Sacrificium Intellectus

"Terra X": Ron Howards "The Da Vinci Code", das Weltkino und die Lust am Mystizismus

Beim Filmfestival von Cannes ist "The Da Vinci Code" schon mal durchgefallen: Als Tom Hanks, Audrey Tautou und Regisseur Ron Howard die mit Spannung erwartete Verfilmung von Dan Browns Roman zur Weltpremiere in Südfrankreich vorstellten, gab es unfreiwillige Lacher im Publikum, und am Ende rührte sich keine Hand zum Applaus. Am enttäuschendsten an der überlangen "Terra X"-Folge: Der Film taugt in keiner Weise zum Aufreger. Er provoziert weder Liberale, noch Reaktionäre, nicht Gläubige und nicht Atheisten. So sehr er auch auf die Welle der angeblichen "Rückkehr des Religiösen" setzt, so bleibt er doch Ausdruck eines höchst modernen, aber auch höchst banalen Relativismus.

Forrest Gump und Amélie auf der Jagd nach dem Heiligen Gral - es könnte gut erfunden sein, der Titel eine bissige Satire auf den Hollywood-Wahn nach Patchwork-Stoffen, mit denen alle Segmente eines immer weiter sich ausdifferenzierenden globalen Publikum noch einmal zusammengefügt werden können. Aber es ist so einigermaßen die Wahrheit über das neueste Beispiel jenes neuen Typus von Blockbuster, mit dem die großen US-Studios noch einmal Kasse machen wollen, eines Typus, der - wie "Mission Impossible" oder "X-Men 3" - selbst eingesessene Kino-Genres infiziert: der Typus des Genre-Hybriden.

Ron Howards "The Da Vinci Code", mit dem gestern Abend das 59. Internationale Filmfestival von Cannes eröffnet wurde und der heute weltweit startet, ist ein perfektes Beispiel für zeitgemäßen Blockbuster-Mainstream. Er demonstriert aber genau darum auch perfekt, warum diese Form des Kinos derzeit nicht richtig funktioniert und Hollywood in den letzten Jahren einen Megaflop an den nächsten reiht.

Doch bevor es um den Film geht, muss man wieder einmal zuerst auf das Buch und seine Rezeption kommen, auf Dan Browns angeblich inzwischen 60 Millionen Mal verkauften Megaseller, der bei uns im bekannten Wissenschaftsverlag Bastei Lübbe erschienen ist und "Sakrileg" heißt. Was hier eigentlich das Sakrileg sein soll, das nur nebenbei, ist übrigens so unklar, wie der deutsche Hitchcock-Filmtitel "Der unsichtbare Dritte", bei dem auch völlig offen bleibt, wer denn dies nun sein soll und wo hier eigentlich der sichtbare Zweite ist. Aber Ein-Wort-Titel sind Verlagstaktik, mit der der Verlag die Marke Dan-Brown gelabelt hat: Grob-schrille Umschläge, bluttriefende Buchstaben sorgen für den Rest und markieren die angepeilte Zielgruppe, die irgendwo zwischen literarischen Analphabeten und den Lesern von "P.M. WISSENSCHAFT" liegen dürfte.

Das Buch selbst ist, nun ja, genau die Art von Literatur-Fast-Food, mit der zur Zeit Massenseller gemacht werden: So überflüssig es ist, dass sich die Literaturkritiker mit spitzem Stift an ihnen antipopulistisch abarbeiten, so unangemessen ist es auch, die schlichte Mixtur gegen diese populistisch in Schutz zu nehmen und den Autor wie zum Beispiel in der FAS dadurch zu adeln, dass man immer wieder betont, wie sehr einen der Roman gefesselt habe, wie schnell man sich an die "merkwürdig erwartbaren Satzkonstruktionen, deren Redewendungen wie in einem abrufbaren Computerschreibprogramm vorgefertigt erscheinen", gewöhnt habe und dann einfach nicht mehr aufhören wollte - obwohl ein solcher Befund doch mehr über den Leser verrät als über das Buch.

Richtig gut geschrieben ist es jedenfalls nicht. Stilprobe gefällig?

Als Vernet in dieser Nacht im makellosen Seidenanzug durch die unterirdischen Flure seines Bankinstituts eilte, war er erst sechseinhalb Minuten wach, doch er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Im Laufen sprühte er sich Atemspray in den Mund und zupfte den Knoten seiner Krawatte zurecht. Er war es gewohnt, aus dem Schlaf gerissen zu werden, um sich der internationalen Kundschaft zu widmen, die aus den verschiedensten Zeitzonen der Welt angereist kam. Praktischerweise hatte Vernet die Schlafgewohnheiten der Massai-Krieger angenommen, eines afrikanischen Stammes, der dafür berühmt war, dass die Männer nach dem Erwachen aus tiefstem Schlaf binnen Sekunden in hellwacher Kampfbereitschaft befanden.

