Sachbücher des Monats: September 2013

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Süddeutschen Zeitung, dem Norddeutschen Rundfunk, Buchjournal, Börsenblatt und Telepolis. (Die Jury )

Peter Bieri

Eine Art zu leben

Die Würde ist das höchste Gut des Menschen. Doch was meinen wir eigentlich, wenn wir von Würde sprechen? Peter Bieris neues Buch handelt von diesem zentralen Thema unseres Lebens. Mit einem einzigen Begriff ist die menschliche Würde nicht zu fassen. Bieri nähert sich ihr deshalb als Beobachter: An Beispielen aus dem Alltag und der Literatur entwickelt der Philosoph aus der Schweiz eine Vorstellung von Würde, die von unserem Umgang mit anderen und mit uns selbst abhängt. Würde, so stellt sich heraus, ist keine abstrakte Eigenschaft, sondern eine bestimmte Art zu leben. In klarer Sprache entwickelt Bieri seine Philosophie: eine wahre Schule des Lebens.

Carl Hanser Verlag, 382 Seiten, € 24,90

Nils Havemann

Samstags um halb 4

Seit nunmehr fünfzig Jahren ist die Fußballbundesliga ein wichtiger Bestandteil der Populärkultur, wobei auch wirtschaftliche Interessen eine immer größere Rolle spielen. Nils Havemann nähert sich ihren großen Figuren an – den strahlenden ebenso wie den mediokren – und stellt die Liga vor dem Hintergrund der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dar. Das Buch liefert unter anderem neue Details zum großen Bestechungsskandal 1970/71 und schildert, warum der Streit über die Fernsehrechte bereits ausgebrochen war, lange bevor die Sportschau auf Sendung ging. Zudem kann Havemann erstmals auf der Grundlage belastbarer Quellen Aussagen über die Entwicklung der Spielergehälter treffen. "Samstags um halb vier" bietet Einblicke in die Entwicklung eines Sports, der für viele zum Religionsersatz wurde und sich häufig auf dem schmalen Grat zwischen Faszination und Fanatismus, zwischen Patriotismus und Rassismus bewegt.

Siedler Verlag, 672 Seiten, € 26,99

Ulrike Draesner

Heimliche Helden

Die Klassiker der Literatur: In der erdrückenden Mehrzahl sind sie männlich. Eine Ödnis für Leserinnen? Keineswegs! Ulrike Draesner präsentiert uns ihre ganz eigene Ruhmeshalle männlicher Autoren: präzise, überraschende und respektvoll perfide Porträts von Helden wie Heinrich von Kleist, Thomas Mann, Karl Valentin und vielen anderen. Männer haben es schwer. Denn sie müssen Helden sein. Nicht wenige der "klassisch" gewordenen Autoren haben sich in kriegerischen, heldischen Rollen versucht. Aber hat das Schreiben nicht per se etwas Unheroisches, ja Subversives? Ulrike Draesner spürt den Ursprüngen der Idee vom Helden nach und zeigt Schriftsteller in ihren heldischen und hinreißend unheldischen Posen.

Luchterhand Literaturverlag, 368 Seiten, € 19,99

Rüdiger Safranski

Goethe

Das Goethe-Buch für unsere Zeit: Rüdiger Safranski nähert sich dem letzten Universalgenie aus den primären Quellen – Werke, Briefe, Tagebücher, Gespräche, Aufzeichnungen von Zeitgenossen. So wird Goethe ungewohnt lebendig: Ein junger Mann aus gutem Hause, dem Studentenleben zugetan und dauerverliebt, wird Bestsellerautor, bekommt eine gutdotierte Stellung, dilettiert in Naturforschungen, flüchtet nach Italien, lebt in wilder Ehe – und bei alledem schreibt er seine unvergesslichen Werke. Doch er wollte noch mehr: Das Leben selbst sollte zum Kunstwerk werden. Safranskis Buch macht uns zu Zeitgenossen dieses Menschen und schildert, wie Goethe sich zu Goethe gemacht hat.

