Russland: Kapitalflucht und Brain Drain?

Die Kapitalflucht ist letztes Jahr angestiegen, über 370.000 Russen sollen das Land verlassen haben, vor allem jüngere und viele gut ausgebildete

2014 wurde wegen der Ukraine-Krise eine Rekordsumme von 152 Milliarden US-Dollar privates Kapital außer Landes gebracht, zuvor war 2008 ein Rekord von 137 Milliarden erreicht worden. Zwischen 2008 bis 2015 waren ansonsten durchschnittlich 50 Milliarden ins Ausland geflossen, nach der Panik Ende 2014 hatte sich die Situation beruhigt. 2016 gingen nur 18,5 Milliarden US-Dollar aus Russland ins Ausland, 2017 waren es 27,3 Milliarden.

Doch letztes Jahr stieg u.a. wahrscheinlich wegen der anhaltenden Sanktionen und einer schwächelnden Regierung die Kapitalausfuhr aus Russland wieder um mehr als das Doppelte auf 67,5 Milliarden US-Dollar an, die Hälfte davon wurde im letzten Quartal abgezogen. Was beunruhigend aussieht, stellt sich anders dar, wenn man den Kapitalausfluss in Bezug auf das BIP setzt. Danach ist die Kapitalflucht kontinuierlich von 12,6 Prozent in 2014 auf etwas mehr als 4 Prozent gefallen. Dazu kommt, dass dank der letztes Jahr gestiegenen Ölpreise der Leistungsbilanzüberschuss von 33 Milliarden 2017 auf 115 Milliarden 2018 angewachsen ist. Es wurde wegen dem gefallenen Rubel weniger importiert, allerdings gingen auch die nicht mit Öl und Gas verbundenen Exporte zurück.

Die Bank ING sieht den Kapitalabzug ins Ausland, der sich 2019 vor allem aufgrund von Maßnahmen der Zentralbank beruhigen könnte, daher nicht als Zeichen einer erhöhten Nervosität. ING erwartet einen Rückgang auf 30 Milliarden und einen Leistungsbilanzüberschuss von 100 Milliarden. Aber Geopolitik und die Weltwirtschaft könnten für Überraschungen sorgen.

Russland hat drittgrößte Diaspora

Beunruhigender für die russische Regierung könnte die Abwanderung von Menschen sei, vor allem der brain drain gut ausgebildeter Russen, die im Ausland bessere Verdienst- und Karrieremöglichkeiten suchen. Immerhin ist Russland nach dem Internationalen Migrationsbericht 2017 das Land nach Indien und Mexiko mit der größten Diaspora, also der größten Zahl von Bürgern, die im Ausland leben (10,2 Millionen). 2000 lag Russland mit 10,7 Millionen noch an erster Stelle. Die Zahlen würden andeuten, dass sich für Russland wenig verändert hat, während sich etwa die Zahl der im Ausland lebenden Inder in der Zeit verdoppelt hat.

Nach einem Bericht von Proekt wird von der russischen Statistikbehörde Rosstat die Zahl der ins Ausland migrierten Russen um das Sechsfache unterschätzt. Das war schon vor drei Jahren aufgekommen, als in einem anderen Bericht die Zahlen von Rosstat mit denen der Einwanderungsländer verglichen wurden. So sollen 2014 fünfmal mehr Russen nach Deutschland gekommen sein als Rosstat angab. Russland würde nur diejenigen Russen als Auswanderer betrachten, die sich abgemeldet haben, woher ein Großteil der Diskrepanz stamme.

Proekt hat ebenfalls die Zahlen von Rosstat mit den Zahlen der Einwanderungsländer abgeglichen und kommt für das Jahr 2017 auf 377.000 Russen, die das Land verlassen haben. Danach hätte sich die Zahl gegenüber 2012 verdreifacht. Seit der dritten Amtszeit von Putin seien 1,7 Millionen Russen ausgewandert. Es seien sechsmal mehr in die OECD-Länder eingewandert, als von Rosstat angegeben.

Julia Florinskaya, die an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation und die über Arbeitsmigration forscht, sagt, dass 90 Prozent der Russen, die für längere Zeit ins Ausland gehen, nicht in die Statistik aufgenommen würden. Nach ihr würden allerdings nur durchschnittlich 100.000 bis 120.000 jährlich das Land verlassen. Rosstat räumt ein, dass viele, die weiterhin in Russland registriert sind, nicht als Auswanderer gezählt werden. Es geht also auch darum, wie man Auswanderer definiert.

Ähnlich wird dies auch in Deutschland gehandhabt: "Personen, die ins Ausland ziehen", so das Statistische Bundesamt, "werden nur dann gezählt, wenn sie ihren im Bundesgebiet gelegenen Wohnsitz aufgeben; sie werden dann lediglich als Fortzug gezählt." 2017 sind in Deutschland mit 249.181 mehr Deutsche ins Ausland abgewandert als zugezogen mit dem seit längerem zweithöchste negativen Saldo von -82 478. Während zwischen 1991 und 2004 der Saldo immer positiv war, ist er seit 2005 kontinuierlich im Negativen. 2015 lag der Saldo mit 17000 auf dem zweitniedrigsten Wert, um 2016 auf den bisherigen Rekordwert von -135.000 anzusteigen.

Proekt stellt freilich auch fest, dass ansteigende Auswanderung - ebenso wie Einwanderung - zu den Folgen der Globalisierung zählt und einen globalen Trend darstellt. Aber es geht offenbar darum, vor einem Brain Drain zu warnen. Während Rosstat sage, die meisten Auswanderer würden familiäre Gründe wie Heirat, Umzug zu Kindern oder Eltern angeben, verweist Proekt auf eine Umfrage von Levada aus dem Jahr 2016, wo allerdings nicht die Auswanderer, sondern nur diejenigen befragt wurden, die möglicherweise auswandern wollen. Die gaben als Gründe primär die Suche nach besseren Lebensbedingungen im Ausland oder die instabile Lage Russlands an. Überdies nehmen die Asylanträge zu. 2017 beantragten 28.700 Russen Asyl in EU-Staaten, an erster Stelle in Deutschland. Nach einer Umfrage der staatlichen VTsIOM in 2018, will ein Zehntel der Russen auf Dauer auswandern, vor allem die Jüngeren, Hauptziele sind nach Deutschland die USA und Spanien.

Wenig verwunderlich wandern nach Rosstat jüngere Russen eher aus, die größte Gruppe stellen die 30-34- bzw. die 25-39-jährigen dar. Sie wandern vor allem nach China, Südkorea oder Indien ab, die Älteren eher nach Deutschland, Georgien und Israel. Und auch nach Rosstat haben 22 Prozent der Auswanderer, das sind 58.000 Russen, eine höhere oder akademische Ausbildung, 2012 waren es noch 17 Prozent. Die meisten Akademiker gingen 2017 nach Deutschland, gefolgt von den USA, Israel, China und Kanada. Aber es ist auch in anderen Ländern so, dass Jüngere und gut Ausgebildete häufiger in andere Länder gehen.

Auch die Reichen zieht es weg von Russland, 2017 sollen 3000 Dollarmillionäre ins Ausland gegangen sein. Die zieht es aber nicht nach Deutschland, sondern in die USA, nach Zypern, Großbritannien, Portugal und die Karibik. Und über die Hälfte der sehr reichen Russen, die über 50 Millionen US-Dollar besitzen, hat einen zweiten Pass oder eine doppelte Staatsbürgerschaft. Auch Lettland hat nichts gegen reiche Russen (Florian Rötzer)

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