Sachbücher des Monats: Oktober 2013

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Süddeutschen Zeitung, dem Norddeutschen Rundfunk, Buchjournal, Börsenblatt und Telepolis. (Die Jury )

Heute fragen sich viele Menschen, ob sie noch Christen sind. Andere wollen es wieder werden und suchen nach Wegen. Kurt Flasch erzählt, wie er ins Zweifeln am Christentum gekommen ist. Er bespricht die Hauptpunkte der christlichen Lehre in ihrer katholischen wie evangelischen Form und wendet sich an jeden Gläubigen und an jeden Ungläubigen, der seine Gründe prüfen will, warum er Christ ist. Das Buch bemüht sich um historische Gerechtigkeit, benennt die christlichen Überzeugungen genau und mit geschichtlichem Verständnis, bringt aber an Details nur das, was nötig ist, um zu einem sachlichen Urteil zu kommen.

C.H. Beck Verlag, 280 Seiten, € 19,95

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass das deutsche Kaiserreich wegen seiner Großmachtträume die Hauptverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug. In seinem neuen Werk kommt der Historiker Christopher Clark zu einer anderen Einschätzung. Er beschreibt minuziös die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen und zeichnet das Bild einer komplexen Welt, in der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen zu einer Situation führten, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen, dessen verheerende Folgen kaum jemand abzuschätzen vermochte. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz

Deutsche Verlagsanstalt, 896 Seiten, € 39,99

Ursula Pia Jauch nimmt Friedrich den Großen und das mit ihm verbundene Sonderschicksal der deutschen Aufklärung ins Visier. Rheinsberg und Sanssouci waren hoffnungsvolle Knotenpunkte eines freien und kosmopolitischen Denkens. Aber in Deutschland heimisch geworden ist das "Selber-Denken" (Kant) nur in der Theorie, in der Praxis herrschen Untertanengeist und Obrigkeitsmentalität. Jauch bringt die beiden deutschen Symposien Friedrichs philosophische "Tafelrunde" zu Sanssouci und Kants "Tischgesellschaft" in Königsberg in ein produktives Gespräch und kommt zum Schluss: "Friedrich ist durchaus kein Philosoph; der Machtpolitiker spielt den Philosophen: Das ist gut für die Propaganda. Für das Dahinter gelten die Regeln des strikten Gehorsams." Doch das Spiel, die Gespräche und die Ironie der Geschichte gehen über die philosophischen Männerrunden hinaus; die damaligen Debatten reichen bis in die Gegenwart hinein.

Verlag Matthes & Seitz, 280 Seiten, € 24,90

Die Macht der Liebe und des Todes: Warum uns die Opern von Wagner und Verdi heute noch faszinieren.Ihre Opern beherrschen immer noch die Spielpläne. Zum 200. Geburtstag von Wagner und Verdi führt uns Holger Noltze biographisch zu den wichtigsten Werken der beiden Komponisten und sucht den Grund für ihre anhaltende Faszination. Er findet ihn im gemeinsamen Motiv "Liebestod". Das zuschauende Erleben dessen stillt im vom Alltag beherrschten Menschen die tiefe Sehnsucht nach dem ganz großen Gefühl. Das Buch bietet einen Zugang zu den beiden Ikonen der Oper des 19. Jahrhunderts: eine Einladung an Einsteiger und Liebhaber, Wagners und Verdis Träume kennenzulernen - und dabei auch die eigenen.

Verlag Hoffmann und Campe, 448 Seiten, € 24,90

Warum betrügen wir? Robert Trivers' provozierende Antwort: Lügen ist die erfolgreichste Form der menschlichen Kommunikation. Wir sind Betrüger. Wir betrügen unsere Partner, Freunde, Kollegen, Mitmenschen. Wir betrügen im Privaten und auf dem glatten Parkett der internationalen Politik - mit großem Erfolg. Aber vor allem betrügen wir uns selbst. Wir halten uns für klüger, schöner, besser, als wir wirklich sind. Und das ist auch gut so, sagt Robert Trivers. Denn je besser man sich selbst etwas vormachen kann, umso überzeugender lassen sich die Mitmenschen zum Narren halten. Nachhaltiger Selbstbetrug ist das beste Mittel zum Erfolg. Trivers hat eine allgemeine Theorie der Täuschung und Selbsttäuschung entwickelt, die auf den neuesten Erkenntnissen der Evolutionsbiologie gründet und erklärt, wie wir denken und handeln. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel

Ullstein Verlag, 528 Seiten, € 22,99

Die Zeit Constantins des Großen ist ein Schlüsselwerk der Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert. Es vermittelt ein damals ganz neues Bild des ersten christlichen Kaisers und entfaltet ein Panorama der Zeit, das sich nicht mehr nur auf wenige herausragende Gestalten konzentriert. In diesem Band wird das Werk zum ersten Mal in einer kritischen Edition zugänglich gemacht. Sie präsentiert die erste Auflage von 1853 und die Einträge aus Burckhardts Handexemplar sowie die Ergänzungen der zweiten Auflage von 1880. Damit macht sie deutlich, wie sich Burckhardts Bild von Constantin und der Spätantike insgesamt veränderte und wie er auf die Entwicklungen in seinem Fach reagierte. Die Edition verzeichnet außerdem die von Burckhardt verwendete Literatur sowie seine Quellen und wird durch einen Sachkommentar und Register abgerundet. Herausgegeben von Hartmut Leppin, Manuela Keßler und Mikkel Mangold. Unter Mitarbeit von Ernst Ziegler

C.H. Beck Verlag, Schwabe Verlag, 621 Seiten, € 148,00

Als Albert Camus 1913 in der Nähe von Algier zur Welt kam, deutete nichts darauf hin, dass er eines Tages von Frankreich aus das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägen sollte. Seine Romane und Dramen, seine Essays zur Philosophie und zur Politik handeln von den großen Fragen der menschlichen Existenz: Freiheit, Schuld, Verantwortung. „Die Pest“ und „Der Fremde“, „Der Mythos des Sisyphos“ und „Der Mensch in der Revolte“ faszinieren daher ebenso heutige Leser. Für Martin Meyer ist Camus einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts überhaupt. Sein Buch erklärt Camus' Werk und stellt es in den Zusammenhang seiner Zeit. Zum 100. Geburtstag gilt es Camus als großen Zeitgenossen zu entdecken.

