Russland und die USA im Wettstreit um Raketenabwehrsysteme und Kampfflugzeuge

S-400. Bild: Sputnik

Putin hat die Massenproduktion des S-500-Abwehrsystems angeordnet, das nach einem Test eine Reichweite von 480 km erzielt haben soll

Es ist weiterhin unklar, wie effizient das russische Raketenabwehrsystem S-400 arbeitet, das derzeit eines der besten Export-Rüstungsgüter Russlands ist. Der russische Präsident W. Putin hat ganz offen eingeräumt, dass der reale Einsatz neuer Waffen in Konflikten wie Syrien gut für den Verkauf ist, weil diese damit vorgeführt werden. Doch das seit 2007 eingeführte S-400-System, das nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs über Syrien durch einen türkischen Kampfjet auch zum Schutz der russischen Stützpunkte nach Syrien verlegt wurde, blieb bei den amerikanischen Raketen- und den israelischen Luftangriffen untätig.

Warum das russische Militär die Angriffe auf syrische und iranische Stützpunkte in Syrien nicht mit dem S-400-System abgewehrt hat, sondern die syrische Armee lediglich die alten russischen Luftabwehrsysteme benutzte, wozu auch das Luftabwehrsystem S-200 gehört, ist unbekannt (Russland hofft auf ein Ende der Aggression). Von russischer Seite wurde argumentiert, dass man die Angriffe mit den Radarsystemen beobachtet, aber nicht reagiert habe, weil russische Ziele davon nicht gefährdet worden seien. Es gab "Erfolgsmeldungen" über die Abschussquote von amerikanischen oder israelischen Raketen durch die veralteten Systeme, die etwa von Israel gekontert wurden.

Die israelischen Streitkräfte erklärten demonstrativ, dass sie Anfang Mai mit dem Iron Dome aus Syrien kommende Raketen abgeschossen hätten und trotz der syrischen Luftabwehr alle Ziele treffen konnten, ohne dass ein Flugzeug gefährdet gewesen sei. Das war schließlich auch ein Wettstreit (alter) russischer Luftabwehrsysteme mit auch nicht ganz neuen amerikanischen Kampfflugzeugen (F-15 und F-16) und wahrscheinlich neuen F-35I sowie amerikanischen Raketen (Israel hat angeblich "praktisch" die gesamte iranische Militärinfrastruktur in Syrien zerstört). Netanjahu war kurz vor dem Angriff in Moskau und hatte gesagt, Russland werde seine Luftabwehr nicht einsetzen.

Vermuten lässt sich, dass Russland lieber auf einen Einsatz verzichtet, um die Abschreckungswirkung zu erhalten, wie das auch die USA mit dem ebenfalls nicht unter realen Bedingungen getesteten THAAD bei den nordkoreanischen Raketentests gemacht haben, als möglicherweise ein Scheitern oder Mängel zu offenbaren. Zwar wird überlegt, Damaskus doch die etwas neuere Variante S-300 zu liefern. Wenn man sich erinnert, gab es ein großes Geschrei, als Russland S-300-Systeme an den Iran verkaufte. Auf großen Druck wurde die Lieferung lange verzögert, obgleich die Zahlung schon 2007 erfolgte, nach dem Atomabkommen mit dem Iran wurden dann 2016 die ersten Batterien geliefert, 2017 erklärte der Iran diese als einsatzbereit.

In Israel gelten allerdings auch die S-300-Systeme noch nicht als Einschränkung der israelischen Lufthoheit. Es seien dagegen Mittel der elektronischen Kriegsführung entwickelt worden, die neuen, seit 2017 einsatzbereiten F-35I-Kampfflugzeuge wären zwar durch S-400 gefährdet, aber nicht durch S-300, obgleich mit diesem System bereits der Start der Flugzeuge in Israel von Syrien aus beobachtet werden kann.

Der Wettlauf geht aber schon längst weiter (S-400 oder Patriot? Konkurrenz der Luftabwehrsysteme. Während die S-400-Systeme zum Verkaufsschlager geworden sind und der Hersteller erklärt, sie seien besser als die amerikanischen wie Patriot oder THAAD, ist die neue Version S-500 bereits in der Testphase. Angekündigt war die Fertigstellung zwar bereits 2012, nun soll es 2020 einsatzbereit sein. Sie soll eine Reichweite zur Abwehr auch von Raketen mit Hyperschallgeschwindigkeit bis zu 600 km und von Flugzeugen bis zu 400 km haben, Weltraumobjekte können bis zu einer Höhe von 200 km abgeschossen werden. Und mit S-500 sollen auch die neuen amerikanischen Tarnkappenbomber F-22 und F-35 keine Chance mehr haben.

Vor kurzem soll ein Test durchgeführt worden sein, was der US-Sender CNBC aus Geheimdienstkreisen erfahren haben will, der demonstriert haben soll, dass das S-500-System ein Ziel in der Entfernung von 480 km erreicht konnte. Das wäre deutlich mehr als in früheren Versuchen, die S-400 soll eine Reichweite bis zu 300 km haben. Russische Medien berichten nur mit Verweis auf CNBC darüber. Zuvor wurde überschwänglich über die Fähigkeiten berichtet.

Am 15. Mai hatte Putin angeordnet, für den das S-500-System hohe Priorität besitzt, die Entwicklung zu beenden und die Massenproduktion zu beginnen. Das könnte womöglich problematisch werden, weil die Produktionskapazitäten gerade für den Export von S-400-Systemen ausgeschöpft sein könnten.

Vermutlich wird Russland die mobilen S-500-Systeme in Kaliningrad und auf der Krim stationieren. Damit könnte Russland praktisch die Ostsee, die baltischen Länder und Polen von der Krim aus die gesamte Ukraine und einen guten Teil des Schwarzen Meers abdecken. (Florian Rötzer)

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