Russisches Raketenabwehrsystem S-400: "Unser System ist besser"

Russisches S-400-Raketenabwehrsystem in Syrien. Bild: Sputniknews

Der Chef des russischen Rüstungskonzerns Rostec sieht eine große Nachfrage und einen Marktvorteil gegenüber dem amerikanischen Patriot-System und bietet den Amerikanern S-400 an

Das Flugabwehrsystem S-400 "Triumf" (SA-21 Growler) ist einer der Exportschlager der russischen Rüstungsindustrie. Zuletzt hat Russland mit der Türkei, einem Nato-Land, einen Vertrag zum Kauf von zwei Batterien des Systems für 2,5 Milliarden US-Dollar abgeschlossen. Geliefert werden soll ab 2020. Auch mit Saudi-Arabien, einem engen Verbündeten der USA, finden bereits Verhandlungen statt, ebenso wie mit Ägypten und neuerdings mit Katar. Syrien, der Irak und Sudan seien auch interessiert. An China wurde mit der Lieferung schon begonnen, die Verhandlungen mit Indien dauern noch an. Ob Russland an den Iran wirklich nur S-300-Systeme verkauft hat oder doch S-400 ist offen.

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Nach dem Abschuss der russischen Maschine durch ein türkisches Kampfflugzeug hatte Russland auch in Syrien das Flugabwehrsystem stationiert, das bislang abschreckend gewirkt hat. Das könnte sich aber nach den Angriffen auf syrische und iranische Ziele in Syrien durch die israelische Luftwaffe, die dabei ein Kampfflugzeug verloren hatte, ändern. Bislang war die syrische Flugabwehr, ausgerüstet mit dem veralteten S-200 oder TOR-M1, keine Bedrohung für die israelische Luftwaffe, angeblich soll diese die Systeme lahmlegen können. Moskau hat Israel unwirsch gewarnt, die territoriale Integrität Syriens zu wahren, Angriffe auf russische Stellungen seien sowieso inakzeptabel. Auch auf der Krim und in Kaliningrad wurden S-400-Systeme stationiert.

Der große Vorteil von S-400 gegenüber dem amerikanischen Konkurrenzsystem Patriot ist, dass es in kürzerer Zeit (5 min) einsatzbereit ist und eine größere Reichweite von 400 km besitzt, Ziele in der Höhe von einigen Metern bis 60 km abschießen und vier verschiedene Raketen mit unterschiedlichen Reichweiten abfeuern kann. Dazu kommt die 9M96E2-Rakete, die mit Mach 15 fliegen und auch Ziele ab einer Höhe von 5 m in einer Entfernung ab 2 km treffen können soll, also auch gegen tieffliegende Raketen und Flugzeuge wirksam sein kann. Mit S-400 ließen sich auch AWACS-Flugzeuge treffen, die nicht mehr in sicherer Entfernung wären. Und es lassen sich ballistische Raketen abschießen, wie gut das funktioniert, ist allerdings unbekannt. 2015 wurde ein Test durchgeführt, dessen genauere Bedingungen aber nicht klar sind. Dabei hätte das System auch unter einem Jamming-Angriff ballistische Raketen getroffen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Sichtweite bis 600 km reicht und die Radar-Systeme nicht nur mit X-Band arbeiten, sondern auch mit UKW bzw. VHF und UHF (0.3-1 GHz) und L-Band (1-2 Ghz), weswegen die von den USA verwendete, nur gegen X-Band-Radar geschützte Stealth-Technik teilweise unwirksam werden könnte, allerdings werden ergänzend elektronische Kampfplattformen wie Boeing EA-18G Growler und Cyberwar-Waffen eingesetzt. Auch die Radarsysteme der amerikanischen Raketenabwehrsysteme funktionieren im X-Band-Bereich (8-12 GHz).

In einem Gespräch mit der Washington Post sagte der Chef des russischen Rüstungskonzerns Rostec, Sergei Tschemesow, der als Vertrauter von Putin gilt, auf die Frage, dass es offenbar eine große Nachfrage nach dem Luftabwehrsystem S-400 gebe: "Wenn die politische Situation in der Welt angespannt ist, versucht jedes Land seine Sicherheit und natürlich die Sicherheit seines Luftraums zu schützen. Deswegen ist die Nachfrage nach Abwehrsystemen so. Viele Länder würden gerne solche System kaufen und wir haben viele Bestellungen. Ich sage nicht, dass wir nicht mit den USA konkurrieren, natürlich tun wir das. Aber nach meinen Informationen ist unser System besser."

Dass man das S-400-System auch einem Nato-Staat wie der Türkei verkauft, begründet Tschemesow mit dem defensiven Charakter, was ihn zu einer spitzen Bemerkung verleitete: "Wir können es auch an die Amerikaner verkaufen, wenn sie es wollen. Das ist aus der strategischen Perspektive kein Problem." Wenn ein Land seinen Luftraum schützen könne, würde es sich sicherer fühlen, und mögliche Gegner würden lieber zweimal über einen Angriff nachdenken.

Die Rüstungsausgaben würden in Russland wohl nicht ansteigen, meinte er, aber man produziere mehr Hightech-Produkte. Die Sanktionen gegen Russland würden den Wettbewerb verzerren: "Wir produzieren nach den technischen Charakteristiken bessere und billigere (Systeme) als die vergleichbaren europäischen und amerikanischen. Deswegen machen die Amerikaner alles, was sie können, um uns herauszudrängen und uns den Zugang zu Märkten zu versperren, in denen sie sich immer wohl gefühlt haben."

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Er sprach sich für eine Normalisierung der russisch-amerikanischen Beziehungen aus. Das sei auch besser für die Welt. Mit Blick auf den Nahen Osten meinte er, dass Syrien den Weg wie Irak, Libyen oder Afghanistan gegangen wäre, wenn Russland nicht Syrien geholfen hätte: "Dort war es ruhig, bevor Amerika kam. Natürlich sage ich nicht, dass es dort ideale Führer gegeben hat, aber es ist still und ruhig." Die USA würden aber ein neues Atomwaffenprogramm beginnen, das werde zu einem Wettrüsten führen. Russland habe vorgeschlagen, Atomwaffen zu reduzieren, "aber niemand beteiligt sich".

Von Trump habe man sich die Normalisierung der Beziehungen wie unter George W. Bush erhofft. Das sei eine "Zeit der Renaissance" gewesen, es habe viele Joint Ventures gegeben. Das Lob ist seltsam, denn unter George W. Bush vertiefte sich mit dem Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag und dem Beschluss, an der russischen Grenze das US-Raketenabwehrsystem zu installieren, sowie mit der Nato-Erweiterung und dem Georgien-Krieg, der Konflikt Russland-Nato. (Florian Rötzer)

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