Russland beerdigt die Zeitumstellung

Die neun Zeitzonen der Russischen Föderation. Karte: Lokal_Profil. Lizenz: CC-BY-SA.

Ein Expertengutachten bescheinigt dem 1981 begonnenen Experiment negative Auswirkungen

Ende März müssen die Einwohner der Russischen Föderation vorerst das letzte Mal ihre Uhren von der Winter- auf die Sommerzeit umstellen. 2009 hatte Ministerpräsident Dimitri Medwedew eine wissenschaftliche Untersuchung der Auswirkungen angeregt, die Vor- und Nachteile objektiv vergleichen sollte. Nachdem diese Untersuchung vor allem hinsichtlich der gesundheitlichen Belastungen negativ ausfiel, gab Medwedew in der letzten Woche bekannt, dass man ab Herbst dieses Jahres nicht mehr auf die Winterzeit umstellen werde.

Russland hatte sich der in den 1970er Jahren in Westeuropa beschlossenen Zeitumstellung 1981 angeschlossen, obwohl man dort das Experiment (zusammen mit einer Menge anderer) bereits von 1917 bis 1930 durchgeführt hatte, aber wieder davon abgekommen war. In der russischen Bevölkerung war die Zeitumstellung unbeliebt. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM nach klagten 13 Prozent der Russen über gesundheitliche Probleme in ihrem Gefolge. 20 Prozent machten sie dafür verantwortlich, dass sie zu spät zur Arbeit kamen und 25 Prozent gaben an, jedesmal zwei Wochen zur Umgewöhnung zu brauchen.

Sergej Abelzew, ein Abgeordneter von Wladimir Schirinowskis Liberaldemokratischer Partei, hatte die Zeitumstellung in der Vergangenheit sogar mit dem Argument zu Fall zu bringen versucht, dass sie möglicherweise eine antirussische Verschwörung sei und die nationale Sicherheit gefährde, weil sie die elektronischen Waffensysteme durcheinanderbringen könne. Allerdings verwahrte sich das Militär gegen diese Spekulationen mit dem Hinweis, dass solche Anlagen mit fixierter Zeit liefen.

Auch in Westeuropa gibt es immer mehr Untersuchungen, die belegen, dass die Zeitumstellung nicht die in den 1970er Jahren erhofften positiven Auswirkungen hat. In Deutschland wurde 2005 bekannt, dass den Zahlen der Bundesregierung nach Energieeinsparungen bei der Beleuchtung "durch den Mehrverbrauch an Heizenergie durch Vorverlegung der Hauptheizzeit überkompensiert" werden. Dieser Mehrverbrauch entsteht vor allem im Frühling und im Herbst, wenn es kälter ist als im Sommer. Nach dem schrittweisen Verbot von Glühlampen in der EU dürfte der Anteil der für Beleuchtung aufgewendeten Energie deutlich sinken, was die Bilanz weiter zu Ungunsten der Zeitumstellung verschlechtern würde.

In Großbritannien rechnete Elizabeth Garnsey vom Institute for Manufacturing an der Cambridge University 2007 vor, wie die Zeitumstellung zu einem um fünf Prozent höheren Verbrauch an Elektrizität führt, den CO2-Ausstoß massiv steigert und die britischen Haushalte viel Geld kostet. Auch die Wirtschaftswissenschaftler Matthew Kotchen und Laura Grant von der University of California in Santa Barbara, die drei Jahre lang die Zeitumstellung im Bundesstaat Indiana beobachteten, kamen 2008 zu dem Ergebnis, dass dort der Stromverbrauch nach der Umstellung auf die Sommerzeit ansteigt. Die dadurch entstehenden jährlichen Mehrkosten für den Verbraucher schätzten sie auf etwa 8,6 Millionen US-Dollar und die Umweltschäden auf 1,6 bis 5,3 Millionen.

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