SARS-CoV-2 ist ein "Multiorganvirus"

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Entzauberung von Klaus Püschel, der nach ersten Autopsie-Ergebnissen wie Wodarg oder Bhakdi Covid-19 wie eine normale Grippe mit geringer Gefahr einstufte und deswegen zu einem Helden der Verharmloser wurde

Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), hat seit Beginn der Covid-19-Epidemie Verstorbene obduziert. Seine These war: "Dieses Virus ist eine vergleichsweise geringe Gefahr." Deswegen wurde er auch prominent unter den Vertretern der These, dass Covid-19 aufgeputscht wurde und bestenfalls wie eine normale Grippe einzustufen sei. Die Menschen würden an ihren Vorerkrankungen sterben. "Dieses Virus beeinflusst in einer völlig überzogenen Weise unser Leben. Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht", sagte er Anfang April der Hamburger Morgenpost.

Das klang in etwa so wie die Behauptung des Tübinger Oberbürgermeisters: "Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Also keine Aufregung, die wären sowieso verstorben. Püschel meinte denn auch: "Ich bin überzeugt, dass sich die Corona-Sterblichkeit nicht mal als Peak in der Jahressterblichkeit bemerkbar machen wird."

Am 28. April klang das bei Püschel schon ein bisschen anders: "Das Virus ist schon für diese vorbelasteten Geschädigten, in ihrem Immunsystem geschwächten Personen eine Gefahr, das verkenne ich nicht. Und natürlich führt es bei diesen Personen letztlich zum tödlichen Verlauf - gar keine Frage. Aber das würden andere Virusinfektionen auch tun." Aber es sei "kein Killervirus", von ihm gehe nur eine "geringe Gefahr" aus, Gesunde müssten keine Angst haben.

Übersterblichkeit in Deutschland seit Ende März

Das Statistische Bundesamt widerlegte Püschel zwar nicht bezüglich der Jahressterblichkeit, sondern der Wochensterblichkeit am 8. Mai und berichtete, dass die Sterbefallzahlen in Deutschland seit der 13. Kalenderwoche (23. bis 29. März 2020) über dem Durchschnitt der jeweiligen Kalenderwochen der Jahre 2016 bis 2019 lagen: "In der 13. Kalenderwoche sind mindestens 19 385 Menschen gestorben, in der 14. Kalenderwoche (30. März bis 5. April) mindestens 20 207 und in der 15. Kalenderwoche (6. bis 12. April) mindestens 19 872." Seit Mitte März gilt die normale Grippesaison als beendet, weswegen "die leichte Übersterblichkeit in einem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie steht", so Destatis.

In der 15. Kalenderwoche lagen sie 11 % über dem vierjährigen Durchschnitt, wie Destatis am 15. Mail berichtete. Allerdings war die Übersterblichkeit 2018 durch eine starke Grippewelle mit einem Peak in der 10. Kalenderwoche mit 26777 deutlich höher, damals wurden keine Vorsichtsmaßnahmen empfohlen oder angeordnet. Der Covid-19-Peak war bislang in der 15. KW mit 20.295, 12 Prozent über dem vierjährigen Durchschnitt. In den Kalenderwochen 14, 15 und 16 lag die Übersterblichkeit jetzt auch über der von 2018.

Veröffentlichungen zu den Autopsie-Ergebnissen

Am 6. Mai veröffentlichte Püschel mit Kollegen in den Annals of Internal Medicine einen Bericht zu den Autopsie-Befunden von den ersten 12 positiv auf Covid-19 getesteten Toten in der Eppendorf-Klinik mit dem Ziel, klinische Befunde mit den Daten der medizinischen Autopsie, der virtuellen Autopsie und von Virentests zu vergleichen. 75 Prozent der Toten waren Männer, das Medianalter lag bei 73 Jahren, 10 verstarben in der Klinik, 2 außerhalb. In der Klinik starben zwei Patienten nach nicht erfolgreicher Herz-Lungen-Wiederbelebung, 5 auf Intensivstation.

