Sachbücher des Monats: August 2013

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Süddeutschen Zeitung, dem Norddeutschen Rundfunk, Buchjournal, Börsenblatt und Telepolis. (Die Jury )

Nils Werber

Ameisengesellschaften

Eine Faszinationsgeschichte

Seit der Antike dienen Ameisen und ihre Formen des Zusammenlebens als Modell und Vergleich für den Menschen und seine soziale Organisation. Dabei ist das Bild der Ameisengesellschaft, in denen wir unsere Ordnungen spiegeln, äußerst flexibel und kann als Vorlage sowohl für republikanische wie monarchistische, libertäre oder totalitäre Vorstellungen einer Gemeinschaft verwendet werden. In seiner wissenshistorischen Studie verfolgt Niels Werber die wechselhafte Faszinationsgeschichte dieses Vergleichs und untersucht die Evidenzen und blinden Flecken, die er produziert. Was an Ameisen beobachtet wird, so der Befund, gibt Antworten auf soziologische oder anthropologische Probleme - und stellt jenseits aller Disziplinen die Frage, was der Mensch ist und was die Gesellschaft, in der er lebt.

S. Fischer Verlag, 475 Seiten, €24,99

Edgar Wolfrum

Rot-Grün an der Macht

Deutschland 1998 - 2005

Die rot-grüne Ära war eine Zeit des Umbruchs. Atomausstieg, Agenda 2010, Krieg und Frieden - es waren dramatische Jahre, in denen Tabus gebrochen wurden. Epochale innenpolitische Reformen erhöhten den Pulsschlag der Politik und bewirkten eine gesellschaftliche Polarisierung wie selten zuvor. Soziale Krise, forcierte Globalisierung und internationaler Terrorismus: Um die Jahrtausendwende veränderte sich die Welt in einer rasanten Geschwindigkeit. Mehrmals drohte die Koalition auseinanderzubrechen. Erfolg und Scheitern lagen auf vielen Feldern nahe beieinander. Das Buch entfaltet ein Panorama des Übergangs vom 20. zum 21. Jahrhundert, behandelt gleichgewichtig Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur und führt uns die Akteure dieser Jahre in ihren Siegen, aber ebenso in ihren Irrungen und Wirrungen vor Augen.

C. H. Beck Verlag, 848 Seiten

Uwe Rada

Die Elbe

Europas Geschichte im Fluss

Die Elbe ist nicht nur ein großartiger Naturraum, sie ist auch eine europäische Lebensader und lebendige Geschichte im Fluss. Uwe Rada nutzt diesen Strom wie eine Perlenkette, auf die er kleine Geschichten und große Geschichte über außergewöhnliche Orte, besondere Menschen, über Handel und Umwelt, Häfen und Literatur aufzieht. Als deutsch-deutscher Fluss und als tschechisch-deutscher Fluss verbindet die Elbe verschiedene Erinnerungsorte zwischen West und Ost. Vor allem aber rückt sie als Naturraum und zunehmend beliebtes Ziel des Kulturtourismus immer stärker in den Blick. Im Einzugsgebiet der Elbe mit seinen Städten Prag, Dresden, Magdeburg und Hamburg konstituiert sich ein Stück Mitteleuropa neu.

Siedler Verlag, 320 Seiten, € 19,99

Colin Crouch

Jenseits des Neoliberalismus

Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit

Im Widerstand gegen den Neoliberalismus muss das soziale Denken und damit die Sozialdemokratie aus ihrer defensiven Haltung aufgerüttelt und durchsetzungsfähiger gemacht werden. Der Neoliberalismus hat unsere Gesellschaft bereits nachhaltig geprägt, die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte sind nicht mehr rückgängig zu machen. Aus diesem Grund ist für Colin Crouch ein gestalterischer Eingriff nur systemimmanent denkbar: Die Sozialdemokratie muss den Schwerpunkt ihrer Aktivität auf die Beseitigung unerwünschter Auswirkungen der strukturell ineffizienten Marktwirtschaft legen. Ihre Aufgabe ist es, den Wohlfahrtsstaat zu einem Staat der sozialen Investitionen zu machen. Aus dem Englischen von Georg Bauer

