"SECESSION! Better dead than red"

Bei den Liberalen in den USA geistern Sezessionswünsche herum

Mit der Wiederwahl von George W. Bush zum Präsidenten wurde dessen Politik von einer Mehrheit der Wähler in den USA bestätigt. Das Land bleibt gleichwohl zerrissen, denn nahezu der Hälfte lehnt die aggressive Machtpolitik auf radikalchristlichem Hintergrund ebenso ab wie viele Menschen auf der ganzen Welt. Wer an den Sieg der Republikaner nicht glauben kann, geht Vermutungen über Wahlmanipulationen nach. Aber die Unzufriedenheit äußert sich auch anders. Wie auch in anderen Staaten kommen in manchen unzufriedenen US-Bürgern Gelüste auf, sich von den "roten" Bush-Staaten zu trennen und einen "blauen" Staat zu gründen. Diese Idee gefällt auch den Konservativen, weil sie neuen Zündstoff zum Bashing der Liberalen liefert.

Bei manchen Amerikanern wird, die Erinnerung an den Bürgerkrieg wach. Grund dafür war, dass die südlichen, landwirtschaftlich und feudalistisch geprägten Staaten aus der Union austraten. Sie erklärten sich als unabhängig und gründeten 1861 die Konföderierten Staaten von Amerika. Die nördlichen Staaten waren stärker von Industrialisierung, Urbanisierung und Liberalismus geprägt und hatten den Staatenbund nicht anerkannt. Im Bürgerkrieg, der Hunderttausenden von Menschen das Leben kostete, ging es auch um diese Unterschiede. Kleine Sezessionsgruppen und Spinner oder Träumer tauchen immer wieder auf, nicht nur unter radikalen Christen, die einen eigenen Staat wünschen, sondern auch unter Liberalen (Der Stachelschwein-Magerstaat).

Auf der Website Sorry Everybody können Amerikaner Bilder posten, um ihr Bedauern über das Ergebnis der Wahl auszudrücken.

Ein Bürgerkrieg steht sicherlich nicht bevor, auch die Sezessionsgelüste von manchen Liberalen und Demokraten in den "blauen" Staaten dürften, wenn sie sowieso nicht eher aus Spaß geäußert wurden, bald verrauchen und sind Folge des Post Election Stress and Trauma Syndrome (PESTS), wie ironisch gesagt wird. Dahinter aber geht es dabei auch ums Geld - und das sorgt auch in anderen Ländern für Konflikte, nicht zuletzt in Deutschland zwischen Ost und West, aber auch gelegentlich zwischen Nord und Süd.

Unter den Bush-Gegnern zirkuliert eine Karte, in der die 19 "blauen" Staaten, in denen Kerry eine Mehrheit erzielt hatte (Washington, Oregon, Kalifornien, Minnesota, Wisconsin, Michigan, Illinois, Maryland und die Staaten im Nordosten), zusammen mit Kanada die "United States of Canada" bilden. Die 31 "roten Staaten", in denen mehrheitlich Bush gewählt wurde, werden zu "Jesusland". Die Karte richtet sich demgemäß nach dem Mehrheitswahlrecht und bildet der polemischen Einfachheit halber das Ergebnis nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip ab.

Für Manche ist eine solche geografische Aufteilung nicht nur eine ironische oder witzige Reaktion auf das Wahlergebnis, schließlich haben Einige auch zu rechnen begonnen und glauben festgestellt zu haben, dass "Jesusland" sozusagen aus den Staaten besteht, die mehr von der US-Regierung erhalten, als sie an Steuern abführen (dass die Einwohner der "blauen" Staaten einen durchweg höheren IQ haben als die der "roten", war zwar eine willkommene Freude von Liberalen, aber halt nur ein Hoax). So führt man bei der konservativen Washington Times Lawrence O'Donnell, einen Demokraten und MSNBC-Politikexperten an, der gesagt hatte: "90 Prozent der roten Staaten sind Wohlfahrtsstaaten der Bundesregierung." Die blauen Staaten, so soll er der Washington Times erklärt haben, würden hingegen den Hauptanteil der Regierungsaufgaben zahlen, obwohl deren Bürger die Politik von Bush nicht mögen. Hat es bislang von den Konservativen T-Shirts und andere Dinge mit der Abbildung der fast völlig roten Vereinigten Staaten als "Bush Country" gegeben, so kontern nun die Liberalen mit T-Shirts, auf denen steht: "I seceded".

