Russland: Feindbild, Trugbild, Abbild?

Feindbild Russland

Dagegen argumentierte der österreichische Wirtschafts- und Sozialhistoriker Hannes Hofbauer. Chodorkowskij wurde, so sagte er, nicht aus machtpolitischen Gründen eingesperrt, sondern weil er seinen riesigen Ölkonzern Yukos ohne Rücksprache mit Putin an den US-Ölkonzern Exxon Mobil verkaufen wollte. Dies sei ein strategisch wichtiges Geschäftsfeld, das die russische Staatsführung nicht aus der Hand geben, und schon gar nicht unter Kontrolle der USA kommen lassen wollte, betonte Hofbauer. Der Spiegel schrieb damals, Chodorkowskij sei der Mann gewesen, "der Amerika Zutritt zum Rohstoffparadies Russland versprach".

Jenen Satz zitiert Hofbauer in seinem Buch "Feindbild Russland". Die westliche Konstruktion dieses Feindbildes war denn auch Inhalt seines Vortrages, jedoch verkürzte er dieses rund 500 Jahre alte Phänomen, das er im Buch beschreibt, im Referat auf die Wiederbelebung des russischen Feindbilds ab der Jahrtausendwende.

Hofbauer erinnerte an einige zentrale Wegmarken dabei: etwa den Kosovo-Krieg der Nato 1999, Putins Reden im Bundestag 2001 und auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007, den georgischen Angriff auf Südossetien 2008 und den russischen Gegenangriff. Ebenso nannte er den Gipfel von Vilnius im November 2013, auf dem der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch dem Assoziierungsabkommen mit der EU seine Unterschrift verweigerte.

Folge dessen war der Maidan und der Putsch gegen den gewählten Präsidenten, erläuterte Hofbauer. "Die Ukraine ist zerfallen. Man sagt zwar heute noch 'Ukraine', aber de facto ist der Staat zerbrochen und nicht mehr existent." Dies sei in allererster Linie Folge der "unseligen Expansion der EU".

Gemma Pörzgen warf ein, Janukowitsch sei der Hauptschuldige am Maidan. Dies sei falsch, erwiderte Hofbauer. Wenn der gewählte Präsident etwas im Rahmen seiner Befugnisse entscheide, und dabei auch noch vom Parlament unterstützt werde, dann könne Brüssel nicht einfach sagen: "Das gilt nicht." Wer sage, Janukowitsch habe die Schuld, argumentiere hier nicht mehr auf dem Boden des Rechts, sondern einfach nur ideologisch.

Hofbauer betonte, dass die deutschsprachigen Medien massive Russophobie verbreiten, was im Volk überhaupt nicht gut ankomme. Auf die Frage eines Zuhörers, warum die Medien das tun, musste der Österreicher passen. Diese Frage stelle er sich auch ständig. Aber immerhin seien ja nicht alle Journalisten so. Mit Leuten wie Gabriele Krone-Schmalz etwa gebe es auch Gegenbeispiele.

Erneut protestierte Pörzgen: Krone-Schmalz sei nicht mehr journalistisch tätig, sondern melde sich immer nur im Sinne der russischen Regierung zu Wort. Vielleicht wolle sie mit ihren Meldungen ihren Buchverkauf ankurbeln, vermutete Pörzgen. Inhaltlich hatte sie gegen die frühere Moskau-Korrespondentin der ARD jedoch nichts vorzutragen.

Anzeige