Sachbücher des Monats: Dezember 2020

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Neuen Zürcher Zeitung, der Literarischen Welt, dem ORF-Radio Österreich 1 und Telepolis.

Ezra Klein
Der tiefe Graben
Die Geschichte der gespaltenen Staaten von Amerika

Die Analyse der Ereignisse, die Republikaner und Demokraten immer mehr zu reinen "Klientelparteien" haben werden lassen, reicht zurück bis in fünfziger Jahre, als die großen Verwerfungen unserer Zeit ihren Ausgang nahmen. Klein zeigt, warum Trump nicht der Ursprung, sondern eine logische Folge dieser Entwicklung ist, und welche Auswirkungen das auf Gesellschaft, Medien und Politik hat. Werden künftig die eigenen Wähler gezielt begünstigt? Ist das Ende der freien amerikanischen Gesellschaft gekommen? Kann die gesellschaftliche Spaltung jemals wieder überwunden werden? Der tiefe Graben offenbart die Versäumnisse und Verwerfungen in der jüngste Geschichte der US-Politik, und ist zugleich eine dringende Warnung an alle demokratischen Staaten, die sich im Prozess einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung befinden.
Übersetzt von Katrin Harlaß.
Verlag Hoffmann & Campe, 384 Seiten, € 25,00
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Barak Obama
Ein verheißenes Land

In diesem ersten Band seiner Präsidentschaftserinnerungen erzählt Barack Obama die Geschichte seiner Odyssee vom jungen Mann auf der Suche nach seiner Identität bis hin zum führenden Politiker der freien Welt. Er beschreibt seinen politischen Werdegang wie auch die wegweisenden Momente der ersten Amtszeit seiner Präsidentschaft - einer Zeit dramatischer Veränderungen und Turbulenzen. Sein Rückblick auf seine Präsidentschaft bietet eine Reflexion über Ausmaß und Grenzen präsidialer Macht und liefert zugleich Einblicke in die Dynamik US-amerikanischer Politik und internationaler Diplomatie.
Übersetzt von Sylvia Bieker u.a.
Penguin Verlag, 1016 Seiten, € 42,00
buchkomplizen

Helmut Lethen
Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug
Erinnerungen

Die Angst vor den Bomben, eine Kindheit im Krieg - damit beginnen Helmut Lethens Erinnerungen, die durch mehr als sieben Jahrzehnte bundesdeutscher Geschichte führen: Der Schock, als er mit achtzehn Jahren in Alain Resnais' Film "Nacht und Nebel" zum ersten Mal mit dem Holocaust konfrontiert ist. Das Gefühl der Befreiung, als er vom biederen Bonn in das viel liberalere Amsterdam zieht, um dort zu studieren. Schließlich das von Aufruhr und Protest aufgewühlte Berlin: Hier demonstriert Lethen 1967 gegen den Besuch des Schahs, und bald agitiert er als Sprecher der Kampagne für ein Kinderkrankenhaus in Kreuzberg an vorderster Front. Die maoistische K-Gruppe schließt Lethen wegen "Versöhnlertums" aus, dennoch trifft ihn der "Radikalenerlass", das Berufsverbot in Deutschland - das sich als unfreiwillige Chance erweist: In den Niederlanden schreibt Lethen die "Verhaltenslehren der Kälte", in denen er das Verhältnis von Geist und Politik im 20. Jahrhundert ausgeleuchtet hat.
Verlag Rowohlt Berlin, 384 Seiten, € 24,00
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Kamel Daout
Meine Nacht im Picasso-Museum
Über Erotik und Tabus in der Kunst, in der Religion und in der Wirklichkeit

Kamel Daoud lässt sich für eine Nacht im Picasso-Museum einschließen und riskiert einen Blick auf das Verhältnis des großen Malers zur Erotik, zur Kunst und zur Philosophie des Westens. Mit dabei ist Abdellah, ein junger islamistisch geprägter Mann, den Daoud sich ausdenkt und dessen Gefühlswelt angesichts der westlichen Zurschaustellung von Nacktheit und Diesseitsbezogenheit er ebenso beschreibt wie seine eigene. Ausgehend vom Begriff der Nacktheit entwickelt Daoud einen Text über das Kunst- und Selbstverständnis des Westens, aber auch über den Gedanken der "Reinigung der Geschichte" und der kulturellen Konkurrenz in der sogenannten arabischen Welt. Er erklärt, warum das westliche Kulturverständnis ebenso wie das Frauenbild einem fundamentalistisch geprägten Menschen wie dem prototypischen Abdellah als Provokation erscheinen muss.
Übersetzt von Barbara Heber-Schärer.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 176 Seiten, € 20,00
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Tobias Roth
Welt der Renaissance

