Russland versucht sich als Vermittler in Afghanistan

Screenshot Taliban-Propaganda-Video

Außenministerien der USA und Afghanistans sagen Teilnahme an Moskauer Konferenz ab. Von den Taliban kommen andere Signale

Die russische Regierung will am 4. September eine Konferenz zu Afghanistan abhalten. Dazu hatte man auch die USA eingeladen, die jedoch nicht teilnehmen wollen. Im russischen Außenministerium reagierte man verärgert auf die Absage, wie Tass heute berichtet. Der Ärger könnte sich vergrößern, da nun laut Informationen der afghanischen Tolo-News auch die Regierung in Kabul ihre Teilnahme abgesagt hat.

Deren Begründung ähnelt der US-amerikanischen. "Der Friedensprozess muss definitiv unter der Führung der afghanischen Regierung stattfinden. Wir werden nicht an den Gesprächen in Moskau teilnehmen", sagte der stellvertretende Sprecher des afghanischen Außenministeriums.

Zuvor hatte das russische Außenministerium laut Tass mitgeteilt, dass man eigentlich nicht überrascht von der Absage des US-State-Departments sei, da dies bereits bei den vorhergehenden Afghanistan-Konferenzen in Moskau der Fall war. Aber die Begründung sei weithergeholt.

Von den USA komme nämlich der Einwand, dass Afghanistan "keine übergeordnete Rolle bei der Organisation" spiele. Dabei wisse Washington doch, dass Russland sich mit Afghanistan den Vorsitz der Konferenz teile.

Ob da im Hintergrund Fäden zwischen der afghanischen und der amerikanischen Regierung gezogen wurden? Jedenfalls wird es mit der Absage aus Kabul - wenn sie sich denn bestätigt - schwer für Moskau, der Konferenz das gewünscht große Gewicht zu verleihen. Wahrscheinlich trifft Moskaus Vermutung der tieferen Gründe der Absage der USA zu.

Die Wahrheit sei, so das russische Außenministerium, dass die USA nur an Konferenzen teilnehmen, wo sie den Vorsitz haben, und die ausschließlich ihren Interessen dienen. Russland habe aber vor allem den "nationalen Versöhnungsprozess" im Auge habe.

Dass die USA nicht teilnehmen wollen, zeige, dass sie an einem solchen Versöhnungsprozess kein Interesse haben. Laut Tass sind neben Vertretern Afghanistans auch solche aus China, Pakistan, Indien und Iran sowie aus fünf zentralasiatischen Staaten eingeladen.

Besonderheit dieser Konferenz ist, dass, anders als bei den Zusammenkünften zu Afghanistan zuvor, diesmal auch Vertreter der Taliban kommen sollen. Der russische Außenminister Lawrow äußerte sich zuversichtlich. Die ersten Reaktionen seien positiv; die Taliban planten, an dem Treffen teilzunehmen, wird Lawrow heute von der Deutschen Welle zitiert.

Auch er hofft wie die US-Führung auf einen Dialog der Taliban mit der Regierung in Kabul - obwohl die Taliban ebenso wie der IS in Russland als Terrorgruppe verboten sind. Lawrow bestätigte, dass man Kontakte zu den Taliban in Afghanistan habe. Das gehöre zur russischen Afghanistan-Strategie, "weil die Fundamentalisten dort Teil der Bevölkerung seien". Es gehe bei den Kontakten häifig um Fragen der Sicherheit russischer Bürger.

Der russische Außenminister dementierte, dass zur Afghanistan-Strategie gehöre, die Taliban gegen den IS auszuspielen, ebenso verneinte er, dass Russland, wie seitens der USA vorgeworfen, Waffen an die Taliban liefere.

Gut möglich, dass die US-Führung kein großes Interesse daran hat, dass sich Russland nach Syrien nun auch im anderen großen Konfliktfeld als erste Adresse für Verhandlungen und Neuordnungen etablieren kann.

Aussagen von Sayed Akbar Agha, "einer früheren politischen Figur der Taliban", die vom afghanischen Sender Tolo News wiedergegeben werden, bestätigen Lawrow. Demnach haben die Taliban vor, die Konferenz in Moskau zu besuchen. Die Delegation soll von Sher Mohammad Abbas Stanikzai, dem Chef des "Politbüros" der Taliban, angeführt werden.

Das wäre ein diplomatischer Erfolg Russlands, der tatsächlich auf gute Kontakte schließen lässt, wenn allerdings die afghanische Regierung bei ihrer Weigerung - zurückzuführen auf die Kontakte der US-Regierung? - bleibt, schmälert das die politische Wirkung der Konferenz in Moskau.

Darüber hinaus ist nicht ganz sicher, wie sehr "die Taliban" als homogene Einheit aufzufassen sind. Es ist unklar, welche Rolle Fraktionen und Hierarchien in der augenblicklichen Situation spielen, lautet eine Folgerung der französischen Publikation Le Courrier du Magreb et de L'Orient angesichts der Meldungen über kriegerische Aktionen der Taliban - auch nach dem Waffenstillstandsangebot des afghanischen Präsidenten.

Es könnte sein, dass sich die Taliban aufteilen in Falken und Tauben, so ein Argument des Artikels. Zum anderen wäre es auch möglich, dass es Unterschiede gibt zwischen den Fraktionen und der oberen Ebene. Denkbar sei daher auch, dass es einen Teil der Taliban gebe, die nicht an Frieden interessiert sind und dies mit solchen Aktionen wie in Ghasni dokumentieren.

Deren Ziel sei es, Zeit zu gewinnen, etwa wenn sie sich wie vor ein paar Tagen wieder aus Ghasni-Stadt zurückziehen (allerdings zeigte sich da auch die militärische Macht der US-Unterstützung, freiwillig war der Rückzug nicht): Sie kommen dann wieder, wenn es günstig ist.

Die andere Möglichkeit wird, weil sie etwas weniger dunkel ausfällt, von einigen favorisiert. Demnach zielen die Taliban mit spektakulären Offensiven wie im Fall Ghasni und den auf das Waffenstillstandsangebot folgenden Entführungen darauf ab, ihr Verhandlungskapital zu verbessern. (Thomas Pany)

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