Russische Botschaft verlangt Zugang zu Skripals Tochter

Julia Skripal. Bild von ihrer Facebook-Seite

Britische Regierung lässt Aeroflot-Flugzeug durchsuchen und bezeichnet russische Handelsvertretung als "Spionenhöhle", Moskau weist weitere britische Botschaftsangehörige aus

Die britische Regierung will den weiterhin unaufgeklärten Skripal-Fall am Köcheln halten, nachdem sie es mit wenig überzeugenden Argumenten für die direkte Verantwortung des Kremls geschafft hat, eine breite antirussische Allianz aufzubauen. Gefangen im Tit-for-Tat-Spiel, angefangen mit der wechselseitigen Ausweisung von Diplomaten, scheint man weiterhin Moskau provozieren zu wollen, um durch Eskalation die Einheit und die Stabilität der britischen Regierung unter Theresa May zu wahren.

Moskau ist allerdings ebenfalls gewillt mitzuspielen. So wurde die britische Regierung am Freitag aufgefordert, das Botschaftspersonal in Russland binnen eines Monats auf die Zahl zu reduzieren, die Russland in Großbritannien hat. Damit müsste Großbritannien zusätzlich um die 50 Mitarbeiter abziehen. Überdies veröffentlichte die russische Botschaft eine Liste mit angeblich offenen Fragen zum Skripal-Fall.

Gestern wurde eine russische Aeroflot-Maschine am Flughafen Heathrow offenbar zunächst ohne Angabe von Gründen durchsucht. Ob das mit der weiteren Ausweisung von britischem Botschaftspersonal zu tun hat, ist nicht bekannt. Nach russischen Angaben, durften Kapitän und Personal dabei nicht zusehen, der Kapitän sei im Cockpit isoliert eingeschlossen worden. Russland bezeichnete die Durchsuchung der Grenz- und Zollpolizei als "offene Provokation". Das Außenministerium suggerierte, dass damit die "komplett geschädigte Reputation im Zusammenhang mit dem sogenannten Skripal-Fall" gerettet werden sollte.

Heute erklärte das britische Innenministerium, dass die Durchsuchung von Flugzeugen ein ganz normaler Vorgang sei, "um Großbritannien vor organisierter Kriminalität und denjenigen zu schützen, die versuchen, gefährliche Mittel wie Drogen oder Waffen ins Land einzuführen", berichtet Sputnik. Nach Russland entspricht das Vorgehen nicht internationalen Regeln. Man droht, auch hier das Vorgehen mit Gleichem zu vergelten und britische Flugzeuge zu untersuchen, falls keine plausible Erklärung gegeben wird.

Inzwischen braut sich eine weitere Konfrontation zusammen, wenn ein Bericht des Telegraph stimmen sollte. So soll die britische Regierung überlegen, die russische Handelsvertretung zu schließen. Die werde als "Höhle von Spionen" (den of spies) betrachtet. Der Vizevorsitzende des Außenausschusses der Duma, Alexej Tschepa, kommentierte: "Wir verstehen, wie absurd die letzten Aktivitäten der amtlichen Personen in Großbritannien sind, sei es die gestrige Durchsuchung einer Maschine der Fluggesellschaft 'Aeroflot' oder dass unsere Vertreter nicht zu Julia Skripal gelassen werden. Deshalb könnte das eine weitere Provokation sein."

Der nächste Konflikt steht bereits an, falls die britische Regierung es nicht zulassen sollte, dass die russische Botschaft mit Julia Skripal, der Tochter des Doppelagenten, konsularisch in Kontakt treten kann. Julia ist russische Staatsangehörige. Ihr geht es mittlerweile wieder besser und sie ist bei Bewusstsein, kann also darüber berichten, was vorgefallen ist und damit entweder die britische oder die russische Seite düpieren. Das britische Außenministerium will nun "in Übereinstimmung mit den Verpflichtungen des internationalen und nationalen Rechts und den Rechten und Wünschen von Julia Skripal" entscheiden.

Man kann erwarten, dass beide Seiten versuchen werden, ihren Einfluss auf die Tochter geltend zu machen. Ob dazu auch gehört, dass die russische Botschaft ankündigt, dass Viktoria Skripal, eine Kusine von Julia, diese gerne besuchen würde? Die Botschaft gab der Hoffnung Ausdruck, London möge ihr "unverzüglich" ein Visum aus humanitären Gründen ausstellen.

Die Nichte ist der Überzeugung, der Giftanschlag sei aufgrund interner Gründe auf Julia und nicht auf ihren Vater gerichtet gewesen. Irgendwie soll es einen innerfamiliären Zwist gegeben haben, da die Mutter des angeblich untergetauchten russischen Freunds von Julia enge Kontakte mit russischen Geheimdiensten haben soll. Nach Viktoria lehnte sie Julia als Tochter eines Verräters ab. Der aber sollte zu Julias Hochzeit nach Moskau kommen.

Das könnte auch eine vom Kreml ablenkende Geschichte sein, um Verwirrung zu stiften, zumal wenn der Anschlag kompliziert mit dem binären chemischen Gift während eines Besuchs ihres Vaters in London und noch dazu aus familiären Gründen ausgeführt worden sein sollte. Viktoria sagte gleichwohl gegenüber BBC, sie wisse nicht, wer für den Anschlag verantwortlich sei. Für Russland sei es der britische Geheimdienst, für Großbritannien der russische.

Man kann jedenfalls erwarten, dass London und Moskau versuchen werden, ihr Narrativ zu wahren. Kaum zu vermuten ist, dass die OPCW einen Täter nennen wird. (Florian Rötzer)

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