Russischer Geheimdienst GRU: Spekulationen über Todesfälle und Verschwundene

GRU-Flagge. BIld: mil.ru

Nach der angeblichen GRU-Pannenserie: Im November starb der GRU-Chef, britische Medien bringen einen seit Oktober untergetauchten Militär mit dem Skripal-Fall in Verbindung

Der russische Militärgeheimdienst GRU (Hauptverwaltung für Aufklärung), der eigentlich zu GU umbenannt wurde, wird derzeit sowohl dämonisiert als auch wegen einiger vermeintlicher Pannen belächelt. Er gilt als wesentlicher Strippenzieher bei der Übernahme der Krim und der Organisation der "Volksrepubliken" im Donbass und soll in Syrien eine wichtige Rolle spielen. Er soll aber auch hinter den Hackangriffen auf die US-Präsidentschaftswahl 2016 und die Wahlen 2017 in Frankreich stecken und für den Giftanschlag auf die Skripals verantwortlich sein.

Wenig rühmlich ist es, dass das US-Justizministerium in diesem Jahr Klage gegen 12 namentlich genannte GRU-Mitarbeiter wegen Beeinflussungsversuchen erhoben hat, wenn die Zuschreibung denn stimmt. Aufgeflogen ist ein versuchter Lauschangriff auf Teilnehmer einer Konferenz der Welt-Antidoping-Behörde Wada 2016 in Lausanne, vier GRU-Agenten wurden kürzlich aus den Niederlanden ausgewiesen, weil sie angeblich in das Netz der OPCW eindringen wollten und einen Hackerangriff auf das Labor Spiez vorgehabt haben sollen, das für die OPCW Proben untersucht. Ein GRU-Mitarbeiter soll auch an einem 2016 aufgedeckten Putschversuch in Montenegro beteiligt gewesen sein.

Der Nervengiftangriff auf die Skripals, für den der GRU im Westen verantwortlich gemacht wird, spielt natürlich eine besondere Rolle. Einerseits soll er die Brutalität des russischen Geheimdienstes demonstrieren, andererseits dessen stümperhaftes Vorgehen. Der Anschlag ist nicht nur gescheitert, die britische Polizei will auch zwei Russen identifiziert und deren Wege in Großbritannien verfolgt haben, die ihn begangen haben sollen. Moskau behauptet allerdings, dass Ruslan Boschirow und Alexander Petrow Zivilisten seien, die mit dem Anschlag nichts zu tun hätten. Es wurde noch auf einen dritten angeblichen GRU-Agenten Sergej Fedotow hingewiesen, der beteiligt sein soll. Die britische Polizei hat allerdings diese Zuschreibungen nicht offiziell übernommen. Eine entscheidende Rolle spielte dabei Bellingcat, die Organisation könnte der britischen Regierung dienen, Schuldige auszumachen, ohne dies selbst offiziell machen zu wollen.

Auf dem Hintergrund der vielen Pannen wurde der Tod des 62-jährigen GRU-Chefs Igor Korobow misstrauisch beäugt, der erst 2016 sein Amt angetreten hatte. Er starb am 21. November, was im Westen als überraschender Tod bezeichnet wurde, angeblich nachdem ihn Putin im Oktober wegen der Pannen gerügt hatte. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einer schweren und langen Krankheit, die aber nicht näher benannt wurde. Korobow war bereits Ende 2016 zum Ziel amerikanischer Sanktionen geworden.

Nicht nur sein Tod ließ Gerüchte entstehen, er war schließlich an die Stelle seines ebenfalls überraschend gestorbenen Vorgängers Igor Sergun im Alter von 58 Jahren getreten. Nach russischen Angaben soll er in Russland an einem Herzversagen gestorben sein, gerüchteweise soll dies aber im Libanon gewesen sein. Sergun war 2014 Ziel von EU-Sanktionen wegen der "Krim-Annexion" geworden.

Jetzt kochen Gerüchte auf, nachdem Oleg Martianov, Ex-Kommandeur der Spezialeinheiten (Spetsnaz) und Mitglied der Militärindustriellen Kommission, verschwunden sein soll. Er hatte seine Ämter angeblich auf eigenen Wunsch aufgegeben.

Die britische Zeitung The Sun verbreitet nun, dass das Labor von Martianov nicht nur Roboter, sondern auch Schutzkleidung für Soldaten und nicht-nachweisbare Giftstoffe entwickelt hätte. Als Leiter einer interministeriellen Arbeitsgruppe beschäftigte sich Martianov mit der Entwicklung von Militärtechniken. Ihn aber als russisches Ebenbild von "Q" aus den James-Bond-Filmen zu bezeichnen, scheint eher dazu zu dienen, seine Bedeutung zu übertreiben und damit einem Artikel mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Offenbar war er auch nicht Chef eines Labors, das Militärroboter entwickelt, sondern Leiter der Kommission, was ihn keineswegs zu einem "Q" macht.

Schon die Bezeichnung als "Geheimdienstchef" ist angesichts seiner offiziellen Funktion fragwürdig. Woher die Zeitung wissen will, dass seine "Eliteeinheit unnachweisbare Giftstoffe" entwickelt, wird auch nicht weiter belegt. Aber man setzt das Gerücht ab und konstruiert den Verdacht, er habe den Plan für den Nowitschok-Anschlag in Salisbury geleitet, während "seine Experten" die Parfümflasche mit Nowitschok hergestellt hätten. Ebenso wird einmal wieder die Behauptung gemacht, Putin höchstpersönlich habe den Auftrag gegeben.

