Russland will Indien mindestens 20 weitere Kernreaktorblöcke liefern

Das Kernkraftwerks Kudankulam während des Baus. Foto: Petr Pavlicek/IAEA

Der Nachfolgestaat der Sowjetunion konkurriert beim Export von Atomkraftwerken vor allem mit China und Frankreich

Beim 5. Eastern Economic Forum in Wladiwostok haben der russische Staatspräsident Wladimir Putin und der indische Premierminister Narendra Modi einen indischen Milliardenkredit für die bessere Erschließung Sibiriens, die Beschleunigung der Seefahrtsverbindungen zwischen der ostsibirischen Hafenstadt und dem indischen Chennai, die Lieferung von Flüssigerdgas, und den Bau von mindestens 20 neuen Kernreaktorblöcken in den nächsten 20 Jahren. vereinbart.

Aktuell laufen in Kundakulam an der tamilischen Südspitze des Subkontinents zwei russische WWER-1000-Reaktoren, die für den Export mit zusätzlichen Kontroll- und Sicherheitseinrichtungen versehen wurden und nun WWER-1000/412 heißen. Sie erzeugen seit 2013 beziehungsweise 2016 jeweils 1000 Megawatt Strom. Zwei weitere sind im Bau. Daneben betreibt Indien 20 eigene Reaktoren und baut an zwölf weiteren. Geplant sind (außer den russischen) bislang acht weitere - darunter auch EPR-Reaktoren der französischen Firma Areva und solche, die mit Flüssigsalz atomare Abfälle oder Thorium verarbeiten können (vgl. Thorium als Brennstoff der Zukunft?).

Außer nach Indien exportiert Russland seine Kernkrafttechnologie auch in andere Länder, die nicht zum Einflussbereich der alten Sowjetunion gehörten: In der Türkei soll in Akkuyu ein Kernkraftwerk mit vier 1200-Megawatt-Druckwasserreaktoren entstehen, in Bangladesch sind zwei Reaktoren mit einer Nennleistung von 1200 Megawatt geplant (vgl. Bangladesch baut sein erstes Atomkraftwerk), in Ägypten vier mit jeweils 1200 Megawatt und in Finnland einer mit 1200 Megawatt. Weitere Interessenten gibt es in Südamerika (vgl. Bolivien setzt auf Atomenergie), Afrika und im arabischen Raum (vgl. Saudis wollen Atomkraftwerke bauen lassen).

Südkorea und Japan mit Wettbewerbsnachteilen

Dabei konkurriert die russische Kraftwerkstechnologie vor allem mit der aus Frankreich und aus China. Die China National Nuclear Corporation (CNNC) baut oder plant derzeit unter anderem Reaktoren in Pakistan, Argentinien, Brasilien und im Sudan. In seinem Mutterland betreibt das Unternehmen bislang 46 Reaktoren. Elf weitere befinden sich im Bau. Nach Eigenentwicklungen wie dem Hualong 1 und dem CAP1400 forscht man dort inzwischen auch an schwimmenden Kernkraftwerken wie dem russischen Akademik Lomonosow (vgl. Schwimmendes Atomkraftwerk).

Der vom französischen Staat beherrschte Konzern Électricité de France (EDF), der die EPR-Druckwasserreaktoren von Areva vermarktet, kann damit werben, dass das Land mit seinen 58 Kernreaktoren etwa 80 Prozent seines Strombedarf deckt. Südkoreanische Firmen, die ebenfalls Kernkraftwerke anbieten, haben diesen Werbevorteil nicht: Ihr Staatspräsident beschloss 2017 den Ausstieg aus der Atomenergie. Im benachbarten Japan, wo 2011 ein Erdbeben mit Tsunami die Reaktorkatastrophe von Fukushima auslöste, wurde ein entsprechendes Vorhaben nach einem Regierungswechsel wieder verworfen.

Zukunft in den USA

Auch in den USA, wo mit über 100 mehr Kernreaktoren laufen als in jedem anderen Land, hängt die Entwicklung der Atomenergie von der Politik ab. Während der amtierende Präsident Donald Trump einen Energiemix beibehalten möchte, der auch die Verbrennung von Kohle und Gas beinhaltet, propagieren die demokratischen Präsidentschaftsbewerber Joseph Biden und Cory Booker eine "zu hundert Prozent kohlenstofffreie Elektrizitätserzeugung", zu der die Kernenergie einen wesentlichen Beitrag leisten soll.

Auf einer CNN-Veranstaltung am Mittwoch verteidigte Booker diese Haltung mit dem Hinweis, dass auch in der Erzeugung von Energie aus Kernbrennstoffen Sicherheitsfortschritte gemacht worden seien. Dort müsse man ansetzen und weiterforschen, um gegenüber anderen Ländern nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bookers Rivalen Bernie Sanders und Elizabeth Warren glauben dagegen an die deutsche Vorstellung einer Dekarbonisierung ohne Atomkraft, die der Afro-Amerikaner für unrealistisch erklärte.