Sachbücher des Monats: Oktober 2015

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Süddeutschen Zeitung, dem Norddeutschen Rundfunk, Buchjournal, Börsenblatt und Telepolis. (Die Jury )

David G. Haskell

Das verborgene Leben des Waldes

Ein Jahr Naturbeobachtung

Die Welt in einer Nussschale: Über ein Jahr hat der amerikanische Biologe David Haskell einen Quadratmeter altgewachsenen Wald immer wieder besucht und bis ins Detail studiert. Ausgerüstet nur mit Objektiv, Lupe und Notizbuch, Zeit und Geduld, richtet der Biologe seinen Blick auf das Allerkleinste: Flechten und Moose, Tierspuren oder einen vorbeihuschenden Salamander, Eiskristalle oder die ersten Frühlingsblüten. Und entfaltet mit dem Wissen des Naturforschers und der Beschreibungskunst eines Dichters ein umfassendes Panorama des Lebens im Wald, des feingewobenen Zusammenlebens in einem jahrhundertealten Ökosystem. Eine Grand Tour zwischen Wissenschaft und Poesie, die die Natur in ihrer ganzen Komplexität und Schönheit erfahrbar macht. Übersetzt von Christine Ammann

Kunstmann Verlag, 328 Seiten, € 22,95

Knud von Harbou

Als Deutschland seine Seele retten wollte

Die Süddeutsche Zeitung in den Gründerjahren nach 1945

Im Oktober 1945 wurde die

Süddeutsche Zeitung

gegründet. Die Ausgaben der frühen Jahre sind der Öffentlichkeit kaum mehr zugänglich. Sie erweisen sich als Fundgrube, denn sie spiegeln die Nachkriegszeit mit all ihren Facetten wider: von den Kriegsverbrecherprozessen über die Entnazifizierung und die Entstehung der zwei neuen deutschen Staaten bis hin zu den Nöten des Alltags, die sich sehr eindringlich aus den Inhalten der Inserate ablesen lassen. Aufschlussreich ist auch, was ausgeblendet und worüber wie berichtet wurde. Die damaligen Protagonisten - Redakteure, Politiker, Künstler, Literaten - erhalten durch eine Ausleuchtung ihrer Biografien ein Gesicht. Die Artikel der

Süddeutsche Zeitung

sind eine einzigartige Quelle zur Zeitgeschichte und eröffnen zugleich einen Zugang zum Verständnis der jungen Bundesrepublik.

Deutscher Taschenbuch Verlag, 448 Seiten, € 26,90

Le Monde diplomatique

Atlas der Globalisierung

Weniger wird mehr

Was Wachstum ist, weiß jeder - aber was bedeutet Postwachstum? Das klingt nach einer utopischen Gesellschaftstheorie. Denn in der Wirklichkeit gilt Wachstum immer noch als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und andere Risiken. Ohne Wachstum kein Wohlstand, keine Freiheit, kein Erfolg. Doch auf einem begrenzten Planeten kann es kein unbegrenztes Wachstum geben. Wir ahnen schon lange, dass es so nicht weitergehen kann und dass Wachstum nicht die Lösung, sondern das Problem ist. - Als vor 12 Jahren der erste "Atlas der Globalisierung" von Le Monde diplomatique erschien, war Globalisierung noch ein Expertenthema. Heute lernen die Kinder in der Grundschule, was das ist. Morgen werden sie wissen, wie Postwachstum geht. Weil der Klimawandel stattfindet, weil die Finanzkrise ganze Volkswirtschaften bedroht, weil die industrielle Produktion mehr Rohstoffe verbraucht denn je. Es ist höchste Zeit umzudenken.

taz Verlag, 176 Seiten, € 16,00

Julia Voss

Hinter weißen Wänden

Behind the white Cube

Boomende Museen, schrumpfende Etats, Blockbusterausstellungen, Rekordpreise, Skandale, mächtige Sammler: Zu diesem Tosen und Rauschen des Kunstbetriebs steht die Stille, die einen umgibt, wenn man in einem Museum vor einem Kunstwerk steht, in merkwürdigem Kontrast. Wie funktioniert das Kunstsystem hinter den Kulissen? Was verbirgt sich hinter der weißen Wand?

Merve Verlag, 152 Seiten, € 18,00

Robert P. Harrison

Ewige Jugend

Eine Kulturgeschichte des Alters

Wir vergöttern die Jugend und verstecken das Alter. Das war nicht immer so. Die wechselvolle Geschichte der bevorzugten Lebensphasen verändert den Blick aufs Älterwerden. Unser Alter, so Robert P. Harrison, hängt von der Welt ab, in der wir leben. Unsere Welt treibt einen verhängnisvollen Kult um die Jugend. Wenn eine alternde Gesellschaft die ewige Jugend für sich reklamiert, gibt es am Ende überhaupt keine Jugend mehr. Literatur und Philosophie liefern Harrison reiches Material für Denkanstöße, immer ist bei ihm die Lust am Lesen auch die Lust zu denken. Sein Buch ist eine Kulturgeschichte des Alterns und Gegenwartsdiagnose zugleich. Aus dem Englischen von Horst Brühmann

Hanser Verlag, 288 Seiten, € 24,90

Kursbuch 183

Wohin flüchten?

