Rund um die Uhr wach

Mit Hilfe von Pillen kann durchgearbeitet werden

Es ist der Traum jedes gestressten Menschen, für den der Tag stets zu kurz und der Schlaf im Grunde schlicht verschwendete Zeit ist: Länger wach bleiben und mehr erledigt kriegen. Neue Medikamente machen es möglich. Zugelassen sind sie eigentlich, um Patienten, die an Narkolepsie leiden, zu behandeln. Aber zunehmend helfen sie auch Workaholics mit nur vier Stunden Schlaf auszukommen. Der Wirkstoff Modafinil macht es möglich.

Der heutige Mensch leidet häufig unter Stress. Er hat viel zu viel zu tun und viel zu wenig Zeit. Hektik bestimmt den Alltag. Erfolgreiche Managertypen brüsten sich gerne damit, mit nur einigen Stunden Schlaf auszukommen – wer mehr braucht, ist in ihren Augen ein Verlierer.

Statistisch betrachtet, schläft ein Erwachsener hierzulande jede Nacht etwas mehr als sechs Stunden. Experten gehen dagegen davon aus, dass man sieben bis acht Stunden pro Nacht schlafen sollte, der echte Wohlfühlschlaf dauert ihrer Meinung nach neun, bei manchen sogar zehn Stunden. Oft wird beklagt, dass wir eine unausgeschlafene Gesellschaft seien (Wir schlafen zu wenig). Schlafmangel bringt den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht (Zuwenig Schlaf macht alt und krank), aber auch zu viele verschlafene Stunden sind ein gesundheitliches Risiko und verkürzen das Leben (Schlafen gefährdet die Gesundheit). Eine ausgewogene Schlafdauer ist wichtig für das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit.

Temperaturaufnahme aus einem Schlaflabor (Bild: University of South Australia)

Schlafen ist gesund und lebenswichtig. Ausreichend in Morpheus Armen zu schlummern spielt eine wichtige Rolle für das Lernen und Erinnern (Wie war das noch mal im Mittelteil?), aber auch für Denkfähigkeit und Kreativität (Ratzen wie Einstein). Dennoch gelten in unserer Gesellschaft Langschläfer oft als Faulpelze.

Zudem leiden viele Menschen unter Schlafstörungen. Allein in Deutschland können Millionen allnächtlich nicht einschlafen, sie wälzen sich während ihrer Träume unruhig im Bett herum, schnarchen heftig oder leiden unter Atemaussetzern (Wenn die Nächte nicht enden wollen…).

Carpe noctem

Das Magazin New Scientist widmete die Titelstory der letzten Ausgabe den neuen Muntermacher- und Schlafmitteln. Carpe noctem – nutze die Nacht – könnte das Motto der heutigen Großstädter lauten. Werbeslogans versprechen, dass die City nie schläft und wer will schon etwas verpassen? Wozu ein Drittel oder auch nur ein Viertel des Lebens verschlafen, wo man in dieser Zeit doch prima liegen Gebliebenes abarbeiten, neue Filme anschauen oder schlicht die ganze Nacht durchtanzen könnte? Sich mit Kaffee, Tee oder Energy-Drinks einen kleinen, munterhaltenden Kick zu verschaffen, ist gesellschaftlich akzeptiert.

Gefährlicher ist der Griff zu den in den 90er Jahren immer beliebter gewordenen Amphetaminen, die in den meisten Formen schlicht verboten sind – einige Ausnahmen wie Ritalin unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz, jede Verschreibung ist meldepflichtig.

Seit einigen Jahren gibt es aber die neuen Lifestyle-Drogen, über die viel diskutiert wird (11 steps to a better brain und Neue Pillen für den neuen Menschen). Sie versprechen durch das Schlucken von Tabletten wie auf Knopfdruck mehr Leistungsfähigkeit, bessere Reaktionen, mehr Erfolg durch bessere Stimmung und den Abbau von Ängsten (Die Pille für das Vergessen).

Selbstverständlich gibt es für die meisten dieser Wirkstoffe auch medizinische Indikationen – zum Missbrauch wird es, wenn Leute bei Ärzten diverse Symptome simulieren, um an diese Medikamente zu kommen. Das gilt auch für Modafinil, die Wachmacher-Pillen, die in den USA seit 1998 unter dem Markennamen Provigil und in Deutschland als Vigil auf dem Markt sind. Hergestellt wird die Arznei gegen exzessive Tageschläfrigkeit von der Firma Cephalon, die über ihr Produkt berichtet:

Modafinil wirkt gezielt auf die Schlaf-/Wachzentren des Gehirns und fördert so spezifisch die Wachheit, ohne jedoch den gewollten Schlaf zu beeinflussen. Es unterscheidet sich in seinem pharmakologischen Profil grundlegend von herkömmlichen Stimulanzien wie den Amphetaminen und weist kein Suchtpotenzial auf.

