Sachbücher des Monats: April 2019

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Neuen Zürcher Zeitung, der Literarischen Welt, dem ORF-Radio Österreich 1 und Telepolis.

Aleida Assmann
Der europäische Traum
Vier Lehren aus der Geschichte

Das Symbol der EU ist der Sternenkreis. Lange Zeit haben wir dieses Motiv im Rahmen der offiziellen Rhetorik der EU als Symbol für die "Einheit in der Vielfalt" gesehen. Heute müssen wir uns jedoch mit größerem Ernst fragen: Was hält die Sterne noch zusammen und davon ab, auseinanderzufallen? Besitzt Europa ein Leitbild? In Analogie zum "amerikanischen Traum" entfaltet Aleida Assmann in diesem Buch den "europäischen Traum" und meint damit vier Lehren, die die Europäer aus der Geschichte gezogen haben. Sie machen das offene Projekt Europa aus. Ob es eine Zukunft hat oder nicht, hängt deshalb nicht zuletzt davon ab, ob diese Lehren weiterhin als eine gemeinsame Grundorientierung anerkannt und umgesetzt werden.
C. H. Beck Verlag, 208 Seiten, € 16,95
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Lothar Müller
Freuds Dinge
Der Diwan, die Apollokerzen die Seele im technischen Zeitalter

Wer sich in die Fallgeschichten Sigmund Freuds vertieft, der versteht: Das nebenher Gesagte, das belanglose Detail ist das Entscheidende. Das Unbewusste von Freuds Patienten war bevölkert mit den Requisiten des bürgerlichen Alltags und Interieurs. In ihren Träumen und Fehlhandlungen regiert die "Tücke des Objekts", die damals sprichwörtlich wurde. So sind Freuds Schriften nicht nur eine Aufdeckung des Verdrängten oder Verdichteten, der Lektüre im Unbewussten, sondern zugleich ein Kompendium der Dingwelt des 19. Jahrhunderts, vom Regenschirm bis zu den Schreibgeräten. Das Unheimliche und das Harmlose begegnen sich an dieser Schnittstelle.
Die Andere Bibliothek, 419 Seiten, € 42,00 €
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Sebastian Rödl
Selbstbewußtsein und Objektivität
Eine Einführung in den absoluten Idealismus

Gegen die verbreitete Idee, dass Erkenntnis, wenn sie objektiv sein will, die erste Person transzendieren muss, erklärt Sebastian Rödl, dass Erkenntnis nur durch ihren erstpersonalen Charakter Objektivität besitzt. Er bietet auf diesem Weg eine Einführung in den Absoluten Idealismus und unterminiert zugleich eine Reihe fraglos geltender Vorstellungen. Dazu gehört etwa die, Urteilen sei eine propositionale Einstellung und Schließen ein geistiger Vorgang, oder auch die, es gebe eine empirische Wissenschaft des Vermögens objektiver Erkenntnis. Rödl zeigt, dass sie alle der irrigen Idee entspringen, die Objektivität der Erkenntnis sei ihrem erstpersonalen Charakter entgegengesetzt.
Aus dem Englischen von Carolin Böse-Sprenger.
Suhrkamp Verlag (stw), 215 Seiten, € 18,00
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Willy Winkler
Das braune Netz
Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde

Sie hatten ihre Karriere im Dienste des NS-Staates begonnen - und setzten sie bruchlos in der der neuen Bundesrepublik fort. So bereitwillig sie der braunen Ideologie gedient hatten, so engagiert traten sie nun für die Demokratie ein. Kriegsgerichtsräte fällten wieder ihre Urteile, einst regimetreue Professoren lehrten und die Journalisten aus den früheren Propagandakompanien schrieben, als hätten sie sich nichts vorzuwerfen. Damit gewann der junge Staat zwar politische Handlungsfreiheit zurück, gründete seinen Erfolg aber auf einen moralischen Widerspruch, der nicht aufzulösen war: Die Demokratie wurde mitaufgebaut von ihren Feinden. Willi Winkler beschreibt, wie der westdeutsche Staat trotz all seiner Zerrissenheiten zum Erfolgsmodell wurde - und er zeigt, welchen Anteil vermeintlich oder tatsächlich geläuterte Nazis daran hatten.
Verlag Rowohlt Berlin, 416 Seiten, € 22,00
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Stephen Smith
Nach Europa!
Das junge Afrika auf dem Weg zum alten Kontinent