Carl Hanser Verlag, 751 Seiten, € 27,90

Klaus Theweleit

Buch der Königstöchter

Am Anfang war die Einwanderung. Am Anfang von was? Am Anfang von dem, was wir heute "Europa" nennen. So ca. 2000 Jahre v. u. Z. (-2000) wandern verstärkt und in mehreren "Wellen" Indogermanen von Nordosten her in die Gebiete ein, die wir heute als "Griechenland" kennen. Die hießen nicht immer so. Wie deren vor-griechische Bewohner sich nannten, wissen wir nicht. Sie schrieben nicht; sie wurden ausgelöscht; oder den Einwandernden assimiliert. Alle Namen, die wir heute haben, sind die der siegreichen Neuankömmlinge; Namen der Kolonisatoren, der "Griechen" eben (die auch noch nicht schrieben als sie eintrafen). Die "Griechen" entwickelten dabei eine besondere Kunst der Erzählung (bzw. des Gesangs); Formen, die wir heute als "Mythos" bezeichnen.

Stroemfeld Verlag, 736 Seiten, € 38,00

Giorgio Agamben

Die Macht des Denkens

Neben seinen Büchern hat der Philosoph Giorgio Agamben kleinere Texte und Essays verfasst, die ebenso nachhaltig die jeweiligen Diskussionen beflügelt haben. Die wichtigsten aus den letzten 20 Jahren hat er in einem Buch versammelt, das nun zum ersten Mail vollständig auf Deutsch vorliegt. Darin begegnen uns alle Motive seines Denkens in überraschender, neuer Form: Ob es sich um die Auseinandersetzung mit Walter Benjamin, Aby Warburg, Max Kommerell oder Martin Heidegger handelt oder um Themen wie Ursprung und Vergessen, Bildlichkeit, Immanenz und Faktizität, immer gelingt es Agamben, seinem Gegenstand ungewöhnliche und überraschende Einsichten abzugewinnen. Übersetzt von Francesca Raimondi

S. Fischer Verlag, 464 Seiten, € 24,99

Hans Jörg Sandkühler

Recht und Staat nach menschlichem Maß

Dieses Buch ist ein auf Fragen des (deutschen) Öffentlichen Rechts - des Verfassungs- und Staatsrechts - und des Völkerrechts konzentriertes Plädoyer gegen metaphysische Konzeptionen des Rechts und für einen vorsichtigen, durch die Menschenrechtsnormen gezähmten, nicht-legalistischen Rechtspositivismus, der Fragen nach der Legitimität von Recht und Staat stellt. In seiner gemäßigten Version räumt dieser Rechtspositivismus eine teilweise Überlappung von Rechten und moralischen Verpflichtungen ein. Er begründet unter Berücksichtigung des inner- und transgesellschaftlichen Pluralismus und des weltweit tatsächlich bestehenden Rechtspluralismus - aber im Gegenzug zu Kultur- und Rechtsrelativismus - die Antwort auf die Frage, welcher Universalismus faktisch möglich ist. Die Antwort lautet: Voneinander abweichende Begründungen für die Anerkennung der Menschenrechte und des ius cogens sind möglich; deren Implementierung, Anwendung und Schutz hat aber die Grenzen des transkulturell und mit universeller Geltung vereinbarten juridischen Kosmopolitismus zu respektieren.

Verlag Velbrück Wissenschaft, 688 Seiten, € 49,90

Eva Weissweiler

Erbin des Feuers

Friedelind (geboren 1918), die Tochter von Siegfried Wagner, gilt als das schwarze Schaf der Familie. Dick und aufsässig wurde sie als Kind von ihrer Mutter Winifred mehr gehasst als geliebt und in strenge Internate und Diätkliniken abgeschoben. Doch Friedelind ließ sich nicht abschrecken und bildete sich zur Expertin für das Werk ihres Vaters und Großvaters Richard heran. Ursprünglich Antisemitin und glühende Verehrerin von Hitler, der als "Onkel Wolf" die Festspiele zu seiner Sache machte, sah sie den Nationalsozialismus immer kritischer und wandte sich schließlich ganz von ihm ab, indem sie nach einem dramatischen Streit mit Mutter und Brüdern ins Exil ging. 1953 kam Friedelind zum ersten Mal wieder nach Deutschland und zu den Festspielen. Sie war schlank, schick und weltläufig geworden, eine Exotin, die daheim umso mehr störte. Neun Jahre lang betrieb sie mit einem Kreis hochkarätiger Dozenten die "Bayreuther Festspiel-Meisterklassen". Nach dem Tod Wieland Wagners im Jahr 1966 eskalierte der Streit mit ihrem Bruder Wolfgang, der den Meisterklassen ein Ende machte und sie selbst aus dem Festspielhaus warf. Nach Stationen in England und der Schweiz starb sie 1991 in Deutschland.