Krankheiten und Doping

Wie genau die neuen Hallowach-Pillen wirken, ist noch unbekannt, bislang hält die Pharmafirma ihre Erkenntnisse unter Verschluss. In Deutschland fällt die Substanz unter das Betäubungsmittelgesetz, verschrieben wird sie nur auf den entsprechenden Spezialrezepten. Modafinil wird eingesetzt, um Patienten zu helfen, die tagsüber die Augen nicht offen halten können, weil sie an Schlaf-Wach-Störungen wie der Narkolepsie, oder jenen, die an nächtlichen Atemstörungen wie dem obstruktiven Schlafapnoe-Syndrom leiden. Seit vergangenem Jahr ist es auch für die Therapie des chronischen Schichtarbeiter-Syndroms zugelassen (Arznei reduziert Müdigkeit bei Schichtarbeit). Erforscht wird gerade, ob auch Patienten mit Multipler Sklerose von dem Aufputschmittel profitieren können (Modafinil in Multiple Sclerosis). Unerwünschte Nebenwirkungen der Psychostimulanz sind in seltenen Fällen u.a. Kopfschmerzen, Übelkeit, Nervosität, Angstzustände und Verdauungsstörungen. Aber nicht nur Kranke nehmen Modafinil, um ihre Leistungen zu steigern. Seit 2003 wurde es nachweislich von Sportlern als Dopingmittel eingenommen (Doping-Skandal erschüttert die WM).

Was für Leichtathleten gut ist, kann für Otto Normalverbraucher nicht schlecht sein, sagte sich das US-Militär und führte einmal mehr Medikamententests mit Soldaten durch. Ein tagelang durchkämpfender Leatherneck ist der Traum jeder Armeeführung (Maintaining alertness and performance during sleep deprivation: modafinil versus caffeine und Air Force testing new fatigue-combating drug)

Selbstversuch und Abhängigkeitspotenzial

Noch bevor die Doping-Polizei der Sport-Verbände auf Modafinil stieß, war es unter Workaholics bereits eine bekannte Stimulanz, um aufkommende Müdigkeit abzublocken. Schon vor drei Jahren startete der Journalist David Plotz einen Selbstversuch mit den Wachmachern (Wake Up, Little Susie Can we sleep less?). Er war erstaunt, wie konzentriert, munter und wunderbar er sich fühlte – obwohl er normalerweise aufgrund von Schlafmangel als Vater eines Kleinkinds spätestens am Spätnachmittag ständig kurz davor war, mit dem Kopf auf der Tastatur des Computers einzunicken. Ganz anders nach der Einnahme von Modafinil: Hellwach und voller enthusiastischer Arbeitswut stürzte er sich auf Recherchen und Texte. Er arbeitet zwar lang wie ein Besessener, brach den Versuch dann aber ab, als er sich dabei ertappte, dass er darüber nachdachte, wo er nach der angesetzten Erprobungswoche den Nachschub bekommen würde, um sich weiter so topfit zu fühlen wie in diesen Tagen.

Bisher haben Studien noch keine Anhaltspunkte dafür erbracht, dass Modafinil abhängig macht oder auf Dauer andere schwerwiegende Folgen hat. Langzeiterfahrungen fehlen noch, weil das Präparat erst seit einigen Jahren erhältlich ist.

Nach Auskunft des Herstellers Cephalon kann man mit Modafinil bis zu 48 Stunden wach bleiben, ohne dass man hinterher – wie sonst immer – den Schlaf aufholen muss. Für die Firma hat sich die Pille zur Minderung des Schlafbedürfnisses als Goldesel erwiesen. Im vergangenen Jahr gingen weltweit Packungen für 575 Millionen Dollar über die Apothekertresen. Von einem Missbrauch will Cephalon nichts wissen, die Firmensprecher stellen sich auf den Standpunkt, es handle sich um ein Medikament zur Behandlung von Narkolepsie und es sei verschreibungspflichtig – damit könne es gar keine Personen geben, die ohne einen Arztbesuch Zugang zu dem Wirkstoff bekämen. In Zeiten von Internetapotheken eine Illusion – schließlich gibt es immer eine Quelle irgendwo im Ausland. Aber das Risiko, dass ein solches Päckchen vom Zoll abgefangen wird, muss man gar nicht eingehen. Im New Scientist berichtet ein 31jähriger Programmierer aus Seattle, dass er nicht mehr viel Schlaf braucht, denn zuerst erhielt er Modafinil regelmäßig von einem Freund und inzwischen ist er selbst Inhaber von Rezepten: Diagnose Narkolepsie. „Ich würde nicht sagen, dass ich mich aufmerksamer oder weniger schläfrig fühle. Es ist nur so, dass kein Gedanke an Müdigkeit aufkommt“, berichtete er, „Ich kann mit Modafinil in der Arbeit enorm produktiv sein. Ich bin organisierter und motivierter. Und es bedeutet, dass ich Freitagnacht ausgehen und Party machen kann und trotzdem am Samstagmorgen früh zum Skifahren.“

Schlafforscher sind kritisch, wenn sie solche Berichte hören. Sie sind überzeugt, dass längerer, erholsamer Schlaf nötig ist, um gesund zu bleiben (vgl. Nicht erholsamer Schlaf). Nicht auszuschlafen kann eine Fülle von Krankheiten nach sich ziehen. Die meisten Experten sind überzeugt, dass eine pharmazeutische Unterdrückung des Schlafbedürfnisses auf Dauer den Körper schädigt. Langfristige Folgen könnten Schäden des Hormonhaushaltes oder des Immunsystems sein. (Andrea Naica-Loebell)

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