Sachbücher des Monats: August 2020

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Neuen Zürcher Zeitung, der Literarischen Welt, dem ORF-Radio Österreich 1 und Telepolis.

Christian Metz
Kitzel
Genealogie einer menschlichen Empfindung

Der Kitzel ist ein merkwürdiges Phänomen. Als gemischte Empfindung erzeugt er Lust und Schmerz, Lachen und Abwehr gleichzeitig. Als Berührung ist er so flüchtig, dass er keinerlei Spuren hinterlässt. Kein Wunder, dass er bislang weder in der Humorforschung noch in der Geschichte der Gefühle beachtet worden ist. In seiner Studie zeigt Christian Metz jedoch, dass der Kitzel sehr wohl eine bedeutende Rolle spielt. Ob als historisches Instrument der Folter, Element der Sexualität oder aufregender Nervenkitzel: Von Aristoteles über Platon und Descartes, von Grimmelshausen bis Jean Paul, von Hegel bis Darwin, Nietzsche und Freud führt der Kitzel ein bedeutendes Leben in der Kulturgeschichte. Indem Metz den Kitzel methodisch aufschlüsselt und seinen Narrativen über die Jahrhunderte hinweg nachspürt, gelingt ihm ein Blick auf dessen anthropologischen, philosophischen, kunstgeschichtlichen und - als erzählter Kitzel - literarischen Einfluss.
S. Fischer Verlag, 637 Seiten, € 32,00

Omri Boehm
Israel - Eine Utopie

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich Israel dramatisch verändert: Während der religiöse Zionismus immer mehr Zuspruch erfährt, fehlt es der Linken an überzeugenden Ideen und Konzepten. Die Zwei-Staaten-Lösung gilt weithin als gescheitert. Angesichts dieses Desasters plädiert Omri Boehm dafür, Israels Staatlichkeit neu zu denken: Nur die Gleichberechtigung aller Bürger kann den Konflikt zwischen Juden und Arabern beenden. Aus dem jüdischen Staat und seinen besetzten Gebieten muss eine föderale, binationale Republik werden. Eine solche Politik ist nicht antizionistisch, sondern im Gegenteil: Sie legt den Grundstein für einen modernen und liberalen Zionismus.
Übersetzt von Michael Adrian.
Propyläen Verlag, 256 Seiten, € 20,00
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Albrecht Schöne
Erinnerungen

Zunächst nur für die Enkel begonnen, hat Albrecht Schöne ein Erinnerungsbuch geschrieben. Von der Herkunft, der Prägung durch ein konservativ-protestantisches Elternhaus über die Jugend im NS-Staat, den Krieg und das Studium im zerstörten Nachkriegsdeutschland entfaltet sich ein Lebensgang, in dem erlebte Geschichte und wissenschaftliche Reflexion wie Text und Kommentar zusammentreten. Es folgen die Stationen eines Gelehrtenlebens mit kritischen Blicken auf die Studentenrevolte nach '68 und die Entwicklung der deutschen Universität.
Wallstein Verlag, 334 Seiten, € 28,00

Nikil Mukerji/Adriano Mannino
Covid-19: Was in der Krise zählt
Über Philosophie in Echtzeit

Was tun, wenn existenzielle Entscheidungen ohne sichere Datengrundlage und in größter Eile zu treffen sind? Auch Experten sind vor Denkfehlern nicht gefeit. Hier kann "Philosophie in Echtzeit" helfen. Denn Erkenntnistheorie, Risikoethik und Entscheidungstheorie können beim Ausloten des Ungewissen Klarheit und Orientierung bieten. Am Fall der Corona-Pandemie zeigen die Autoren mit einem Ausblick auf Klima- und KI-Risiken: Was können wir vor, während und nach der Katastrophe wissen - und wie können wir strategisch handeln.
Reclam Verlag, 120 Seiten, € 6,00

Donatella Di Cesare
Von der politischen Berufung der Philosophie

Während in der vollends globalisierten, kapitalisierten und integrierten Welt ohne Außen Krise auf Krise folgt und menschenfeindliche Positionen immer mehr Raum gewinnen, verhält die Philosophie sich eigentümlich konformistisch: In Ethikkommissionen stellt sie hier und da eine zaghafte Empfehlung moralischer Angemessenheit aus und bescheidet sich ansonsten damit, das Bestehende intellektuell mitzuverwalten. Donatella Di Cesare ruft die Philosophie dazu auf, sich wieder ins politische Handgemenge zu begeben und in die Stadt, die globale Polis, zurückzukehren, aus der sie nach dem Tod des Sokrates vertrieben worden war. Getragen von radikalem Existenzialismus und einem neuen Anarchismus zeigt sie, dass in die abendländische Philosophie seit ihrem antiken Anfang eine politische Berufung eingeschrieben war, deren Verdrängung sie um ihr Wertvollstes, um ihre aufklärerische Potenz, bringt.
Übersetzt von Daniel Creutz.
Verlag Matthes & Seitz, 176 Seiten, €22,00

Charles King
Schule der Rebellen
Wie ein Kreis verwegener Anthropologen Race, Sex und Gender erfand

Race, Sex, Gender: Mit diesen Begriffen wird heute gegen Diskriminierung gekämpft. Dass die Biologie den Menschen nicht auf eine bestimmte Rolle festlegt und keine Kultur anderen überlegen ist, erkannte freilich schon eine rebellische Gruppe junger Wissenschaftler um den Ethnologen Franz Boas (1858-1942). Ihre Forschungen widerlegten die Lehren der Rassekundler. Boas selbst unternahm schon früh eine Expedition in die Arktis, erforschte Eskimos und Indianer. Boas und sein Kreis begründeten ein Menschenbild, für das wir noch heute kämpfen.
Übersetzt von Nikolaus de Palézieux.
Carl Hanser Verlag, 508 Seiten, € 26,00
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Jodi Kantor/Megan Twohey
#Me Too
Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung

Monatelang recherchieren Megan Twohey und Jodi Kantor, um die Wahrheit über Harvey Weinstein herauszufinden. In ihren Interviews mit über 80 Frauen beweisen sie erstmals, was die bereits kursierenden Gerüchte besagen: Sexueller Missbrauch und Belästigungen sind an der Tagesordnung. Schauspielerinnen wie Mitarbeiterinnen Weinsteins berichten von Schweigegeldzahlungen und Geheimhaltungsvereinbarungen, die die jahrzehntelangen Übergriffe systematisch verschleierten. Kantor und Twohey gelingt es, Harvey Weinstein zu Fall zu bringen. In diesem Buch erzählen sie nicht nur von bislang unveröffentlichten Details und versteckten Quellen, sie verdeutlichen auch, was die Enthüllung für die daraus erwachsene, weltweite #MeToo-Bewegung bedeutet.
Übersetzt von Judith Elze und Katrin Harlass.
Tropen Verlag, 448 Seiten, € 18,00

Urban Wiesing
Heilswissenschaft
Über Verheißungen der modernen Medizin

Personalisierte Medizin, Gen-Technologie, Künstliche Intelligenz, Big Data - der ersehnte Sieg über Krankheiten und Tod, ja die Verbesserung des Menschen stehen unmittelbar bevor, hört man aus dem Silicon Valley, den Eliteuniversitäten, Forschungslaboren und Startups dieser Welt. Wir nehmen die Verheißungen der modernen Medizin sehnsüchtig und voller Euphorie auf. Aber warum tun wir das? Und was sagt das eigentlich aus über uns und unsere heutige Zeit? Wiesing zeigt: Es gibt ein großes menschliches Bedürfnis nach Heil, das vermeintlich nur die Medizin stillen kann. Doch was ist der Sinn von Medizin im Besonderen und von Wissenschaft generell? Was dürfen wir von ihr erwarten, und was kann sie eben nicht leisten?
S. Fischer Verlag, 160 Seiten, € 20,00
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Sven Plöger
Zieht euch warm an, es wird heiß
Wie wir noch verhindert können, dass unser Wetter immer extremer wird

Ein Hitzerekord jagt weltweit den nächsten, es herrscht extreme Trockenheit und die Wälder brennen großflächig von Alaska bis in die Tropen. Wir merken es alle: Der Klimawandel wird greifbar, er drängt sich uns von allen Seiten auf und ist nicht mehr abzutun. Das Wettergeschehen, das wir heute als Folge unseres Lebensstils erleben, hat uns die Wissenschaft vor 20, 30 Jahren ziemlich präzise vorhergesagt. Wie haben wir darauf bisher reagiert? Ziemlich ignorant. Nur nach außergewöhnlich schweren Unwettern sind wir kurz "aufgewacht" und in vorübergehende hektische Betriebsamkeit verfallen. Der Klimawandel ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Westend Verlag, 240 Seiten, € 19,95
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Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge
Trotzdem

Das Corona-Virus hat uns an eine Zeitenwende gebracht. Beides ist jetzt möglich, das Strahlende und das Schreckliche. Ist der aktuelle Shutdown unserer Gesellschaft auch ein Shutdown unserer Grundrechte? Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge gehen der Frage nach, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet.
Luchterhand Verlag, 78 Seiten, € 8,00
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Besondere Empfehlung des Monats August von Dr. Julia Offe (Molekularbiologin, organisiert seit 2009 Veranstaltungen zur Wissenschaftskommunikation, vor allem Science Slams, bei denen junge WissenschaftlerInnen auf der Bühne ihre Forschungsprojekte präsentieren):

Caroline Criado-Perez
Unsichtbare Frauen
Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses System funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Criado-Perez plädiert für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.

Die Autorin zählt Beispiele aus Medizin, dem Arbeitsmarkt und dem Alltagsleben auf, in denen trotz einer zunehmend "vermessenen" Welt Frauen und ihre Lebenswirklichkeit vernachlässigt werden - mit daraus resultierenden Nachteilen für alle. Häufig liegt dieser "Gender Data Gap" an der Rolle der Frauen als Mütter und Care-Arbeiterinnen, doch auch die biologisch begründeten Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden häufig völlig außer Acht gelassen.
Dieses Buch führt einem vor Augen, dass vermeintlich objektive Daten die Wirklichkeit aufgrund von (oft unbewussten) gesellschaftlichen Vorurteilen oder schlicht methodischer Bequemlichkeit oft verzerrt abbilden und sie stärker von den persönlichen Einstellungen und der kulturellen Prägung der beteiligten Forschenden beeinflusst sind, als viele wahrhaben möchten.
Julia Offe

Übersetzt von Stephanie Singh.
btb Verlag, 496 Seiten, € 15,00
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Die Jury: Tobias Becker, Der Spiegel; Kirstin Breitenfellner, Falter (Wien); Peter Ehmer, WDR 5; Dr. Eike Gebhardt; Daniel Haufler, Berlin; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel; Prof. Dr. Ludger Lütkehaus; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Literaturarchiv Marbach; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, TELEPOLIS; Dr. Frank Schubert, Spektrum der Wissenschaft; Norbert Seitz; Prof. Dr. Joachim Treusch, Jacobs-University, Bremen; Dr. Andreas Wang; Michael Wiederstein, Schweizer Monat; Prof. Dr. Harro Zimmermann; Stefan Zweifel, Schweiz