SZ schließt sich Kampagne gegen linken Kommunikationswissenschaftler an

Mit gefälschten Zitaten und falschen Behauptungen macht ein SZ-Redakteur mobil, der Chefredaktion scheint dies trotz Hinweisen egal zu sein - korrigierte Fassung

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 25. Mai mit dem Titel "Ein Blog, der Unmut auslöst" hat es in sich. Er ist in Zeiten eines zunehmend aggressiven Lagerdenkens zwar symptomatisch, praktiziert aber mit der Verbreitung von Unwahrheiten, neudeutsch würde man sagen: Fake News, in der Zeitung eine Denunziation von Prof. Dr. Michael Meyen, einem Kommunikationswissenschaftler der LMU, und seinen Mitarbeitern. Es werden schon in der Dachzeile schwere Geschütze aufgefahren: "Der LMU-Professor Michael Meyen bietet im Internet fragwürdigen Ansichten ein Forum. Den Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen habe er als 'professionellen Journalisten' kennengelernt."

Und dabei wird gleich eine falsche Behauptung gemacht, denn Meyen hat Jebsen nicht als "professionellen Journalisten" bezeichnet, was hier in Form eines angeblichen Zitats behauptet wird. Es kommt in dem Blog-Beitrag hingegen der Satz vor: "Bei KenFM arbeiten Profis, kein Zweifel. Terminabsprache, Empfang, Räume: perfekt. Eine Assistentin plaudert mit dem Gast, bis der Meister kommt." Obgleich die Chefredaktion darauf und auf andere falsche Tatsachenbehauptungen aufmerksam gemacht wurde, ist der Text bislang unverändert geblieben. Arbeitet so "Qualitätsjournalismus"? Auch im Online-Artikel vermeidet man das Setzen von Links, etwa auf den Beitrag von Meyen, dem das gefälschte Zitat entnommen wurde. Soll der Leser gar nicht nachprüfen, sondern die Behauptungen des Qualitätsjournalisten und seines Mediums einfach für bare Münze nehmen?

Anstoß für den jungen Journalisten Sebastian Krass, der sich ansonsten eher um Architektur und Stadtplanung in München kümmert und wahrscheinlich dort auch besser aufgehoben wäre, war wohl die Distanzierung des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung von dem von Michael Meyen betreuten Blog "Medienrealität". Der sei "eine private Initiative": "Die Verantwortung für die auf dem Blog veröffentlichten Inhalte liegt ausschließlich bei Prof. Meyen. Das Institut hat keine Möglichkeit, auf die Inhalte Einfluss zu nehmen." Inhaltlich äußerten sich die drei Professoren nicht, aber indem Meyen im Impressum seine "Dienstadresse" angab, hat er Anlass zu einer möglichen Unterstellung gegeben, dass der Eindruck erweckt werden soll, dass der Blog eine Publikation des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung sei.

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Gestartet wurde die Auseinandersetzung mit Meyen vermutlich von dem Münchener Christopher Klein, der "redaktionelle und kreative Dienstleistungen" anbietet, den Blog Sonnengondel betreibt und zu sich schreibt: "Viel über Verschwörungstheorien, Literatur und Buchbranche. Beruflich Redakteur, hier privat! I stand with Israel." Auf seinem Twitter-Account begann er am 23. Mai eine Kampagne gegen Meyen, in der dieser nicht nur wegen seiner Kontakte zu den Schmuddelkindern kritisiert, sondern auch - erfolgreich - versucht wird, ihn am Institut madig zu machen. Man gewinnt den Eindruck, dass hier nach Schwarz-Weiß verfahren wird. Wer nicht für uns ist, ist unser Gegner, dazwischen, wo sich Meyen bewegt, soll nichts sein. Offenbar ist es ein Ärgernis, wenn ein Kommunikationswissenschaftler abweichende Positionen vertritt. Neben Meyen und seinen Mitarbeitern scheint das Ziel auch der Forschungsverbund ForDemocracy zu sein.