In den Lungen aller Verstorbenen wurde Sars-CoV-2 in "hoher Konzentration" entdeckt, in 6 von 10 Virämie, also Viren im Blut, und bei 5 von 12 eine hohe Viruslast in der Leber, den Nieren oder im Herzen. 50 Prozent hatten eine koronare Herzerkrankung und Asthma, 25 Prozent COPD als Komorbidität auf. Alle hatten Vorerkrankungen, darunter auch Fettleibigkeit oder Diabetes. Die Autopsie hatte als Resultat, dass 58 Prozent eine tiefe Venenthrombose hatten, die man vor ihrem Tod nicht vermutet hatte. 4 Patienten starben direkt an Lungenembolie. Mit Computertomographie zeigten sich eine retikuläre Infiltration der Lungen mit einer schweren und dichten Verfestigung, histomorphologisch lag bei 8 Patienten eine Schädigung der Lungenbläschen vor. Todesursache war bei allen 12 Fällen ein Lungenschaden, nicht bei allen konnte eine virale Lungenentzündung von einer bakteriellen unterschieden werden.

Die Untersuchung von nur 12 Covid-19-Todesfällen kann keine repräsentativen Ergebnisse liefern, was zu einer Überschätzung des Vorhandenseins einer Lungenembolie führen kann. Die Autoren verweisen aber darauf, dass ihre Ergebnisse mit der bekannten Sars-CoV-2-Pathologie weitgehend übereinstimmen, etwa was den Anteil von Männern und Frauen, das Alter, Vorerkrankungen und histologische Daten angeht. Die Covid-19-Patienten wiesen "eine hohe Inzidenz von thromboembolischen Vorfällen" auf: "Wenn eine hämodynamische Verschlechterung in einem Patienten mit Covid-19 eintritt, sollte immer eine Lungenembolie angenommen werden." Die Autoren vermuten, dass eine von Covid-19 verursachte Blutgerinnungsstörung eine wichtige Rolle spielt: "Das SARS-CoV-2-Virus scheint in den Venen zur Bildung von Blutgerinnseln zu führen, die als sogenannte Lungenembolie in die großen Lungengefäße gelangen und zu einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen führen können", so die Pressemitteilung zur Studie.

Bei einer Untersuchung von 27 an Covid-19 gestorbenen Patienten, die die Mediziner vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vor wenigen Tagen im New England Journal of Medicine veröffentlicht haben, zeigte sich, dass die Virusinfektion viele Organe befällt. Die höchste Viruslast findet sich in der Lunge und im Rachen, dann aber vor allem in den Nieren. Die Lungen seien zu 100 Prozent betroffen, die anderen Organe, darunter auch Herz, Leber oder Gehirn, zwischen 30 und 50 Prozent. Wieder wurde auch hier eine Autopsie vorgenommen, um viele Gewebeproben zu entnehmen, die mit mehreren Methoden auf Covid-19 untersucht wurden.

Zu den Vorerkrankungen heißt es nun im Unterschied zu Püschel: "Außerdem fanden die Forschenden heraus, dass es eine Korrelation zwischen dem gleichzeitigen Bestehen mehrerer Erkrankungen (Co-Morbidität) und dem Virusbefall von Organen gibt. Dies könnte ein zusätzlicher Faktor für den großen Einfluss der Vorerkrankungen auf die Sterblichkeit sein. In einer zuvor veröffentlichten Studie hatten UKE-Wissenschaftler festgestellt, dass fast alle an einer COVID-19-Infektion obduzierten Verstorbenen Vorerkrankungen beispielsweise des Herz-Kreislauf-Systems oder der Lunge aufwiesen." Das spricht nicht für die vergleichsweise Harmlosigkeit, sondern dafür, dass Menschen mit Vorerkrankungen, die ihren baldigen Tod nicht verursacht hätten, besonders gefährdet sind. (Florian Rötzer)