Pantheon Verlag, 386 Seiten, € 14,99

Jürgen Habermas

Im Sog der Technokratie

Seit 1980 versammeln die Bände der Reihe "Kleine politische Schriften" Analysen, Stellungnahmen und Zeitdiagnosen Jürgen Habermas‘. Im titelgebenden Aufsatz dieser Folge knüpft Habermas an seine viel beachteten europapolitischen Interventionen der letzten Jahre an. Angesichts der Gefahr, dass technokratische Eliten die Macht übernehmen und die Demokratie auf Marktkonformität zurechtstutzen könnten, plädiert er für grenzüberschreitende Solidarität. Neben Habermas' hochaktueller Heine-Preis-Rede enthält der Band Porträts von Denkern wie Martin Buber, Jan Philipp Reemtsma und Ralf Dahrendorf sowie einen Aufsatz, in dem der Philosoph sich mit der prägenden Rolle jüdischer Remigranten nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt.

Suhrkamp Verlag, 193 Seiten, € 12,00

Henning Ritter

Die Schreie der Verwundeten

Es ist ein irritierendes Phänomen: Obwohl die Menschheit immer aufgeklärter wird, nimmt die Grausamkeit nicht ab. Im Gegenteil. Die Französische Revolution proklamiert die Menschenrechte und lässt die Köpfe rollen. Der Terror wird zum Begleiter der Moderne, und die Kriege produzieren eine neue Gleichgültigkeit des Tötens. Von Stendhal und Alexis de Tocqueville bis zu Arthur Schopenhauer und William James beginnt ein neues Nachdenken über die Schreie der Verwundeten und die moralischen Verwirrungen, die uns die Moderne zumutet. Henning Ritter schildert in diesem Band die Zwiesprache von Grausamkeit und Mitleid, die zur Signatur eines ganzen Zeitalters geworden ist.

C. H. Beck Verlag, 189 Seiten, € 19,95

Besondere Empfehlung des Monats August von Norbert Seitz:

Bernd Buchner

Wagners Welttheater

Kunst und Politik waren am Grünen Hügel stets eng verflochten. Bayreuth wurde zu Hitlers Hoftheater und verstand es dennoch, sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu erfinden. Der Autor zeigt, wie sich Deutschlands Entwicklung von der Kaiserzeit bis zur Bundesrepublik in der Geschichte der Festspiele spiegelt. Die Bayreuther Festspiele sind ein einzigartiges Phänomen: Wagner baute sich ein Opernhaus, in dem ausschließlich seine eigenen Werke aufgeführt werden, das Unternehmen ist bis heute in Familienhand, die Kartennachfrage riesig. "Hier gilt's der Kunst", so das Meistersinger-Motto und doch spielte die Politik auf dem Grünen Hügel seit jeher eine tragende Rolle. Denn Wagner war ein eminent politischer Kopf, holte sich seine Opernstoffe aus dem Germanenmythos und war ein Verfechter des Antisemitismus. Bayreuth war Wagners Form von Weltpolitik. Dieses Buch analysiert die Festspielgeschichte von der Kaiserzeit bis zur frühen Bundesrepublik. Der Autor zeigt, wie der Grüne Hügel im Kaiserreich zum Sammelpunkt der völkischen Bewegung, danach zur Hochburg der Weimarer Republikfeinde und schließlich zu Hitlers Hoftheater (Thomas Mann) wurde. Und wie in der Adenauerzeit dennoch die vermeintlich unpolitische Wiedergründung der Festspiele gelang.

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 256 Seiten, € 39,90

Anzeige