Russische Lieder in den Bahnhöfen von Kiew und Odessa

In Kiew wurden ein Kinderlied provokativ auf Russisch gesungen. Bild: Screenshot aus dem YouTube-Video

Fast täglich finden in der Ukraine Lieder-Flash-Mobs in russischer Sprache statt. Ultranationalistische Schlägerbanden sind machtlos gegen diese Graswurzel-Aktionen

In einigen der großen Hallen der zur Sowjetzeit gebauten Bahnhöfe in der Ukraine hörte man in den letzten zehn Tagen russische und sowjetische Lieder. In Kiew sangen Aktivisten mit Passanten das Kinderlied "Immer lebe die Sonne!" und in Charkow und Odessa die Liebeslieder "Alter Ahorn" und "Smugljanka" ("Dunkelhäutiges Mädchen").

Mit den Flash-Mobs wollen die Teilnehmer ein Zeichen setzen für den Frieden zwischen Russen und Ukrainern, ein Zeichen gegen Krieg und Zwangs-Ukrainisierung. Gegen den Graswurzel-Gesang sind ukrainische Polizei und nationalistische Schlägerbanden, die gerne mal Russland-freundliche Aktionen aufmischen, machtlos.

In Russland wurde die Idee aus der Ukraine aufgegriffen. Im "Kiewer Bahnhof" von Moskau sangen Russen das Kosaken-Lied "Burschen, spannt die Pferde ab" und in der westrussischen Stadt Lipezk sangen Aktivisten zur Ziehharmonika das bekannteste ukrainische Liebes-Lied "Tscherwona Ruta" ("Rote Weinraute").

Mit den Flash-Mobs protestieren die Aktivisten nicht nur für den Frieden zwischen Ukrainern und Russe, sondern auch gegen die immer zahlreicheren Versuche, die russische Sprache und Kultur langsam aus dem öffentlichen Leben zu drängen.

Es sind überwiegend junge Leute, die ihren Spaß daran haben, offensiv auf Russisch zu singen.

Die Zwangs-Ukrainisierung läuft auf allen Ebenen (Auch Marx und Engels haben in der Ukraine Haus- und Bilderverbot). Im Zuge eines Gesetzes zur "Dekommunisisierung" werden Tausende von Städten umbenannt, weil ihre Namen an sowjetische Wissenschaftler oder Militärs erinnern (Warum eine Eiche nicht "Peter der Große" heißen darf). Ukrainische Radio-Stationen müssen nach einem neuen Gesetz seit Anfang November jedes vierte Lied in ukrainischer Sprache senden. Die Hälfte der gesamten Sendezeit muss in ukrainischer Sprache gesendet werden.

Nach Angaben der staatlichen ukrainischen Aufsichtsbehörde Goskino wurden in den letzten zwei Jahren 430 russische Filme und Fernseh-Serien verboten.

Im Februar 2015 stimmte die Werchowna Rada für das Verbot von Filmen, welche die Streitkräfte und den Geheimdienst "des Aggressor-Landes (gemeint ist Russland, U.H.) propagieren". 83 russische und einige ausländische Schauspieler wie Gerard Depardieu kamen auf eine Schwarze Liste, weil sie angeblich eine "Gefahr für die nationale Sicherheit der Ukraine" darstellen. Den Schauspielern wurde vorgeworfen, dass sie sich "nicht richtig" über die Krim und den Krieg in der Ost-Ukraine geäußert haben (Künstler bedrohen die nationale Sicherheit der Ukraine).

Einige ukrainische Fernsehkanäle tun sich schwer mit den Film-Verboten, insbesondere die wegen angeblicher Russland-Freundlichkeit gescholtenen Fernsehkanäle "Ukraina" und "Inter". Diese Sender bedienen vor allem das russischsprachige Publikum und wollen nur ungern auf Filme verzichten, die eine gute Einschaltquote garantieren.

Um die Verbote zu umgehen, kommen die Sender auf immer neue Ideen, so wird das Erscheinungsjahr des Films, der Produktionsstandort und sogar der Titel des Filmes geändert. Seit Anfang Januar sei das Verbot, russische Filme zu zeigen, 93mal gebrochen worden, teilte der Leiter des ukrainischen Rates für Kino und Fernsehen, Juri Artemenko, per Facebook mit. Besonders häufig wurde das Verbot von den Fernsehkanälen "Ukraina" und "Inter" gebrochen.

Jeden Monat gibt es neue Meldungen über in der Ukraine verbotene russische Filme. Ende November gab die staatliche Kino-Agentur der Ukraine das Verbot von sieben russischen Filmen bekannt, darunter Filme mit so harmlosen Titeln wie "Das Leben ist der Richter", "Zweite Chance", "Zerbrochene Schicksale", "Fremde Kinder", "Ich suche einen Mann".

Viele Verbote richten sich gegen Filme, in denen es um den Kampf der Roten Armee gegen die Hitler-Wehrmacht geht. So wurde in der Ukraine Mitte April die russische TV-Serie "Ladoga" über die Blockade von Leningrad durch die deutsche Wehrmacht (fast eine Million Hungertote) verboten. Im Februar kam der russische Film "Hitler kaputt!" auf die Schwarze Liste. Oft werden Filme verboten, in denen das Leben der russischen Soldaten oder russischer Nationalstolz dargestellt wird, wie in den Filmen Scharfschütze, Marsch-Sprung, Ich diene dem Vaterland, Die Herren Offiziere, Nebel, Brat-2 und Weiße Garde.

Am 29. März 2106 verabschiedete die Werchownaja Rada Ergänzungen zum "Gesetz über Kinematografie". Während bis dahin nur Filme verboten wurden, welche "die Tätigkeiten des Aggressor-Landes (gemeint ist Russland, U.H.) "bekannt machen und propagieren", sind nun alle seit dem 1. Januar 2014 veröffentlichten Filme aus Russland, unabhängig von ihrem Inhalt, verboten Auch Kino-Star Till Schweiger bekam schon in den Geschmack der jetzt "europäischen" Ukraine. Ein Tatort-Film mit Schweiger wurde in der Ukraine verboten, weil der russische Geheimdienst in dem Film angeblich zu gut dargestellt wird (Ukraine verbietet Schweiger-Tatort).

Betroffen von Verboten sind auch Bücher. Im August 2015 erließ die ukrainische Aufsichtsbehörde Gosteleradio eine Liste von 38 Büchern, deren Verkauf in der Ukraine verboten ist. Im Juli dieses Jahres wurde die Liste auf insgesamt 72 Titel aufgestockt (Liste verbotener Bücher vom Juli 2016).

Zu den verbotenen Büchern gehören vor allem Bücher, die sich kritisch mit dem Machtwechsel und dem Krieg in der Ukraine beschäftigen, so auch das Buch des ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidenten Nikolai Asarow "Die Wahrheit über den Staatsstreich" ("Ohne Hilfe der USA hätte es keinen Staatsstreich gegeben"). (Ulrich Heyden)

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