Carl Hanser Verlag, 368 Seiten, € 24,90

Die Korrespondenz zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes dokumentiert das inhaltsreiche und nicht ganz spannungsfreie Verhältnis zweier Intellektueller, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Seite Hans Blumenberg, der eines der eindrucksvollsten Gesamtwerke deutschsprachiger Philosophie des 20. Jahrhunderts geschaffen hat; auf der anderen Seite der Religionsphilosoph Jacob Taubes, der es wie kein Zweiter verstand, Intellektuelle unterschiedlichster Fachrichtungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Briefwechsel setzt 1961 ein, und endet 20 Jahre später. Dazwischen wird allerlei verhandelt: vor allem das Werk Blumenbergs, aber auch die Situation an den Universitäten und die berühmte Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik". Und natürlich geht es auch um Carl Schmitt und Gershom Scholem und nicht zuletzt um den Suhrkamp Verlag, insbesondere die neue Reihe "Theorie", zu deren Herausgebern Blumenberg und Taubes gehörten. Herausgegeben von Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml unter Mitarbeit von Anja Schipke und Stephan Steiner

Suhrkamp Verlag, 349 Seiten, € 39,95

Noch nie, heißt es, ging es uns so gut - doch noch nie haben wir uns so schlecht gefühlt. Die neoliberale Ideologie durchdringt unser Leben inzwischen bis in den letzten Winkel: Sie prägt unsere Selbstwahrnehmung, unsere Beziehung zu unserem Körper, unseren Partnern und Kindern - in anderen Worten, unsere Identität. Offenbar hat die neue Freiheit und Selbstverantwortung eine dunkle Kehrseite. Ihre implizite Botschaft lautet: Jeder kann perfekt sein, jeder kann alles haben. Wer versagt, hat sich nicht genug angestrengt; wer scheitert, ist allein schuld. Beschämung und Schuldgefühle sind die Folge, Wut, Aggression und diffuse Trauer, Selbstzweifel und "bipolare Störungen" - oder gar Täuschung und Betrug, wenn es gilt, die ausufernden Leistungskataloge der modernen Arbeitswelt zu erfüllen. Keineswegs zufällig werden sie uns im Gewande objektiver, wissenschaftlich geprüfter Erfordernisse präsentiert, gegen die aufzubegehren zwecklos ist. Paul Verhaeghezeigt, welche Auswirkungen das Selbstverständnis einer Gesellschaft, die jeden Lebensbereich unter das Diktat der Ökonomie stellt, auf die Psyche der Menschen hat. Übersetzt von Birgit Erdmann und Angela Wicharz-Lindner

Verlag Antje Kunstmann, 252 Seiten, € 19,95

Gier, Angst und Schrecken? Und dann auch noch der Homo oeconomicus! Ist der Finanzkapitalismus vor allem da, um Nicht-Bescheidwisser das Fürchten zu lehren? Georg von Wallwitz unternimmt in seinem zweiten Buch den gewohnt augenzwinkernden Versuch, zu erklären, was wir für unerträglich kompliziert halten: wie "unser" Kapitalismus entstand; wer ihn sich ausgedacht hat; wofür er gut ist und wofür er überhaupt nichts taugt; wie man sein Land ruiniert und wie man es vermeiden kann; wie man der Armut entgeht; warum man Steuern zahlen sollte; Gerechtigkeit und Verteilung; Krisen und Wachstum; Gier und Banken; Real- und Finanzwirtschaft; und: Spielt Geld überhaupt eine Rolle? Voilà die gesamte Ökonomie auf kleinstem Raum und, wie immer bei diesem Autor, mit, möglichst, guter Laune.

Berenberg Verlag, 200 Seiten, € 22,00

Besondere Empfehlung des Monats Oktober von Albert von Schirnding:

Die Autorin stellt die Dekadenz als einen wirkungsmächtigen Topos der kulturellen Selbstthematisierung dar, der speziell um die Jahrhundertwende eine herausragende Rolle einnimmt.Die Studie versteht Dekadenz als eine "große Erzählung" der Moderne, die in der europäischen und insbesondere auch in der deutschsprachigen Literatur des fin de siècle einen herausragenden Stellenwert einnimmt. Mit komparatistischen Ausblicken in die europäische vor allem die französische, aber auch die skandinavische und russische Literatur rekonstruiert Caroline Pross die wissenschaftlichen (insbesondere psychiatriegeschichtlichen) Grundlagen dieses wirkungsmächtigen Topos. Dabei legt die Autorin den Fokus auf Rezeption und Vermittlung der Dekadenz-Theoreme im gesellschaftlichen Diskurs und im literarischen Schreiben. Die literarische "Arbeit am Schema" der Dekadenz wird in einlässlichen Textlektüren dargestellt, dabei werden Romane von Emile Zola, Max Nordau, Gerard Ouckama Knoop, Eduard von Keyserling und Thoman Mann neu erschlossen.

Wallstein Verlag, 438 Seiten, € 34,90

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