Verstärkt wurde Klein durch den Blog "Rechte Medieninfo" mit einem Beitrag. Hier ging es nicht nur um eine vermeintliche Nähe zu KenFM, sondern auch um den Vorwurf, dass Meyen den BDS "als legitime Kritik an israelischer Siedlungspolitik" sehe und sein Mitarbeiter Kerem Schamberger den "anti-israelischen BDS vertritt".

Aufgegriffen wird der Blogbeitrag von Meyens Mitarbeiter Alexis Mirbach, auf den auch Krass verweist: "Was ich von Ken Jebsen gelernt habe". Er schreibt, er sei durch KenFM auf die Finanzierung der WHO aufmerksam geworden, da er vergraben in Forschung sich nicht viel Corona beschäftigt und in einer Informationsblase von "bild.de und https://www.sueddeutsche.de am Abend plus Heute Journal" gelebt habe. Dort sei er nicht darauf aufmerksam gemacht worden. Er hätte natürlich suchen können. Aber geschenkt.

Mirbachs Beitrag mag grenzwertig sein, aber er versucht, sich zwischen den Fronten zu bewegen und schließt damit: "Öffentlichkeitstheoretisch ist es vielleicht besser, sowohl Ken Jebsen wie auch den öffentlich-rechtlichen Faktencheckern; wie auch Bill Gates; wie auch Markus Söder; wie auch mir; immer mal wieder zu misstrauen. Oder wie Tocotronic einst sang: im Zweifel für den Zweifel." Was macht Klein daraus: "Es scheint, als solle am Ende einfach nur herausgearbeitet werden: 'Schaut mehr KenFM'."

Aber es geht bei Mirbach ("Ein Mitarbeiter des 'Forschungsverbund ForDemocracy'") auch wieder um BDS und die Kritik an der israelischen Politik, was mit Antisemitismus gleichgesetzt wird: "'Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren'. Alleine der Veranstaltungstitel ist problematisch.". Klein schreibt, "für Mirbach ist der #Antisemitismus Jebsens nicht der Rede wert". Das ist als Argument dafür gemeint, dass dann, wenn dieser nicht erwähnt wird, auch alles andere, was von Jebsen kommt, schon desavouiert sein soll. Letztlich werden dann Verschwörungszirkel mit anderen Schmuddelkindern wie Mausfeld, Bröckers oder Ganser sowie dem Westendverlag konstruiert, bei dem Meyen, Bröckers auch über KenFM oder Mausfeld publiziert haben.

Leseschwäche oder Betrugsabsicht beim SZ-Redakteur?

Unser SZ-Journalist überbietet das natürlich - offenbar gedeckt durch die Chefredakteure, die auf Hinweise auf falsche Behauptungen nicht reagiert haben. Er zitiert angeblich aus dem Text Mirbachs, dass die WHO "von Bill und Melinda Gates kontrolliert wird". Man wird das Zitat in dem Text von Mirbach aber nicht finden. Ein Anwalt ließ uns wissen: "In Anführungszeichen gesetzte Zitate werden als wörtliche Zitate verstanden und müssen daher 1:1 authentisch sein. Das Unterschieben fremder Äußerungen ist eindeutig eine rechtswidrige Persönlichkeitsrechtsverletzung." Das scheint der SZ-Chefredaktion aber egal zu sein. Krass scheint es ebenso ein Ziel zu sein, das Projekt For Democracy, "an dem Forscher aus acht Hochschulen beteiligt sind und das zur 'Bayerischen Forschungsallianz' des Freistaats gehört", wegen Meyen unter Druck zu setzen.

Der Abschluss des Artikels von Krass ist bezeichnend:

Weiter schreibt Meyen, dass "das Establishment (...) Kampagnen gegen Fake News, Hate Speech, Verschwörungstheorien" fahre. Mit diesen Begriffen, so sagte er in einem Interview mit der Online-Plattform "Telepolis", wollten die "Mächtigen" die Kommunikation im Internet "kontrollieren".