Martianov sei zwei Tage nachdem "die Salisbury-Attentäter als russische Agenten entlarvt wurden" untergetaucht und seitdem nicht mehr gesehen worden. "Entlarvt" im Sinne von The Sun hatte das Bellingcat, was hieße, er ist seit 28. September nicht mehr gesehen worden, gesagt wird allerdings, er sei im Oktober plötzlich verschwunden. Die Zeitung - es ist kein Blog! - will noch mehr wissen. Martianov habe wie Skripal in Afghanistan gekämpft und sei wegen des Verrats von Skripal außer sich gewesen. Er sei Kommandeur der "finsteren" Sepzialeinheiten geworden, "als Agenten versuchten, den Verräter Skripal zu töten". Nach einem Artikel in Sputniknews vom 2. März 2017 war er aber damals schon nicht mehr der Kommandeur, sondern schon länger Vorsitzender der Militärindustriellen Kommission, mindestens seit 2014.

Das angebliche Verschwinden verbindet The Sun mit weiteren Behauptungen. So soll der Verlobte von Julia Skripal, Stepan Vikeev, nicht nur ebenfalls wie seine Mutter untergetaucht sein, sondern vom Geheimdienst GRU auf Julia angesetzt gewesen sein, um seine Attentäter auf die Spur ihres Vaters zu setzen. Er soll seit dem Anschlag nicht versucht haben, sie zu kontaktieren. Das hätten die britischen Geheimdienste wohl auch nicht zugelassen. Dass es Julia brauchte, um GRU-Agenten zum Haus von Skripal in Salisbury zu führen, ist auch plausibel. Die Vorbereitung darauf müsste lange gedauert haben. Vikeev hat schon zwei Jahre vor der Reise Julias nach Moskau mit dieser in einer Wohnung zusammengelebt.

Es war schon kurz nach dem Anschlag spekuliert worden, ob Vikeev, dessen Mutter Kontakte zu GRU haben soll, irgendwie mit dem Anschlag verbunden war oder ihr das Gift ins Gepäck gesteckt haben könnte. Viktoria Skripal, die Kusine von Julia, hatte behauptet, es habe einen Familienstreit gegeben. Die Mutter des nach dem Anschlag untergetauchten russischen Freunds von Julia habe enge Kontakte mit russischen Geheimdiensten, auch Vikeev soll für den Geheimdienst FSB tätig gewesen sein. Nach Viktoria lehnte sie Julia als Tochter eines Verräters ab. Der aber sollte zu Julias Hochzeit nach Moskau kommen. Der Anschlag habe auf Julia gezielt, nicht auf ihren Vater. Im März hieß es, Russland würde seine Identität verheimlichen. The Sun gibt die Vermutung weiter, dass Vikeev unter dem Schutz von GRU lebe, was aber auch nicht ganz einleuchtend ist, wenn er ebenso wie seine Mutter mit dem konkurrierenden Geheimdienst FSB verbunden sein soll.

Wie auch immer, die britischen Geheimdienste - haben sie der Sun die Geschichte lanciert - bleiben am Thema dran. MI6-Chef Alex Younger hat am Montag vor Studenten der St Andrews University geredet. Dabei ging es Younger darum, die Arbeit des Geheimdienstes zu preisen und für die Studenten attraktiv zu machen. Er kam dabei auch auf Skripal zu sprechen.

"Der russische Staat setzte eine militärische Chemiewaffe auf britischem Boden ein", so erklärte der Geheimdienstchef. Man habe auf diesen "feindlichen Akt" aber nicht mit gleicher Münze reagiert: "Wir haben unsere Werte, unser legales System und unsere Allianzen operationalisiert. Wir brandmarkten die Täter und koordinierten die bislang größte Ausweisung von russischen Geheimdienstoffizieren aus der Nato und Partnerstaaten, was die russischen Geheimdienstkapazitäten wesentlich einschränkte." Man wolle einem solchen Verhalten wie dem russischen solche Kosten anheften, dass der russische Staat das Risiko nicht mehr eingeht. Man werde das "auf unsere Weise, nach unseren Gesetzen und unseren Werten" machen, aber erfolgreich sein. Wie das gehen soll, verriet er allerdings nicht. Er behauptete auch, dass zwar der russische Staat "uns" destabilisieren wolle, "wir" würden aber nicht Russland destabilisieren oder eine Eskalation suchen wollen.

Medien berichten, Young habe gesagt, was im Transkript nicht steht, dass man Russland ein gewisses Vertrauen beim Agentenaustausch entgegengebracht habe. Der russische Präsident habe Skripal begnadigt, das habe man als bedeutungsvoll angesehen, werde diese Annahme aber nie mehr machen. Russland sei in einem "andauernden Zustand der Konfrontation" gegenüber Großbritannien, aber es soll die Entschlossenheit Großbritanniens nicht unterschätzen, Versuche zu bekämpfen, in seine Lebensweise einzugreifen. (Florian Rötzer)

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