Russland rüstet syrische Armee mit S-300 auf

Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Foto: Sputnik / Presseamt des Verteidigungsministeriums

Das modernisierte Flugabwehrsystem wird als Reaktion auf den Abschuss eines russischen Aufklärungsflugzeugs geliefert. Russland beschuldigt weiterhin Israel als mitverantwortlich. Israel hat eine andere Version der Geschehnisse

Die russische Regierung kündigte an, die syrische Armee mit einem modernisierten S-300-Luftabwehrsystem auszustatten und zwar schon binnen zwei Wochen. Aus Israel gab es dazu bis späten Montagnachmittag noch keine offizielle Stellungnahme.

Im Mittelpunkt israelischer Medienberichte stand die Frage, inwiefern das avancierte S-300-System israelische Flugzeuge im Einsatz gefährden kann. Die Times of Israel zitiert eine frühere Aussage von Verteidigungsminister Avigdor Liberman vom April dieses Jahres, wonach Israel mit einem Vergeltungsschlag reagieren würde, falls eine S-200-Batterie auf einen Jet der IAF feuert.

Liberman betonte damals, dass es wichtig sei, dass die Abwehrsysteme, die Russland an Syrien liefert, "nicht gegen uns verwendet werden" und er warnte:

Eins muss klargestellt werden: Wenn jemand auf unsere Flugzeuge schießt, dann werden wir ihn zerstören. Es ist egal, ob das ein S-300 ist oder ein S-700.

Avigdor Liberman

Israel soll mehr als 200 Luftangriffe in Syrien durchgeführt haben, sagte der französische Außenminister Le Drian Mitte am Freitag letzte Woche gegenüber Le Monde. Anlass zur Äußerung war seine Auffassung, wonach die permanente Präsenz Irans in Syrien den Konflikt zu einem regionalen verändere - was an den israelischen Flugzeug-Einsätzen in Syrien zu sehen sei.

Die israelische Regierung und das Militär sind zurückhaltend mit solchen Angaben. Ein Einsatz in Syrien wird nur selten öffentlich auf die eigene Fahne geschrieben. Jedoch wurde immer deutlich gemacht, dass man keine iranische Aufrüstung im Nachbarland dulde und in der Nähe zur israelischen Grenze auch keine mit Iran in Verbindung stehenden Milizen. Das führte zu einer Politik der Zeichen und Signale und einer ständigen Kommunikation mit Russland. Die ist nun gestört. Wie sehr das der Fall ist, wird sich erst zeigen.

Dass es die israelische Luftwaffe war, die diesen oder jenen Angriff auf Ziele in Syrien flog, war immer ein offenes Geheimnis, das auch israelische Medien übernahmen. So gibt es eine laute öffentliche Botschaft, die verkündet, dass Israel jederzeit in Syrien zuschlagen kann, wenn der Kommandostab der Auffassung ist, dass Sicherheitsinteressen im Spiel sind.

Zum "Spiel" gehört, dass der Gegner noch eine viel konkretere Botschaft bekommt, nämlich welches Ziel wann und wo getroffen wurde, in welcher Stärke und mit welchem Vorgehen. Nicht selten ist das eine Antwort auf vorhergehende Ereignisse.

Beim israelischen Luftangriff auf Latakia am vergangenen Montagabend, in dessen Folge ein russisches Aufklärungsflugzeug abgeschossen wurde und 15 russische Militärs starben (Syrische Luftabwehr schießt russisches Flugzeug ab), sind die Botschaften zum Desaster geworden, wie sich immer mehr abzeichnet.

Das russische Verteidigungsministerium reagierte zunächst mit dem Vorwurf, dass israelische Kampfjets die Iljuschin Il-20M als Deckung missbraucht hätten und in der Konsequenz das größere, stärker reflektierende russische Flugzeug zum Ziel der syrischen Luftabwehr wurde. Israel sei verantwortlich für den Tod der 15 Russen, hieß das. Aus Israel kamen sofort Dementis, die syrische Luftabwehr habe verrückt gespielt, zudem seien die israelischen Jets zum Zeitpunkt des Abschusses wieder in der eigenen Hoheitszone gewesen.

Putin beruhigte die Lage noch am selben Tag. Er sprach von einer "Verkettung unglücklicher Umstände". Das war die Botschaft nach außen, an die größere Öffentlichkeit. Wie Times of Israel berichtet, ging dem Statement Putins ein Telefongespräch mit Netanjahu voraus.

