Russland und Türkei - Beginn einer Freundschaft?

Der russische Präsident Putin schaut skeptisch auf den türkischen Präsidenten Erdogan. Bild: Kreml

Nach dem Treffen von Putin und Erdogan in St. Petersburg demonstriert der Westen Gelassenheit, auch wenn eine strategische Zusammenarbeit zwischen Moskau und Ankara beginnen könnte

Wladimir Putin betrat den Saal im Konstantin-Palast einige Minuten vor seinem Gast, Recep Tayyip Erdogan. Der russische Präsident wirkte sehr konzentriert. Man hatte den Eindruck, dass die Gespräche "nicht einfach werden", kommentierte die Komsomolskaja Prawda. Dann gab es einen Händedruck mit dem türkischen Präsident, ein Lächeln aber nichts Überschwängliches.

Nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeuges im November 2015 hatte Wladimir Putin erbost von einem "Schuss in den Rücken" gesprochen. Die Russen reagierten aufgewühlt. Moskau stoppte alle Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit der Türkei.

Ende Juni hatte sich Erdogan dann in einem Brief an den russischen Präsidenten für den Abschuss des russischen Kampfflugzeuges entschuldigt und eine Entschädigung für die Familien der getöteten russischen Piloten in Aussicht gestellt. Im Konstantin-Palast sprach der durch den Putschversuch angeschlagene Erdogan dann von seinem "Freund Putin".

Die Delegation der beiden Länder waren hochkarätig besetzt. Von russischer Seite waren an dem Gespräch beteiligt: der russische Außenminister Sergej Lawrow, Präsidentenberater Juri Uschakow, Energieminister Aleksandr Nowak, Gasprom-Chef Aleksej Miller, der Leiter des russischen Generalstabes Waleri Gerasimow und der Beauftragte für die Lösung der Syrien-Krise, Aleksandr Lawrjentew.

Zur türkischen Delegation gehörten Vizeministerpräsident Mehmet Şimşek, Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi, Energieminister Berat Albayrak und der Leiter des türkischen Inlands-Geheimdienstes MiT, Hakan Fidan.

Wie auf der Pressekonferenz bekannt gegeben, werden die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen Russland und der Türkei wieder aufgenommen. Erdogan erklärte, die Türkei sei bereit, zusammen mit Russland die Gas-Pipeline Turkish-Stream zu realisieren und das Atomkraftwerk Akkuyu zu bauen. Putin gab bekannt, die Charterflüge für russische Touristen in die Türkei würden in Kürze wieder aufgenommen. Das sei allein eine "technische Frage".

Die Unterzeichnung von Vereinbarungen und Verträgen war in St. Petersburg nicht geplant. Über die Politik in Syrien sprachen Putin und Erdogan nach der Pressekonferenz. Das Ergebnis dieser Unterredung ist nicht bekannt.

Der russische Präsident erklärte zum Beginn der Gespräche, die Beziehungen seien auf "ein sehr niedriges Niveau" gesunken. Erdogan sei "trotz der sehr schwierigen innenpolitischen Situation in der Türkei" nach St. Petersburg gekommen, meinte Putin anerkennend. Das zeuge davon, "dass wir unseren Dialog wieder aufnehmen wollen und die Beziehungen wieder herstellen wollen im Interesse der Völker Russlands und der Türkei." Erdogan erklärte, die Beziehungen zwischen beiden Ländern hätten "eine positive Richtung" bekommen und könnten zur Lösung vieler Probleme in der Region beitragen.

Die "Autokraten" Putin und Erdogan, wie sie im Westen gerne genannt werden. Bild: Kreml

Putin legte Wert auf die Feststellung, dass er einer der ersten war, die den türkischen Präsidenten nach dem Putschversuch im Juli angerufen hatten. Russland sei immer gegen "nichtverfassungsmäßige Handlungen" aufgetreten. Dies war eine Anspielung auf den geglückten Staatsstreich in Kiew im Februar 2014. Erdogan dankte Putin auf dem Treffen in St. Petersburg für den Telefonanruf nach dem Putschversuch. Der Anruf habe ihn und das türkische Volk gefreut.

Bis zum Putschversuch in der Türkei hatten die russischen Medien nichts Gutes über die Erdogan und seine Familie berichtet. Im Dezember hatten russischen Medien sogar einen Erdogan-Sohn beschuldigt, er handele mit Öl aus den von der Terrororganisation IS kontrollierten Gebieten (Was ist dran an den russischen Vorwürfen zum IS-Öl-Schmuggel via Türkei?). Doch nach dem Putschversuch in Ankara hatte sich das Blatt gewendet. Nun berichteten russische Medien über mögliche Drahtzieher des Putschversuches, der wie der Staatsstreich in Kiew eine "amerikanische Spur" habe, denn der Chef der Gülen-Bewegung lebt in den USA.

Das Treffen von Putin und Erdogan in St. Petersburg war monatelang im Geheimen vorbereitet worden, wie die Nesawisimaja Gaseta berichtete. Als Mittelsmänner fungierten der Präsident Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, und der türkische Unternehmer Cavit Çağlar, der Geschäftsbeziehungen mit der russischen Teilrepublik Dagestan hat.

Anzeige