Die Länder Afrikas südlich der Sahara erleben eine historisch einzigartige Bevölkerungsexplosion - in der Europäischen Union nimmt die Zahl der Bewohner ab und die Bevölkerung altert merklich. Im Jahr 2050 wird es rund 2,5 Milliarden Afrikaner geben, der Migrationsdruck auf Europa wird schon vorher enorm anwachsen. Man kann versuchen, davor die Augen zu verschließen; man kann aber auch darangehen, diesen Prozess zu gestalten - möglicherweise zum Nutzen aller.
Übersetzt von Andreas Rostek und Dagmar Engel.
Edition.fotoTAPETA, 244 Seiten, € 17,50
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Harry Graf Kessler
Tagebücher
Das Tagebuch 1880 - 1937

Der erste Band ist das persönlichste Tagebuch Kesslers. Seine Liebe zur Familie ist ebenso dokumentiert wie die Selbstreflexion, die in späteren Jahren ganz weicht. Studentische Besäufnisse, verwirrende Beziehungsgeschichten, die in einem Fall zum Mord der Geliebten führen, aber vorwiegend die Entwicklung von Freundschaften auf Spaziergängen, bei Theater- und Musikaufführungen (Gewandhaus) sowie in Gesellschaften prägen Band 1.
Herausgegeben von Roland S Kamzelak, Ulrich Ott und anderen.
Cotta Verlag, 879 Seiten, € 65,00
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Harald Welzer
Alles könnte anders sein
Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen

Heute glaubt niemand mehr, dass es unseren Kindern mal besser gehen wird. Muss das so sein? Muss es nicht! Harald Welzer entwirft uns eine gute, eine mögliche Zukunft. Anstatt nur zu kritisieren oder zu lamentieren, macht er sich Gedanken, wie eine gute Zukunft aussehen könnte: In realistischen Szenarien skizziert er konkrete Zukunftsbilder u.a. in den Bereichen Arbeit, Mobilität, Digitalisierung, Leben in der Stadt, Wirtschaften, Umgang mit Migration usw. Welzer zeigt: Die vielbeschworene "Alternativlosigkeit" ist in Wahrheit nur Phantasielosigkeit. Wir haben auch schon viel erreicht, auf das man aufbauen kann. Es ist nur vergessen worden bzw. von andere Prioritäten verdrängt. Es kann tatsächlich alles anders sein. Man braucht nur eine Vorstellung davon, wie es sein sollte. Und man muss es machen. Die Belohnung: eine lebenswerte Zukunft, auf die wir uns freuen können.
S. Fischer Verlag, 320 Seiten, € 22,00
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Laura Wiesböck
In besserer Gesellschaft
Der selbstgerechte Blick auf die Anderen

"Aber wir sind doch alle gleich!" Der Schlachtruf der aufgeklärten Gesellschaft ist zugleich ihr größter Stolperstein: Kaum eine Annahme ist so fragil. In Wirklichkeit sind wir bestrebt, uns anderen Menschen, anderen Bevölkerungsgruppen, anderen Denkmustern, anderen Verhaltensweisen gegenüber abzugrenzen. Mann oder Frau, jung oder alt, stark oder schwach, arm oder reich, ungeachtet der sozialen Stellung, Religion oder Nation - die Mechanismen sind immer dieselben: Weniger Privilegierte pochen auf ihren ehrlichen "Hacklerstatus" und wettern gegen die Schnösel "da oben"; das sogenannte Bildungsbürgertum schüttelt den Kopf pikiert über Wähler rechtspopulistischer Parteien und bestellt mit wohligem Gefühl das Bio-Kisterl. Konsumverhalten wird zum Statussymbol, der Beruf zur Identität und politische Andersartigkeit zum Feindbild.
Verlag Kremayr & Scheriau, 208 Seiten, € 22,00
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Peter Bertold
Unsere einzigartige Vogelwelt
Die Vielfalt der Arten und warum sie in Gefahr ist