War das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Lager, wird das 21. Jahrhundert womöglich das Jahrhundert der Flucht-zumindest erscheint es uns so, weil die Katastrophen an der Südflanke Europas mit ihren schrecklichen Bildern sich kaum aus dem Sinn vertreiben lassen. Doch Flucht, Vertreibung und Wanderung gehören immer schon zum Grundarsenal gesellschaftlicher Entwicklungen-Anlass genug, grundsätzlich darüber nachzudenken, woher man flieht, vor allem aber, wohin und warum - und ob es hilft. Herausgegeben von Armin Nassehi und Peter Felixberger

Murmann Verlag, 192 Seiten, € 19,00

Jörg Baberowski

Räume der Gewalt

Jede Erklärung der Gewalt sehnt ihr Ende herbei. Das Leben soll schöner werden und die Gewalt aus ihm verschwinden. Doch die Gewalt war und ist eine für jedermann zugängliche und deshalb attraktive Handlungsoption - und kein "Betriebsunfall" oder "Extremfall". Wer wirklich wissen will, was geschieht, wenn Menschen einander Gewalt antun, muss eine Antwort auf die Frage finden, warum Menschen Schwellen überschreiten und andere verletzen oder töten. Der Historiker Jörg Baberowski legt eine Studie über den sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Umgang mit Gewalt vor.

S. Fischer Verlag, 263 Seiten, € 19,99

Kai Biermann, Thomas Wiegold

Drohnen

Chancen und Gefahren einer neuen Technik

Der Tod aus heiterem Himmel - Tausende hat er bereits getroffen. Ausgelöst wurde er von bewaffneten Drohnen, die nicht zu sehen und nicht zu hören waren, gesteuert von anderen Kontinenten aus, ohne Risiko für das Leben der Angreifer. Drohnen sind die modernsten Waffen unserer Zeit, aber zugleich erweisen sie sich auch als sinnvolle Helfer in der Landwirtschaft, bei der Bekämpfung von Waldbränden oder der Paketzustellung. Dieses Buch gibt einen Überblick über die Geschichte der neuen Technik. Die Autoren sprachen mit Drohnenpiloten und Luftwaffengenerälen, mit Programmierern und Logistikexperten. Sie zeigen rechtliche Probleme auf und liefern einen Ausblick auf die nächste Generation dieser revolutionierenden Technik.

Christoph Links Verlag, 224 Seiten, € 18,00

Douwe Draaisma

Wie wir träumen

Alles, was Sie schon immer über Ihr Nachtleben wissen wollten Ob Flug-, Nackt-, Alb- oder Prüfungstraum, ob erotischer oder prophetischer Traum - Douwe Draaisma kennt sie alle. Und auch die spannenden Geschichten, Analysen und Interpretationen von Traumforschern, Psychologen und Neurologen dazu. Manche Teile unseres Gehirns müssen wachen, während wir schlafen. Sie fangen an, seltsame Geschichten zu spinnen: Eine Prüfung muss wiederholt werden, die man schon vor Jahren bestanden hat. Man trifft Menschen, die nicht mehr leben. Plötzlich steht man nackt zwischen Kollegen, die sich darüber aber überhaupt nicht wundern. Oder man springt von einem steilen Felsen und kann wie ein Adler fliegen. Viele dieser Geschichten lösen sich beim Erwachen in Luft auf und sind schnell vergessen. Oft jedoch werfen sie Fragen auf und beschäftigen einen noch tagelang: Warum muss man im Traum immer durch Examen fallen, die man im wahren Leben längst bestanden hat? Wie kommt es zu der peinlichen Vorstellung, plötzlich irgendwo nackt herumzustehen? Weshalb träumt man, dass man fliegen kann? Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer

Verlag Galiani Berlin, 315 Seiten, € 22,99

Frans de Waal

Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote

Moral ist älter als Religion

Der Primatenforscher Frans de Waal nimmt uns mit auf eine philosophische Reise, bei der die lange Tradition des Humanismus ebenso zu Wort kommt wie das Sozialverhalten im Tierreich. Er untersucht, welche Konsequenzen seine Forschungen für unser Verständnis von moderner Religion haben. Ganz gleich, welchen Einfluss die Religion auf den Moralkodex des Menschen genommen hat, sie ist nicht die Urheberin unserer Moralität. Der Autor fordert die Leser auf, sich konstruktiv mit Fragen wie diesen auseinanderzusetzen: Welche Rolle spielt die Religion heutzutage in einer gut funktionierenden Gesellschaft? Wo können Gläubige und Nichtgläubige Inspiration für eine gute Lebensführung finden? Aus dem Amerikanischen von Cathrine Hornung

Verlag Klett-Cotta, 365 Seiten, € 24,95

Besondere Empfehlung des Monats Oktober von Norbert Seitz:

Dierk Spreen

Upgradekultur

Der Körper in der Enhancement-Gesellschaft

Enhancement, Prothesen, Körper-Upgrade - in letzter Zeit ist eine technologische Durchdringung des Körpers zu beobachten, die als Symptom eines tiefgreifenden gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Wandels hin zu einer Optimierungs- und Upgradekultur zu begreifen ist. Warum sollten die sich generalisierenden Optimierungsimperative vor dem Leib Halt machen? Im Kontext einer zunehmenden technischen Reproduzierbarkeit des Körpers scheint das Individuum von den Schranken seiner natürlichen Konstitution befreit: Medikamentöse und chirurgische Optimierungsmöglichkeiten werden unabhängig von medizinischen Indikationen ebenso aktiv genutzt wie technologisches Enhancement oder verdatete Leistungs- und Gesundheitskonzepte. Dierk Spreen rekonstruiert die Entstehungskontexte des Wertewandels zu einer Upgradekultur und diskutiert Möglichkeiten der sozialtheoretischen Stellungnahme.

transcript Verlag, 160 Seiten, € 19,99