Sebastian Krass

Da das "Interview" nicht näher gekennzeichnet, und auch nicht verlinkt wurde, ging ich zunächst davon aus, dass es sich um dieses Interview handelt, in dem Meyen etwas ganz anderes gesagt hatte:

Öffentliche Aufgabe heißt: Informationen bereitstellen, die wir Bürger brauchen, die Mächtigen kritisieren, die Mächtigen kontrollieren und so Orientierung und Meinungsbildung ermöglichen. Das kann ein Mediensystem nicht, das zunächst einmal Aufmerksamkeit maximieren muss. Damit sind wir schnell bei den Eigentumsverhältnissen, bei Medienstrukturen.

Michael Meyen

Ich bin durch den Begriff "Interview" in die falsche Richtung gelenkt worden. Es gibt überdies auf Telepolis eine Abschrift eines Gesprächs mit Meyen auf einem Telepolis-Salon vom 16. Mai 2018. Insofern war die zuerst geäußerte Kritik zu harsch, ich nehme die Fake News zurück und muss hinsichtlich dieser Passage um Entschuldigung bitten (Änderung erfolgte am 30.5. um 15:30).

"Frage: Ich habe das Gefühl, wenn jemand nicht die Perspektive der Regierung annimmt, dann ist er schnell ein Putin-Versteher oder dann gleich auch Verteidiger von Verschwörungstheorien. Was ist zu dieser Art von Dominanz von Meinung zu sagen, die sich selbst gar nicht weiter kritisiert?

Michael Meyen: Das beobachten wir in den letzten Jahren, dass sich der Raum des Sagbaren einschränkt. Verschwörungstheorie ist ein Begriff, mit dem versucht wird, Kritiker mundtot zu machen. Wir haben Fake-News, wir haben Hate-Speech, wir haben Propaganda.

Das sind letztlich Versuche der Mächtigen, die neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die neuen Kommunikationsräume, die sich im Internet gebildet haben, zu regulieren, in ihrem Sinne zu kontrollieren, denn Fake-News sagt uns, dass die News, also was die Tagesschau berichtet, das Wahre ist, und alles, was Telepolis z.B. macht, offenbar was anderes sein soll.

Man muss immer sehr genau beobachten, worauf diese Begriffe eigentlich zielen, ich denke, das kommt auch von solchen Think Tanks und Meinungsfabriken, die versuchen, die Kommunikationsordnung im Sinne der Mächtigen aufrecht zu erhalten."

Hier spricht Meyen in der Tat von Versuchen der Mächtigen, näher von Think Tanks und Meinungsfabriken, die Kommunikation im Internet zu regulieren oder zu kontrollieren. Dazu würden Begriffe wie Verschwörungstheorie oder Fake News eingesetzt. Das kann man versuchen zu bestreiten. Krass stellt aber schon die Aussage/Behauptung von Meyen, dass man den Begriff der Verschwörungstheorie - der derzeit inflationär gebraucht wird - verwende, um Kritiker mundtot zu machen, also abzuqualifizieren, so in einen Kontext, dass dies zu einer Verbrüderung mit Ken Jebsen gerät und damit selbst wieder zu einer Verschwörungstheorie.

Man fragt sich, warum Chefredaktion, aber auch das Institut und die Kampagnenanführer wie Klein dazu schweigen. Klein, der aufrechte Kämpfer, würdigt hingegen unkritisch die SZ, man steht ja auf der richtigen Seite, da spielt Wahrheit keine Rolle:

Danke an die @SZ für Berichterstattung und Aufnahme des Themas um den Lehrstuhl Michael Mayens. Die Einordnung Mayens, dass er Jebsen als "professionellen Journalisten" kenne, indes ist erschreckend.

Christopher Klein

Mit der Wahrheit ist man bei der SZ ganz lässig: "Ich verantworte das Ressort München, Region, Bayern, in dem der Artikel erschienen ist, auf den sich Ihre Fragen beziehen. Sebastian Krass wird Ihnen auf diese gerne antworten. Aktuell ist er nicht im Dienst und auch nicht erreichbar. In der kommenden Woche, wenn er wieder im Dienst ist, meldet er sich bei Ihnen." (Florian Rötzer)