Russland und China haben die Ionosphäre mit Radiowellen erhitzt

Anntennen der amerikanischen Anlage HAARP zur Ionosphären-Forschung. Bild: DoD

Die Experimente dienen vermutlich militärischen Zwecken, China errichtet eine Hochfrequenzanlage wie das amerikanische HAARP am Südchinesischen Meer

Das amerikanische HAARP (High Frequency Active Auroral Research Program) in Alaska hat immer wieder Misstrauen erregt. Mit der einst militärischen, jetzt zivilen Kurzwellenanlage mit 180 Sendern und einer Leistung von 5,1 Gigawatt wird erkundet, wie mit Radiowellen die Ionosphäre, d.h. die Elektronen und Ionen, ab 60 km über der Erdoberfläche untersucht und beeinflusst werden kann. Verdächtigt wurde, dass mit HAARP, das seit 2014 von der University of Alaska betrieben wird, das Wetter oder gar die Gehirne der Menschen manipuliert werden können. Darüber gibt es zahlreiche Verschwörungstheorien. Militärisch interessant ist die Ionosphäre, weil dort Funkwellen reflektiert werden.

Jetzt berichtet SCMP, dass Russland und China mit Radiowellen einen Teil der Ionosphäre aufgeheizt hätten, um vermutlich eine Technik für eine mögliche militärische Anwendung zu testen. Es seien in diesem Jahr 5 Experimente von Wissenschaftlern beider Länder durchgeführt worden. Beispielsweise sei bei einem Experiment eine großflächige Veränderung in der Höhe von 500 km über der russischen Stadt Vasilsursk auf einem Gebiet von 126.000 Quadratkilometern ausgelöst worden. Dabei seien negativ geladene subatomare Teilchen zehnmal stärker als in der Umgebung angeregt worden. In einem anderen Experiment der 1981 in Betrieb gegangenen russischen Anlage Sura wurde durch das Hochjagen von Elektronen mit bis zu 260 MW über die Mikrowellenantennen angeblich das ionisierte Gas in großer Höhe um 100 Grad Celsius erhitzt.

Russische Anlage Sura. Bild: sura.nirfi.sci-nnov.ru

Gemessen wurde dies in einer russisch-chinesischen Kooperation vom elektromagnetischen Beobachtungssatelliten Zhangheng-1 (CSES), der erst im Februar in eine Umlaufbahn gebracht worden ist und der Signale entdecken kann, die auf ein entstehendes Erdbeben hinweisen. Die Ergebnisse seien "zufriedenstellend" gewesen, heißt es in einem Artikel, der in dem chinesischen Journal Earth and Planetary Physics erschienen ist. Die Feststellung von "Plasmastörungen" am 12. Juni mit einer Reichweite von 20 km in der Nacht sei ein Beleg für den Erfolg künftiger Experimente, weil dies nur von einer schwachen Leistung bewirkt werden konnte. Mit Tagesanbruch verschwand aber die menschengemachte Pertubation schnell und wurde überlagert von den Auswirkungen des Sonnenlichts auf die Ionosphäre.

China will nun, wie SCMP im Juni berichtete eine stärkere Anlage als HAARP in Sanya, Hainan, bauen, um die Ionosphäre über dem Südchinesischen Meer zu beeinflussen. Anders als HAARP liegt sie in einem dichtbesiedelten Gebiet, über das viele Fluglinien gehen. Wird die Anlage aktiviert, ist für die Elektronik in Flugzeugen mit Störungen zu rechnen. Zu vermuten ist, dass die Anlage militärischen Zwecken dienen wird, um entweder die Signale etwa von amerikanischen Satelliten zu stören oder U-Boote auch aus größerer Entfernung im Südchinesischen Meer zu entdecken bzw. deren Kommunikation über ELF-Funkwellen (Extremely Low Frequency) zu stören. Mit einem ELF-Radar, der mit der Anlage betrieben würde und die Ionosphäre nutzt, ließen sich eventuell auch Bodenschätze, Strukturen unter der Erdoberfläche oder Pipelines entdecken.

Newsweek bringt die russisch-chinesischen Experimente mit dem von Donald Trump angeordneten Aufbau einer Weltraumstreitkraft in Zusammenhang. In Australien stößt dies auf Bedenken, weil vermutet wird, dass Russen und Chinesen mit der Manipulation der Ionosphäre Signale der Gegner stören und die eigenen verbessern könnten, auch wenn dies erst einmal nur eine Vermutung ist. Australien selbst betreibt das Überhorizont-Radarsystem Jindalee/JORN, das die Interaktion der Signale mit der Ionosphäre nutzt, um Bewegungen auf den Meeren und in der Luft bis zu einer Entfernung von 4000 km zu beobachten. (Florian Rötzer)

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