Die Vogelporträts machen fast vergessen, dass das Artensterben in Deutschland in den letzten 20 Jahren exponentiell zugenommen hat. Fast alle Arten "unserer Kindheit" sind heute massiv in ihrer Existenz bedroht. Warum dies so ist und wie wir dem Vogelschwund vielleicht Einhalt gebieten können, zeigt der erste artenübergreifende Bildband von Peter Berthold.
Mit Fotografien von Konrad Wothe.
Frederking & Thaler Verlag, 224 Seiten, € 29,99
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Georg Cremer
Deutschland ist gerechter, als wir meinen
Eine Bestandsaufnahme

Wie ungerecht ist Deutschland wirklich? Heute geben wir fast 30 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung für den Sozialstaat aus. Der neoliberale Sozialabbau, der angeblich nur noch einen "Suppenküchensozialstaat" übrigließ, hat nicht stattgefunden. Georg Cremer unterwirft den vorherrschenden Niedergangsdiskurs einem Realitätstest. Dabei macht er deutlich, wo der Sozialstaat wirkt und wo nachgebessert werden muss, gerade auch um Menschen am unteren Rand der Gesellschaft zu stärken. Eine Bestandsaufnahme, die zeigt, dass zwar längst nicht alles gerecht ist in Deutschland, aber doch gerechter als viele meinen.
C. H. Beck Verlag, 272 Seiten, € 16,95
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Besondere Empfehlung des Monats April von Prof. Dr. Rebekka Habermas:

Ina Heumann/Holger Stoecker/Marco Tamborini/Mareike Vennen
Dinosaurier Fragmente
Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte. 1906-2018

Ein Objekt überragt seit fast 100 Jahren die Berliner Museumslandschaft: das Skelett eines Brachiosaurus brancai. Der Dinosaurier ist eine Ikone der deutschen Museums-, Wissens- und Populärkultur. Die Ausgrabung der Knochenfragmente am Berg Tendaguru in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) gilt weltweit als eine der erfolgreichsten paläontologischen Unternehmungen. Im Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Museum hat sich der Brachiosaurus als besonders vielschichtiges und fragmentarisches Wissensobjekt erwiesen. Die Beiträger zeichnen die wechselvolle Geschichte dieses Objekts nach: Entdeckt und ausgegraben in der Kolonialzeit, aufgestellt während des "Dritten Reichs" und nach dem Krieg in Ost-Berlin wiedererrichtet, steht es bis heute im Zentrum des Museums für Naturkunde Berlin. Die Autorinnen und Autoren betrachten das berühmte Ausstellungsobjekt in seinem historischen Kontext und gehen auf aktuelle Debatten ein. Dadurch brechen sie vorherrschende Narrative auf und öffnen den Blick für die Geschichten hinter dem Dinosaurier.

Das Buch zur kolonialen Restitutionsdebatte: Minutiös zusammengefügte Puzzleteile, die zeigen, dass das deutsche Kaiserreich nicht nur Ethnographica, sondern auch Naturalia wie die Knochen von Dinosauriern unter mehr als zweifelhaften Umständen erwarb. Ursprünglich von Einheimischen in Deutsch-Ostafrika gefunden, verhalfen die Dinosaurier Fragmente der Paläontologie zu wissenschaftlichem und Deutschland zu nationalem Ruhm, frei nach dem Motto, Deutschland hat den größten.
Rebekka Habermas

Wallstein Verlag, 311 Seiten, € 26,90
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Die Jury: Tobias Becker, Der Spiegel; Kirstin Breitenfellner, Falter (Wien); Dr. Eike Gebhardt; Daniel Haufler, Berlin; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Elisabeth Kiderlen; Jörg-Dieter Kogel; Prof. Dr. Ludger Lütkehaus; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, TELEPOLIS; Dr. Frank Schubert, Spektrum der Wissenschaft; Norbert Seitz; Prof. Dr. Joachim Treusch, Jacobs-University, Bremen; Dr. Andreas Wang; Michael Wiederstein, Schweizer Monat; Prof. Dr. Harro Zimmermann; Stefan Zweifel, Schweiz

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