Run auf die Börsen: Warum die Demokratisierung von Aktienvermögen ein Traum bleibt

Schnelles Geld? Eher nicht für Leute, die mit wenig einsteigen. Bild: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)

Tickende Zeitbombe durch Kleinanleger und Neo-Broker: Hilft Robinhood wirklich den Armen?

Seit Anfang 2020 hat an den Aktienbörsen eine kleine Revolution stattgefunden. Das Wall Street Journal spricht davon, dass nichtprofessionelle Kleinanleger die Finanzmärkte umstülpen. Bizarre Kurssprünge bei kleinen unbekannten Aktienunternehmen wie dem Computerspielverkäufer GameStop oder der Kinokette AMC sorgten auch in Deutschland Anfang 2021 für Schlagzeilen. Heerscharen von jungen, unerfahrenen, mehrheitlich männlichen Kleinanlegern stürmen an die Börsen.

Allein im ersten Halbjahr 2021 wurden in den USA mehr als zehn Millionen neue Börsenhandels-Kundenkonten eröffnet. Kleinkunden haben in diesen sechs Monaten netto 140 Milliarden Dollar an die Aktienbörsen fließen lassen. Das entspricht einem Zuwachs von 33 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2020 und einer Versechsfachung gegenüber dem ersten Halbjahr 2019. Der Anteil von Kleinanlegern am Börsenhandelsvolumen hat sich auf mehr als 20 Prozent verdoppelt; 26 Prozent betrug er in der Spitze Anfang 2021.

Auch in Deutschland haben Börsenanlagen einen stürmischen Aufschwung erlebt: Die Anzahl der Menschen, die nun mit Aktien oder Wertpapieren an der Börse handeln, hat allein 2020 um 28 Prozent auf 12,7 Millionen zugenommen. Haupttreiber waren junge Männer aus den westlichen Bundesländern mit Beträgen von unter 2.000 Euro.

Hintergründe

Was ist geschehen? Das Schlagwort dazu heißt "Neo-Broker". Bekannte Unternehmensnamen dazu in den USA sind Robinhood und E*Trade, in Deutschland Trade Republic, Scalable Capital, Gratisbroker, Smartbroker oder JustTrade. Diese neuen Aktienhandelsunternehmen haben in der Tat eine Revolution im Aktienhandel bewirkt. Während früher die Gebühren für Akteinkäufe bei etwa zehn Dollar pro Transaktion (Kauf oder Verkauf) lagen, bieten die neuen Broker Käufe und Verkäufe von Wertpapieren meistens zum Nulltarif an.

Außerdem haben sie die Handhabung beziehungsweise die Benutzeroberflächen so stark vereinfacht, dass nun jeder Mensch mit wenigen Klicks von seinem Smartphone aus Wertpapiere in Sekundenschnelle kaufen und verkaufen kann. Die dramatische Kostensenkung wurde durch neuen Technologien, neue Software, Smartphone und Internet ermöglicht. Auch etablierte Börsenbroker wie Charles Schwab mussten ihre Gebühren nach dem Frontalangriff durch die Neo-Broker auf Null senken.

Dazu kommen als weitere Treiber die extrem niedrigen Zinsen, die viele Anleger in höher rentierliche Papiere drängt sowie die Lockdowns. Zum einen führten die staatlichen Zwangsschließungen vieler Betriebe zu hoher Arbeitslosigkeit und viel freier Zeit. Das hat einige junge Menschen in den Zeitvertreib Börsenspekulation getrieben. Zum anderen wurde ein beachtlicher Teil der staatlichen Unterstützungszahlungen von vielen Menschen dazu genutzt, das verfügbare Geld in Börsenspekulationen zu stecken. Eine Umfrage der Deutschen Bank ergab, dass in den USA die Empfänger von Unterstützungszahlungen etwa 40 Prozent der Gelder an der Börse investieren wollten.

Allein durch die Unterstützungszahlungen der Regierung Biden ab März 2021 sollten nach Schätzungen der Deutschen Bank von März 2021 zusätzlich 170 Milliarden Dollar an die Börse fließen. Die Prognose beginnt sich mittlerweile zu bewahrheiten. Allein im Juni 2021 haben Individualinvestoren laut Wall Street Journal netto für 28 Milliarden Dollar Aktien und ETFs gekauft, den höchsten Betrag seit mindestens 2014. Das sind durchaus Beträge, die Einfluss auf die Kursentwicklung der Aktien nehmen können, auch wenn sie im Vergleich zu den Beständen - das gesamte Aktienvermögen der US-Bürger wird auf 37.390 Milliarden geschätzt - gering erscheinen.

Geschicktes Marketing: Robinhood

Bahnbrecher und Marktführer in den USA mit einem Martkanteil von derzeit etwa vier Prozent am gehandelten Aktienumsatz ist Robinhood Markets Inc. Das Unternehmen will demnächst mit einem IPO selbst an die Börse gehen. Der Marktwert wird auf 20 bis 40 Milliarden Dollar geschätzt. Robinhood wurde 2013 von zwei Standford-Absolventen gegründet, die die überhöhten Provisionsgebühren im Aktienhandel zu Recht für überholt ansahen. Der Top-Slogan von Robinhood lautet: "Unsere Mission ist, Finanzanlagen für alle zu demokratisieren". Ein anderer prominenter Marketing-Spruch lautet: "Participation is Power. At Robinhood, the rich don’t get a better deal." Das Unternehmen wendet sich also ganz explizit und mit großem Erfolg an Kleinanleger, Neueinsteiger und vor allem junge Menschen unter 35 als Hauptkundensegment. Das Durchschnittsalter der Kunden liegt um die 30 Jahre.

Die von Robinhood verwalteten Depots belaufen sich auf etwa 80 Milliarden Dollar. Der Kundenstamm wird mit 18 Millionen Ende März 2021 angegeben. Der Durchschnittsbetrag der auf den Konten bzw. in den Depots liegenden Wertpapiere ist, verglichen mit herkömmlichen Broker-Konten gering. Er liegt zwischen 1.000 und 5.000 Dollar, im Durchschnitt bei 3.500 Dollar.

Neukunden werden geschickt mit einem kleinen Aktiengeschenk im Lotterieprinzip geködert, es gibt Prämien, wenn man Freunde und Bekannte wirbt, sehr niedrige Kreditzinsen, die über das Wertpapierdepot abgesichert werden. Häufig wird in den Medien und sozialen Netzwerken auch das Bild David gegen Goliath bemüht, wie pfiffige Kleinanleger träge Profis schlagen.