Passagen Verlag, 233 Seiten, € 19,90

Gustav Seibt

Goethes Autorität

Aufsätze und Reden

War Goethe, wie Nietzsche einst schrieb, tatsächlich ein "Zwischenfall ohne Folgen" in der deutschen Kultur? Gustav Seibt nimmt dessen Bemühen, eingebunden in seine Zeit zu wirken, Teil eines harmonisch gefügten Ganzen zu sein, als Ausgangspunkt für seine Streifzüge in klassisches und unklassisches Gelände. Er macht Goethes offensichtliche und verdeckte Einflüsse auf spätere Generationen sichtbar. Mit Erkundungen zu Jakob Burckhardt, Fontane, William Gaddis, Arno Borst, seinen Überlegungen zu Geschichtsschreibung, Außenseitertum, aber auch zu Humor und Lachen knüpft er ein Netz aus Bezügen und Wahlverwandtschaften. Goethes Autorität zieht sich dabei als roter Faden durch das Buch. Sie taugt nicht zur Bevormundung, vielmehr erwächst sie, wie hier gezeigt wird, aus einem außerordentlich reichen, beispielhaft gelungenen und Sprache gewordenen Leben.

zu Klampen Verlag, 176 Seiten, € 18,00

Amnesty International

Report 2013

Zur weltweiten Lage der Menschenrechte

Der Amnesty International Report 2013 informiert über die Menschenrechtssituation in 159 Ländern. Im vergangenen Jahr gaben rund um den Erdball Menschen ihrer Forderung nach Durchsetzung und Einhaltung der Menschenrechte Ausdruck. So waren etwa die Vorgänge in Syrien ein drastischer Beleg für die fehlende Bereitschaft von Regierungen, Proteste und Kritik zu dulden. Diejenigen Menschen, die für ihre Rechte auf die Straße gingen, bewiesen ungeheuren Mut angesichts einer Staatsmacht, die brutal gegen ihre eigene Bevölkerung vorgeht und auch vor tödlicher Gewalt nicht zurückschreckt.

S. Fischer Verlag, 480 Seiten, €14,99

Pierre Rosanvallon

Die Gesellschaft der Gleichen

Ein Riss geht durch die Demokratien der westlichen Gesellschaften. Immer größer werdende Einkommensunterschiede setzen das soziale Band bis zum Zerreißen unter Spannung. Zwar haben die Bürgerinnen und Bürger ihre Fähigkeit, sich einzumischen und ihren Einfluss geltend zu machen, beständig erhöht. Doch während sich die politische Bürgerschaft auf dem Vormarsch befindet, schwindet sie als soziale Körperschaft dahin. In dieser Kluft liegt die größte Gefahr für die Demokratie selbst. Das Überleben der Demokratie als "politische Form" ist so Rosanvallon an einen Vergesellschaftungsmodus, an eine "soziale Form" gebunden, in der sich Gleiche als Freie und Freie als Gleiche begegnen können. Er richtet sich gegen jene neoliberalen Positionen, die im Namen vermeintlicher Leistungsgerechtigkeit das Lob der Ungleichheit anstimmen. Indem die Empörung gegenüber eklatanten Ungleichheiten als Ausdruck niedrigen Sozialneids diskreditiert wird, werden Gleichheitspostulate politisch denunziert. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt

Hamburger Edition, 384 Seiten, € 33,00

Alain de Botton

Religion für Atheisten

Vom Nutzen der Religion fürs Leben

"Ein wundersam subversiv gefährliches Buch" urteilte der amerikanische Presse über Alain de Bottons elegante Provokation, die zum Bestseller wurde. Was können wir von den Religionen lernen? Die Religion hat einen Reichtum an Dingen zu bieten, die uns helfen, das Leben einfacher und sinnvoller zu gestalten: eine Ethik, damit Gemeinschaften friedlich miteinander leben; sie erfand Malerei, Architektur und Musik, die uns zum Staunen bringen; sie tröstet uns bei Tod, Schmerz und Leiden. Wir können viel von den Religionen lernen, um unser säkulares Leben reicher zu machen: Alain de Botton zeigt uns wie. Aus dem Englischen von Anne Braun

