SIIC, der blinde Fleck

Irak: Nach neuesten Informationen soll jetzt auch al-Qaida zum großen iranischen Eroberungsplan gehören, die nächstliegende Einflussgruppe wird dabei übersehen

Auch gestern kam es wieder zu blutigen Zusammenstößen zwischen britischen Soldaten und Milizen in Basra. Lange Zeit wurde die zweitgrößte Stadt Iraks im Vergleich zu Bagdad als relativ friedlich und sicher gerühmt und infolgedessen auch das Vorgehen der britischen Besatzer, deren Besonnenheit von Journalisten gerne der rigiden Praxis der amerikanischen Soldaten gegenübergestellt wurde. Die Zeiten haben sich gändert und damit auch die Wahrnehmungen: Jetzt wird Basra vor allem als "failed city" geschildert. Als eine Stadt, die vom Chaos regiert wird, von konkurrierenden Milizen und dem mächtigsten und gefährlichsten aller Feinde: Iran. Was jahrelang als britische Zurückhaltung gelobt wurde, gerät jetzt als Laxheit, die diesen Verhältnissen erst den Boden bereitet hat, in den kritischen Blick.

Die Geschichte der Konflikte im Irak seit dem Einmarsch der internationalen Truppen unter Führung der USA ist auch eine Geschichte der sich abwechselndenden Kategorien, Stereotypen und Klischees, welche die verwirrenden Realitäten auf einfache und verständliche Begriffe zu bringen suchten. Dominierte der Kampf der Besatzer/Befreier gegen die "Insurgents", die Widerständler und Terroristen, die Berichterstattung der ersten beiden Jahre nach dem Einmarsch, so gerieten später vor allem die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit.

Seit dem Anschlag auf den heiligen Schrein der Schiiten in Samara Anfang letzten Jahres (vgl. Die Wut der Schiiten) lag der Schwerpunkt - besonders der englisch-sprachigen Medien - auf der "sectarian violence", aber auch hier bekam der Wahrnehmungstrend und die dazu gehörige Frage, ob die interkonfessionelle Gewalt Bürgerkrieg genannt werden soll, ihren Platz (vgl. Unerwünschter Wendepunkt und Die Mehrheit der Iraker sieht ihr Land (noch) nicht im Bürgerkrieg).

In der seit Anfang dieses Jahres von der US-Regierung propagierten Leseart der irakischen Verhältnisse kommt Iran eine entscheidende Rolle zu. Wurde dem Land zunächst nur vorgeworfen, dass es via Revolutionärer Garden besonders schiitische Milizen unterstützen würde, so erweiterten sich die Vorwürfe schließlich auch auf Waffenlieferungen an sunnitische Gruppierungen. Den aktuellen Höhepunkt der Expansion dieser Vorwürfe kann man heute im Guardian nachlesen, wo der prominente Reporter Simon Tisdall ungenannte US-Repräsentanten zitiert, die von geheimen Plänen wissen, denenzufolge Iran sunnitische Guerillas, schitische Milizen, al-Qaida und schließlich gar die Taliban in Afghanistan unterstützen, um die USA aus der Region zu vertreiben.

Das Erstaunliche an dieser Arbeitshypothese der amerikanischen Analytiker, die eine große iranische Sommeroffensive prophezeien, ist dabei gar nicht so sehr die Kühnheit, mit der hier Gruppen verbrüdert werden, die sich zum Teil spinnefeind sind, sondern welche große Gruppierung hier nicht namentlich genannt wird: SIIC (Supreme Islamic Iraqi Council ), vormals SCIRI. (Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq).

Wenn man ganz sicher von einer mächtigen Gruppe im Irak weiß, dass sie enge ideologische und persönliche Verbindungen zu Iran hat, dann ist es die Partei von Abdul-Asis al-Hakim, der zur Zeit in Iran weilt, um sich dort operieren zu lassen. Nur: Erwähnt wird diese Partei im Zusammenhang mit aggressiven iranischen Ambitionen im Irak nur selten. Möglicherweise um dem bekannten Paradox zu entgehen, dass sowohl Washington wie London mit SIIC/SCIRI eine Regierungspartei unterstützen, welche die größte Nähe zu Iran hat, dessen Einfluss im Irak man anderseits einzudämmen versucht.

Die Befürchtung, dass mit SIIC genau jene Kraft unterstützt wird, welche unter allen irakischen Gruppierungen und Parteien Irans religiöser Führung am nächsten steht, trifft auch auf Basra und die Briten zu. Wie der norwegische Spezialist für den irakischen Süden und insbesondere für Basra, Reidar Visser, in mehreren historischen Artikeln darlegt, ist der schiitische Süden Iraks und besonders Basra bei weitem nicht so iranaffin, wie das derzeit dargestellt wird.

Es gibt demnach im Süden und in Basra sehr starke regionale Kräfte, die sich - wie in vielen anderen Ländern auch - als eigenständig begreifen und gegenüber der Zentralmacht sehr distanziert verhalten. In Basra kommen zu dieser regionalen Verbundenheit, die sich z.B. in ganz eigenen Vorstellungen von Basra als einer Art irakisches Abu Dhabi zeigen, noch nationale Kräfte, die zum einen großen Wert auf eine Abgrenzung gegenüber Iran legen und zum anderen den Ambitionen von SIIC/SCIRI skeptisch gegenüberstehen. So ist der Plan einer eigenständigen irakischen Superprovinz nach dem Vorbild Kurdistans, wie ihn SCIRI noch vor ein paar Wochen lautstark vertrat, demnach von den Basrawis nie mit einer derartigen Sympathie bedacht worden, wie es das verbreitete Bild von "den Schiiten" will.

Dass man aus der Angst vor "den Schiiten" politisches Kapital schlagen kann, versuchte die USA mit ihrer Politik gegenüber sunnitischen Staaten zu Anfang des Jahres. Dass die Rede von "den Schiiten" eine Einheit herstellt, die es so nicht gibt, demonstriert Visser in seiner kurzen Geschichtsschreibung von Basra, in der deutlich gemacht wird, dass sektiererische Spannungen nicht von allen Gruppierungen gleichermaßen befördert wurden. Nicht die unwichtigsten, wie z.B. die Fadhila-Partei, welche bis vor kurzem den Gouverneur von Basra stellte, wollten damit keine Politik machen.

Dass sich die britischen Truppen bei aller falschen Zurückhaltung, was das Aufkommen der Milizen in Basra anbelangte, in ihrer Politik im Süden besonders an SIIC/SCIRI orientierten und teilweise sogar dafür sorgten, dass deren Opposition von britischen Soldaten bekämpft wurde, ist laut Visser einer der folgenreichsten Fehler der Briten im irakischen Süden. (Thomas Pany)

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