Wenn also nicht schon der IQ ausschlaggebend ist, so vielleicht doch das Geld. Paul L. Caron vom TaxProf Blog hat - schon vor der Wahl, aber nun durch eine höhere Aufmerksamkeit bedacht - eine Liste der Verlierer und Gewinner nach Zahlen der Tax Foundation aufgestellt. Die Verlierer nicht nur der Wahl, sondern eben auch von Steuergeldern sind die eher wohlhabenderen "blauen" Staaten. 76 Prozent der Gewinner, also derjenigen Staaten, die mehr Steuergelder erhalten, als sie zahlen, seien "rote", bei den 10 größten Gewinnern seien es gar 85 Prozent. Nur Washington D.C. und New Mexico fallen aus der Reihe. Unpraktisch am Auszug der blauen und reichen Staaten wäre nur, dass sie keinen Block bilden, sondern ebenfalls zerrissen sind.

Allerdings gibt es auch moderatere Vorschläge, die Gründung von USAR (United States of America Red) und USAB (United States of America Blue) etwa - mit offenen Grenzen, aber ansonsten verschiedenen Kulturen:

They would finally be free to have the kind of society they've always wanted; church and state can be fused so they build the kind of theocracy they've dreamt of, with Jesus at the helm. Then the new USAR (United States of America Red) can ban books, repeal civil rights, persecute gays and have all the wars they like. They want prayer in schools? More power to them. They can ban abortion and post the Ten Commandments in every federal building in their country. Bring back slavery, if they want. We'll be free to live with our like-minded countrymen who believe in science, modernism, tolerance, religion as a personal choice, and truly want limited government intrusion in our personal lives. Why should each side be driven mad by the other any more, decade after decade?

Und natürlich kommt es immer darauf an, wie man die "Karten" gestaltet. Die von Robert Vanderbei von der Princeton University erstellte Karte, die die Anteile der Bush- und Kerry-Wähler in den Counties bewertet, zeigt ein schon ein wenig anderes, weil differenzierteres Amerika als das der roten und blauen Staaten:

Um ihre Chancen zu erhalten, wollen manche Demokraten sich konservativen Standpunkten nähern, eine "gemäßigte Mehrheit" oder Mitte bilden und einen Dritten Weg beschreiten. Third Way heißt denn auch die Organisation, die nächstes Jahr gegründet werden soll. Gedacht ist sie für die eigenartige Spezies der "progressiven Zentristen". Aber womöglich wird die konservative Mitte durch eine Radikalisierung der Republikaner nach dem Wahlsieg freier, so dass die entideologisierten Liberalen hier einrücken können. Mit den Betreibern solcher Websites wie Fuck the South dürfte dann die Kooperation eher geringer sein.

Tatsächlich könnte auf die Republikaner und vor allem auf Bush der Druck von der Rechten und den extremen Christen wachsen. So will der Evangelist Jerry Falwell, der Ende der 70er die einflussreiche christlich-fundamentalistische Organisation Moral Majority gründete, nun wieder aktiv werden. Mit der projektierten "Faith and Values Coalition" will er an die Erfolge in den 80er Jahren anschließen und den Trend zu christlichen Werten und christlichem Fundamentalismus stärken. Eine christliche "Revolution" soll durch die Wähler stattfinden, die weiter an den Wahlurnen für Gottesmänner wie Bush stimmen.

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