Nichts war undenkbar, alles erlaubt, alles wurde ausprobiert - die italienische Renaissance steht am Beginn des modernen Europa. Durch diese Kulturrevolution entstanden neue Haltungen zur Welt und zur Menschheit, die die westliche Kultur bis heute entscheidend prägen. Tobias Roth entwirft ein Epochenbild, das die Fülle, Vitalität, Widersprüchlichkeit und Innovationskraft dieser Zeit zeigt: faszinierende Jahrhunderte des freien Denkens und des Aufbruchs, in denen Kunst und Kultur blühen und gedeihen wie nie zuvor und nie wieder danach.
Galiani Verlag, 640 Seiten, € 89,00
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Max Czollek
Gegenwartsbewältigung

In Zeiten der Krise leiden Gesellschaft und Vielfalt. Für Max Czollek bieten staatstragende Konzepte wie "Leitkultur" oder "Integration" darauf keinerlei Antwort. Czollek entwirft das Modell für eine veränderte Gegenwart: Wie muss sich die Gesellschaft wandeln, damit Menschen gleichermaßen Solidarität erfahren? Welche liebgewonnenen Überzeugungen müssen wir alle dafür aufgeben? Wie kann in einer fragmentierten Welt die gemeinsame Verteidigung der pluralen Demokratie gelingen?
Carl Hanser Verlag, 208 Seiten, € 20,00
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John Dickie
Die Freimaurer
Der mächtigste Geheimbund der Welt

Von Winkel und Zirkel im Grundstein des Kapitols bis zur Pyramide auf dem amerikanischen Dollarschein - die Symbole der Freimaurer sind eingegangen in die westliche Ikonographie der Macht. Aber wie weit reicht ihre Macht wirklich? Haben die Freimaurer die Französische Revolution ausgelöst? Stecken sie hinter den Serienmorden von Jack the Ripper? Oder steht ihr Griff nach der Weltherrschaft gar unmittelbar bevor? John Dickie entlarvt Mythen und zeigt gleichzeitig auf: Von den aufkeimenden europäischen Nationalstaaten und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bis hin zu Sklavenhandel, Imperialismus und der Frauenfrage haben die Freimaurer eine Schlüsselrolle in den Kerndebatten der westlichen Gesellschaft gespielt.
Übersetzt von Irmengard Gabler.
S. Fischer Verlag, 560 Seiten, € 26,00
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Orlando Figes
Die Europäer
Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur

1843 - Die berühmte Opernsängerin Pauline Viardot reist nach Russland, wo die Eisenbahnstrecken gerade ausgebaut werden und europäische Ideen auf der Tagesordnung stehen. An ihrer Seite der Kunstkritiker Louis Viardot, ihr Ehemann. Während Pauline in St. Petersburg auftritt, kann ein Schriftsteller im Publikum seinen Applaus kaum im Zaum halten. Iwan Turgenew wird von nun an der ständige Begleiter der Viardots sein: Es entfaltet sich eine lebenslange Dreiecksbeziehung, in der sich die Entwicklung einer neuen Epoche spiegelt: die Moderne. In "Die Europäer" erzählt Orlando Figes die Entstehung unseres kulturellen Selbstverständnisses.
Übersetzt von Bernd Rullkötter.
Verlag Hanser Berlin, 640 Seiten, € 34,00
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Philippe Sands
Die Rattenlinie
Ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit

Eine unfassbare Geschichte über Liebe, Intrigen und Spionage rund um die berüchtigte Fluchtroute der Nazis über den Vatikan nach Argentinien. Im Mittelpunkt stehen Leben, Flucht und Tod des SS-Offiziers Otto Wächter, Spross einer der angesehensten Familien Österreichs, zunächst Jurist in Wien und ab 1939 NS-Gouverneur von Krakau bzw. ab 1942 von Galizien. Nach 1945 als Massenmörder gesucht, gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in den Vatikan unter den Schutz des Bischofs Hudal. Doch bevor er sich nach Argentinien absetzen kann, stirbt er 1949 überraschend. Jahrzehnte später begegnet Philippe Sands Ottos Sohn Horst Wächter. Es ist der Beginn einer komplexen Ermittlung: Horst behauptet, sein Vater sei vergiftet worden. Sands beschließt, die Wahrheit herauszufinden. Ausgehend von den privaten Briefen und Tagebüchern der Familie Wächter, gelingt ihm ein intimes, verstörendes Porträt des SS-Mannes und seiner Frau.
Übersetzt von Thomas Bertram.
S. Fischer Verlag, 544 Seiten, € 25,00
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Gerald Hüther
Wege aus der Angst
Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen

Allzu leicht können Menschen sich auf der Suche nach einem glücklichen und sinnerfüllten Leben auch verirren, als Einzelne ebenso wie als ganze Gesellschaft. Sobald wir zu spüren beginnen, dass wir auf Abwege geraten sind, bekommen wir Angst. Und das ist gut so. Die Angst ist unser wachsamster Begleiter. Sie ermöglicht es uns, aus Fehlern zu lernen. Ohne Angst können wir nicht leben. Der Neurobiologe Gerald Hüther geht der Frage nach, wie sich diese, unser Leben schützende Funktion der Angst mit unserer Sehnsucht nach einem angstfreien Leben vereinbaren lässt. Seine Antwort: Menschen können auch lernen, berechtigte Ängste zu ignorieren. Sie können sogar die Erfahrung machen, dass sich eine tief in ihnen spürbare Angst durch eine andere, vordergründig ausgelöste und besser kontrollierbare Angst überlagern lässt. Um bestimmte Ziele zu erreichen, sind wir Menschen in der Lage, Angst sowohl zu unterdrücken wie auch zu verstärken nicht nur bei uns selbst, sondern noch viel wirkmächtiger bei anderen.
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 128 Seiten, € 20,00
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Besondere Empfehlung des Monats Dezember Prof. Dr. Achatz von Müller (em. Prof. für Geschichte der Universität Basel, Co-Direktor des "Zentrums für Theorie und Geschichte der Moderne"):

Achim Landwehr
Diesseits der Geschichte
Für eine andere Historiographie

Die Geschichte - sie ist überall präsent. Seit mehr als zwei Jahrhunderten sind nicht nur westliche Gesellschaften gewohnt, in diesem Kollektivsingular zu denken und mit ihm zu leben. Dieser übermächtigen Gesamtheit alles Geschehen(d)en wird nicht nur eine umfassende Wirkmacht, sondern eine ebenso grundlegende Erklärungsfunktion zugeschrieben. Das paradoxe Ergebnis: Alles hat eine Geschichte, außer die Geschichte selbst. Spätestens jedoch seit sich die europäisch-westlich geprägte Geschichtswissenschaft mit ihrem sehr speziellen Begriff von Geschichte im Rahmen postkolonialer Diskussionen auch mit anderen Verständnissen von Zeitlichkeit und Veränderung konfrontiert sieht, wird deutlich, wie problematisch dieses Geschichtsverständnis ist. Allein, es mangelte an Alternativen. Mit dem zentralen Begriff der Chronoferenz wird in diesem Buch ein theoretischer wie auch in Einzelstudien erprobter Vorschlag für eine andere Art der Historiographie gemacht - ein Vorschlag, der die Fähigkeit des Menschen ernst nimmt, gleichzeitig in und mit unterschiedlichen Zeiten zu leben. Denn keine Gegenwart ist gleichzeitig mit sich selbst.

Ein beherztes und kühnes Plädoyer dafür, den traditionellen wissenschaftlichen Zeit- Ordnungen der Geschichte von der herkömmlichen Chronologie über den Anachronismus bis zur 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' den Abschied zu erteilen. Stattdessen habe Geschichte von Chronoferenzen auszugehen: dem analytisch aufzubrechenden Durcheinander historischer Bezüge multipler Vergangenheiten und Zukünfte zur jeweils sie befragenden Gegenwart.
Achatz von Müller

Wallstein Verlag, 380 Seiten, € 28,00
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Die Jury: Tobias Becker, Der Spiegel; Kirstin Breitenfellner, Falter, Wien; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Daniel Haufler, Berlin; Prof. Jochen Hö-risch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel. Bremen; Dr. Wilhelm Krull, The New Institute, Hamburg; Marianna Lieder, Freie Kritikerin, Berlin; Prof. Dr. Herfried Münkler, Humboldt Universität zu Berlin; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, TELEPOLIS; Dr. Frank Schubert, Spektrum der Wissenschaft; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Uni Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Michael Wiederstein, getAbstract, Luzern; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Schweiz