Russland: Künstler und Organisator von Flashmobs verhaftet

Dem junge Nowosibirsker Regisseur Artjom Loskutow wird Drogenhandel und Beteiligung an "rechtswidrigen Aktionen" vorgeworfen

Am vergangenen Freitag wurde der Nowosibirsker Regisseur und Künstler Artjom Loskutow von der Polizei festgenommen. In einem nahegelegenen Hof wurde sein Rucksack durchsucht – dabei fand die Polizei gemäß Protokoll ein Päckchen mit 11 Gramm Marihuana. Seine Begleiterin Ljubow Beljazkaja versichert in einer Presseerklärung, dass sie den Rucksack zuvor nach persönlichen Dingen durchsucht hatte und keinerlei Tüten gesehen hatte.

Artjom Loskutow bei seiner Verhaftung. Bild: kissmybabushka.com

Artjom Loskutow streitet ab, dass er Drogen bei sich führte – schon allein weil er wenige Stunden zuvor einen Anruf aus dem „Zentrum zur Bekämpfung des Extremismus“ (Zentrum E) erhalten hatte und vorgeladen wurde. Das Gespräch endete mit den Worten: „Artjom, Du bist tollkühn, ich schicke Dir ein Auto mit Hunden“, schrieb Loskutow in seinem Blog kissmybabushka.com. In lokalen Internetforen äußern sich viele Nowosibirsker besorgt, dass mit Loskutow kein politischer Aktivist, sondern ein Künstler verhaftet wurde, der allerdings politische Kunst machen will.

Artjom Loskutow, der die Künstlergruppe CAT (Zeitgenössischer Kunstterrorismus) als eine "experimentelle Künstlergruppe zur Schaffung von politischer Kunst" gegründet hat und ist bekannt für seine Flashmobs, wie die so genannte „Monstration“, bei der jedes Jahr am 1. Mai hunderte Jugendliche mit möglichst absurden Plakaten durch die Stadt ziehen. Losungen wie „Ui, ui, ui!“ oder „Und nun?“ sollten nur Gefühle zeigen, politische Losungen waren ausdrücklich nicht erwünscht. Die „Monstration“ wurde 2007 und 2008 angemeldet und offiziell genehmigt, es gab allenfalls kurzzeitige Festnahmen.

Eine andere Aktion war die Aktion "I love pirates" vor mehreren Jahren. Bei einer Veranstaltung von Läden, welche lizenzierte CDs verkaufen, sollte gegen Raubkopien aus Straßenkiosken geworben werden. Per Internet wurden kleine Flaggen zum Ausdrucken "I love pirates" verbreitet und zum Besuch der Veranstaltung aufgerufen. Letztendlich hatte ein Großteil des Publikums auf der Veranstaltung diese Flaggen dabei.

Flashmob am 1. Mai 2005. Bild: cat-group

Dieses Jahr interessierte sich das „Zentrum E“ für die Projekte der Nowosibirsker Künstler und bat sie um Vorsprache. Auf Empfehlung der Beamten verkündeten sie kurzfristig, dass es keine „Monstration“ geben werde. Doch auch ohne die Initiatoren trugen etwa 200 Jugendliche Plakate wie „Gekochte Zwiebeln – igitt!“ durch die Straßen.

Seit der Festnahme – zwei Wochen nach der „Monstration“ – sitzt Loskutow, dem neben Drogenbesitz eine Beteiligung an "rechtswidrigen Aktionen" und Mitgliedschaft in einer extremistischen Gruppierung vorgeworfen wird, in Untersuchungshaft. Bei einer ersten Anhörung, in der über eine Freilassung bis zur endgültigen Gerichtsentscheidung kamen rund 20 Journalisten. Die meisten der fast 100 Freunde Loskutows passten nicht in den Saal und warteten sechs Stunden lang vor dem Gebäude.

Alle Versuche der Verteidigung, Artjom Loskutow mit Bürgschaften, Unterstützerschreiben, dem Hinweis auf seine nahende akademische Abschlussprüfung, seinen festen Arbeitsplatz und sein künstlerisches Schaffen zu unterstützen, scheiterten. Die Richterin entschied, dass Fluchtgefahr und fortgesetzter Drogenhandel drohen, weswegen die Untersuchungshaft nicht ausgesetzt wird.

Der Vorwurf ist jedoch nicht gänzlich unbegründet – mehrere Videos im Blog Loskutows lassen Assoziationen zu Drogen aufkommen. Die Anklage bezieht sich zudem auf Telefonate. Diese hatte das „Zentrum E“ wegen Verdachts auf „Organisation von Massenunruhen“ abgehört. Über den Inhalt der Gesprächsmitschriften wurden bislang jedoch keine Angaben gemacht. Loskutows Anwalt Walentin Demidenko bezeichnete das Urteil als ungerecht und hat Berufung eingelegt.

Im April berichtete die "tageszeitung", dass der Kreml ein Frühwarnsystem plant, um die politische Stimmung in den Provinzen zu erfassen. In diesem System solle auch erfasst werden, wie oft die Bevölkerung auf die Straße gehe. In vielen Regionen wurden „Zentren zur Bekämpfung des Extremismus“ innerhalb der Polizeistrukturen gebildet. Dieses „Zentrum E“ interessierte sich auch für die Projekte der Nowosibirsker Künstler. In den vergangenen Tagen wurden, so Berichte auf kissmybabushka.com, die Eltern weiterer Künstler vorgeladen - teilweise Leute im hohen Alter - und mit Kunstvideos ihrer Kinder konfrontiert. (Norbert Schott)

Anzeige