigener Feder stammte. Zumindest verstand der nüchterne Amerikaner Roosevelt den Wink mit dem Zaunpfahl und unterstützte England bei seinem "einsamen" Kampf gegen Nazi-Deutschland. Damit war fraglos ein wichtiges Ziel erreicht. Fatal erwies sich später, dass sich das Schema "England allein gegen das Imperium" in den Köpfen des Publikums immer stärker festklammerte.

Seit England von Norwegern und Normannen gleichzeitig überfallen wurde (das ist jetzt bald tausend Jahre her), wurde an einem populären Bildteppich geknüpft, auf dem die einsame Insel umstellt von Feinden ist und sich mutig wehren muss, um nicht unterzugehen. Natürlich ist die Geschichte viel komplexer und es ist schwer auszumachen, welchen Unterschied es für den überwiegenden Teil der Bevölkerung gemacht hätte, ob sie von König Harald (N) oder von König Harold (ENG) regiert worden wären (es wurde dann bekanntlich Wilhelm).

Dieser Bildteppich aber, der in unzähligen Romanen, Politikerreden und Filmen beschworen wurde, macht heute den Brexit erst zu dem, was er ist. Immer kämpft das mutige Albion gegen ein übermächtiges Imperium. Seien es die mächtigen Nordmänner, Napoleons Frankreich, Hitler-Deutschland oder aktuell die EU.

Dass es zwischen diesen "Imperien" gewisse tiefgreifende Unterschiede gibt, ist für das simplifizierende Bild leider unerheblich. Dass zugleich England selbst ein weltweit agierendes Imperium aufgebaut hatte, das nicht wenig Elend in den Kolonien hinterließ, wird ebenso unter den Teppich gekehrt. Die Unterjochung Indiens war quasi eine Notmaßnahme, um nicht den übermächtigen Gegnern Englands ausgeliefert zu sein.

Why can't we just walk away?

"England gewinne immer die wichtigste Schlacht, nämlich die letzte." Das war eines dieser flamboyanten Bonmots Churchills. Mit ihm lässt sich die irrational anmutende Motivation der Brexiteers verstehen.

Für komplexe Vorhaben, wie das "Norway-Plus"-Konzept oder gar die Begründung für ein zweites Referendum fehlen hingegen die griffigen Bilder. Niemand steht im Pub, mit dem Pint-Glas in der Hand, auf und hält ein circa 15minütiges Impulsreferat, um einmal die Grundlinien einer EWR/EFTA-Lösung zu skizzieren. Lieber redet man davon, wie die Norweger in Stamford Bridge glorreich geschlagen wurden und man sich wenigsten die Wikinger vom Hals gehalten hat.

Conclusio: keine gemeinsame Sache mit Norwegen. Wer beispielsweise dem englischen Unternehmer und No-Deal-Brexit-Agitator Tim Martin einmal zuhört, begreift bald: Es ist ein Spezifikum der Brexit-Wirren, dass Karikatur und Wirklichkeit kaum mehr zu unterscheiden sind.

Der Sensus Communis entwickelt sich dabei zusehends in eine fatale Richtung. Ein immer größer werdender, meist männlicher Teil der britischen Seele ruft leidenschaftlich "Fuck You EU". Bemerkenswert hieran ist, dass dies nicht nur destruktiv und selbstzerstörerisch ist. Die meisten Menschen, die rechtsautoritäre Lösungen anstreben (und eine solche ist der Brexit, der schließlich nationale Größe wiederherstellen will), tun dies nicht aus reinem Frust, sondern verbinden damit gewisse Hoffnungen. Diese Hoffnungen werden meistens aus historischen Bildern gespeist.

In englischen Pubs wird deswegen längst ununterbrochen vom Zweiten Weltkrieg geredet. Gewisse Realitätsbrocken, wie das beispielsweise fraglos gefährliche Hegemoniestreben Deutschlands in der EU oder die überstarke Ausrichtung der Union auf den Profit von Unternehmen, werden überformt zu einem imaginierten heroischen Kampf.

Die No-Deal-Brexit-Erzählung lautet: "Es wird schwer werden, entbehrungsreich, aber wir machen einfach weiter, kämpfen bis zum Schluss und dann wird es schon irgendwann, irgendwie besser werden."

Eine aggressive Nostalgie, gespeist von der Erinnerung an eine Geschichte, die es so nie gegeben hat, benebelt das Entscheidungsvermögen. Unschwer ist in all dem ein gewisser Rassismus rauszuhören. In diesem hat Theresa May auch ihren einzigen, echten Trumpf. Sie braucht Jeremy Corbyn nur fragen, ob er denn wirklich offene Grenzen wolle und all das Elend, das diese dem Land bringen würden, und sie darf sich des Beifalls sicher sein.

Es wird unendlich schwer für die Mitglieder des britischen Parlaments, gegen die historischen Bilder und Fantasien anzukämpfen, die immer fester die Öffentlichkeit in ihren Bann ziehen. Möglicherweise kann es eine Generation lang dauern, bis dieser Zustand eines kollektiven Wahns analysiert und überwunden sein wird.

Aktuell ist die entscheidende Frage allerdings ganz simpel: Warum sollte die EU mit den Briten verhandeln, nachdem diese den einmal ausgehandelten Beschluss einseitig aufkündigen und nur jene Teile bewahren wollen, die ihnen selbst genehm sind? Darauf weiß auch Theresa May keine Antwort. Deswegen beflaggt sie jetzt pompös ihr wenig seetüchtiges Brexit-Schlachtschiff und segelt mutig den Feinden entgegen, um in Brüssel eine ihrer legendären Reden zu halten. (Frank Jödicke)

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