Dort erfährt man auch, dass am vergangenen Donnerstag eine israelische Delegation unter Leitung des Chefs der Luftwaffe Amikam Norkin nach Moskau gereist ist, um dort über die israelischen Ermittlungen zum dem unglücklichen Vorfall zu berichten. Der bemerkenswerte Punkt ist, dass ein ranghoher israelischer Vertreter Times of Israel gegenüber erklärte, dass "Moskau den Eindruck machte, dass es die IDF-Ermittlungen akzeptierte".

Die IDF-Ermittlungen werden von zwei entscheidenden Ergebnissen bzw. Behauptungen getragen: Erstens, dass die syrische Luftabwehr wie wild und wenig zielgenau feuerte, "ohne Freund vom Feind zu unterscheiden" und zweitens, dass das Raketenfeuer noch weiter ging, als die israelischen Jets das Areal schon verlassen hätte. 20 Raketen habe die syrische Luftabwehr abgefeuert, eine "vergleichsweise große Zahl für ein solches Szenario".

Wie Times of Israel weiter berichtet, habe der ranghohe israelische Offizier ergänzt, dass die "Mehrzahl der Boden-Luft-Raketen, die von den Syrern abgefeuert wurden - einschließlich derjenigen Rakete, die das russische Flugzeug traf - abgefeuert wurden, nachdem die israelischen Jets die Zone verlassen haben.

Hier nun fangen die Probleme an. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, konterte am Wochenende mit einer Darstellung der Vorfälle, die ein anderes Bild ergeben und die Vorwürfe an Israel, die er bereits vergangene Woche vorbrachte, noch einmal neu aufnahm.

Um die Darstellung Konaschenkows, die bei Sputnik und beim syrischen Twitter-Spezialisten Military Advisor auf Englisch in geraffter Form wiedergegeben werden, auf die Hauptpunkte zu konzentrieren: Bei dieser Schilderung des Ablaufes kommt ein israelischer Jet nach den bereits erfolgten Angriffen zurück und nimmt sich die Iljuschin als "Cover". Die russische Version widerspricht der israelischen in wichtigen Punkten, legte Sputnik heute nach.

Mit der israelischen Darstellung stimmt die russische nur insofern überein, dass tatsächlich nur eine Rakete des syrischen S200-Systems die russische Maschine getroffen hat, aber mehrere Raketen abgefeuert wurden. Worin man gar nicht übereinstimmt, ist der Ablauf, wie bereits zu erkennen, sowie die israelische Information über die Kontaktleitung.

Während ein ranghoher IDF-Offizier Reportern gegenüber beteuert, dass Israel die Warnung in einer Zeit "much longer than one minute" gegeben habe und sich an die mit Russland vereinbarten Standardprozeduren hielt, wird von russischer Seite am Vorwurf festgehalten, dass die Warnung tatsächlich nur eine Minute vor dem Angriff erfolgte und zudem ein Einsatzgebiet, nämlich der "Norden Syriens" angegeben wurde, der irrtümlich war, weil Latakia im Westen Syriens liegt, und es mit diesen Angaben keinen Manövrierraum für die Iljuschin Il-20M gegeben habe, um auszuweichen.

Daran schließt sich nun auch die Begründung für die Ausstattung der modernisierten S-300-Systeme an, die zum Teil ja schon in Syrien sind, weswegen der kurze Zeitraum "von binnen zwei Wochen" eingehalten werden kann. Diese Systeme dienten zur Verbessrung der syrischen Luftabwehr und damit zur Verbesserung der Sicherheit der russischen Streitkräfte.

Die S-300 in Syrien könnten russische Flugzeuge erkennen. Zusätzlich werde man die syrischen Streitkräfte auch mit verbesserten Fähigkeiten zum Jamming ausstatten, um gegnerische Systeme zu stören. Die Maßnahmen seien "nicht gegen dritte Länder ausgerichtet, sondern zum Schutz für die eigenen Truppen ", präzisierte Kremlsprecher Peskow heute. In der Tass-Meldung, die davon berichtet.

Dort heißt es aber auch, dass der Abschuss des russischen Flugzeugs laut Peskow in Zusammenhang mit einer beabsichtigten Handlung israelischer Piloten stehe, was zum Ergebnis habe, dass "unsere Beziehungen beschädigt wurden". Auch das ist eine Botschaft. (Thomas Pany)

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