S. Fischer Verlag, 320 Seiten, € 21,99

Knud von Harbou

Wege und Abwege

Franz Josef Schöningh, Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie

Schöningh (1902 - 1960) war einer der drei Gründungsherausgeber der Süddeutschen Zeitung. Er wurde intensiv von vier Phasen deutscher Geschichte geprägt: dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem Dritten Reich und der jungen Bundesrepublik. Nach dem Studium der Wirtschaftsgeschichte versuchte er als Chefredakteur der katholisch-philosophischen Zeitschrift Hochland, ein antiliberales christliches Gesellschaftsbild zu etablieren. Während der Zeit des Nationalsozialismus verzweifelte er an den Möglichkeiten einer publizistischen Opposition. Nach dem Verbot der Zeitschrift 1941 sah er sich während des Kriegs als Angehöriger der Zivilverwaltung des Generalgouvernements in Ostpolen tief mit dem Vernichtungsprozess gegen die jüdische Bevölkerung konfrontiert. Jüngst aufgefundene private Briefe lassen eine Beurteilung seines Handelns zu, das er nach dem Krieg auszublenden versuchte. Von den US-Behörden zum Mitherausgeber der SZ ernannt, war er zuständig für den Bereich Kultur. Sein Wirken im Feuilleton spiegelt die konservative Grundhaltung der SZ nach dem Krieg wider; erzählt wird aber auch ihre legendäre Gründungsgeschichte.

Allitera Verlag, 359 Seiten, € 22,90

Ursula Pia Jauch

Friedrichs Tafelrunde und Kants Tischgesellschaft

Ein Versuch über Preußen zwischen Eros, Philosophie und Propaganda

Ursula Pia Jauch nimmt in ihrem Essay Friedrich den Großen und das mit ihm verbundene Sonderschicksal der deutschen Aufklärung ins Visier. Damit dringt sie in den Kern der brenzligen Frage nach den Ereignissen der letzten 280 Jahre deutscher Geschichte. Rheinsberg und Sanssouci waren hoffnungsvolle Knotenpunkte eines freien und kosmopolitischen Denkens. Aber in Deutschland heimisch geworden ist das "Selber-Denken" (Kant) nur in der Theorie, in der Praxis herrschen Untertanengeist und Obrigkeitsmentalität. Jauch bringt Friedrichs philosophische "Tafelrunde" zu Sanssouci und Kants "Tischgesellschaft" in Königsberg in ein produktives Gespräch und kommt zum Schluss: "Friedrich ist durchaus kein Philosoph; der Machtpolitiker spielt den Philosophen: Das ist gut für die Propaganda. Für das Dahinter gelten die Regeln des strikten Gehorsams." Doch das Spiel, die Gespräche und die Ironie der Geschichte gehen über die philosophischen Männerrunden hinaus; die damaligen Debatten reichen bis in die Gegenwart hinein.

Verlag Matthes & Seitz, 280 Seiten, € 24,90

Besondere Empfehlung des Monats August von Otto Kallscheuer:

Philippe de Parijs

Sprachengerechtigkeit

Für Europa und die Welt

"Do you speak English?" Nicht nur in Europa erhält man als Antwort darauf immer häufiger ein "Yes". Und in der Tat: Quasi unter der Hand scheint sich Englisch zu einer neuen "lingua franca" zu entwickeln, wie auch empirische Daten belegen. Aber ist das gerecht? Oder vielmehr ein Menetekel der "Amerikanisierung" der Welt, respektlos und "unfair" – der Anfang vom Ende der kulturellen Vielfalt, die gerade Europa so besonders macht? Philippe Van Parijs vertritt in seinem Buch die provokante These, dass wir diese Entwicklung nicht nur begrüßen, sondern auch aktiv beschleunigen sollten. Eine gemeinsame Sprache, so seine Überzeugung, ermögliche mehr Bürgern die Teilhabe an politischen und wirtschaftlichen Prozessen und sei eine effektive Waffe im Kampf um mehr Gerechtigkeit. Seine Devise lautet daher: "Go English!" Aber ist das wirklich gerecht? Schließlich wären englische Muttersprachler im Vorteil, und es spricht viel dafür, die Sprachenvielfalt gerade aus Gründen der Gerechtigkeit zu schützen. Van Parijs stellt sich diesen und weiteren Einwänden in gehaltvoller Auseinandersetzung mit den maßgeblichen Paradigmen der Gerechtigkeitstheorie und diskutiert dann praktische Maßnahmen zur Durchsetzung der Sprachengerechtigkeit – etwa eine Sprachsteuer für anglophone Länder oder ein Verbot der Synchronisierung englischsprachiger Filme. Aus dem Englischen von Michael Adrian und Nikolaus Gramm

Suhrkamp Verlag, 445 Seiten, € 34,95