"Beim ersten Mal versteht man gar nichts, und beim zweiten Lesen fragt man sich: 'Warum bin ich da nicht gleich drauf gekommen?'" - so hat Hollywoodstar Tom Hanks, der hier die Hauptrolle des Kunsthistorikers und Symbolforschers Robert Langdon spielt, von seiner persönlichen Lektüre-Erfahrung berichtet und damit "The Da Vinci Code" eigentlich ganz gut auf den Punkt gebracht. "The Da Vinci Code" ist ein Trivialschmöker, stilistisch ungefähr auf dem Niveau von Enid Blytons "Fünf Freunde"-Romanen oder den "Drei Fragezeichen", der seine vielen Kapitel immer mit hübschen Cliffhanger-Fragen abschließt, wegen denen man - "und was jetzt?" - das Buch nicht weglegt, obwohl sie sich dann später regelmäßig in Nichts auflösen oder in ein neues Rätsel transformiert werden. Darüber hinaus ist alles erwachsenengerecht noch mit ein bisschen abendländischer Bildung angereichert, in Fast-Food-mäßig konsumierbarer Form versteht sich.

Eine Jahrtausendstory - Jesus - trifft auf die zweite - der Heilige Gral -, vermischt sich mit dem aktuell modischen Interesse am alten Ägypten und immer modischer Paranoia, wie den beliebten apokryphen Bibelschriften, die heute jeder kennt, der sich für derlei Populär-Esoterik interessiert: Jesus war eigentlich ein moderner Hedonist, verheiratet mit - da schau her! - Maria Magdalena, mit der er auch Kinder zeugte - so so -, und die Kirche, die katholische zumal, ist - genau, genau! - böse. Der Heilige Gral, das ist die letzte Nachfahrin Christi, die als fleischgewordener Kelch dessen Blut in der Gegenwart transportiert.

Und die Weltgeschichte ist nicht zuletzt der Kampf zwischen diesen bösen Priestern - Päpste, Opus Dei und so - und guten aufgeklärten Rittern eines Geheimordens, dem neben den Tempelrittern, bisher eher bekannt als eine Art SS der mittelalterlichen Kirche, unter anderen auch Isaac Newton (oder war es doch Helmut?), Descartes und Leonardo da Vinci angehörten, und die der unterdrückten weiblichen Seite des Christentums - obacht, ihr FeministInnen! - wieder zu ihrem Recht verhelfen wollen. Ein paar antikatholische Klischees, göttliche Todesschwadronen und ein fanatischer Albino, der im Auftrag von Opus Dei serienweise mordet, am liebsten aber sich selber geißelt und dabei "castigo corpus meo" oder "Christus gib mir Stärke" murmelt, tun ein Übriges.

So weit, so krude. Zum Glauben, dies sei Teil der christlichen Überzeugung, gehört es ja auch, den Verstand zu opfern, das "Sacrificium intellectus". Aber wer nur einmal Monthy Pythons "Die Ritter der Kokosnuss" oder "Das Leben des Brian" gesehen hat, kann derlei nicht mehr wirklich ernst nehmen und wünscht sich zugleich, die britischen Komiker hätten "The Da Vinci Code" gekannt, um auch mit diesen Motiven ihre Späße zu machen. Andererseits hat immerhin Steven Spielberg in seinen vier "Indiana Jones"-Filmen gezeigt, wie man Geschichte und Mythologie als Steinbruch benutzen, mit Pseudowissenschaft, Paranoia und populären Stars vermischen und daraus durchaus nach dem Muster einer Kindergeburtstagsschatzsuche großartige Kinounterhaltung zaubern kann.

In diesem Sinn ist "The Da Vinci Code" eigentlich genau der Stoff, den globales Blockbusterkino heute braucht. Ron Howards Verfilmung demonstriert aber zugleich perfekt, was an dieser Art Kino derzeit faul ist und wo die Ursachen der derzeitigen Krise gerade der großen Film-Studios liegen könnten: Die Macher haben derzeit, schlicht gesagt, zuviel Angst. Ökonomischer Druck und konservativer Zeitgeist gehen ein fatales Bündnis ein, der Wunsch, es allen recht zu machen, und Angst vor der eigenen Courage lähmen die Fantasie. Denn wer es allen recht machen will, kann schnell alle vergraulen.

So fällt der Film gegenüber der Buchvorlage an Deutlichkeit der Darstellung klar zurück und bleibt überaus keusch: Dass es ihre Großeltern waren, die die Hauptfigur, Kryptologin Sophie Neveu, einst mit traumatisierenden Folgen beim halböffentlichen Ritual-Sex ertappte, bleibt ebenso im Dunkeln, wie der Film ganz auf die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Sophie und Richard am Ende des Romans verzichtet. Mehr als ein väterlicher Kuss auf die Stirn ist nicht drin. Auch gestattet sich Howard keine visuellen Exzesse, keine ironischen Witze à la Spielberg, keine exzentrischen Kameraeinstellungen, keinen Spott auf religiöse Überzeugungen.

Stattdessen reiht er brav und bieder die Szenen des Romans aneinander, um nur ja keinem Zuschauer, insbesondere keinem unter den amerikanischen Sekten, auf die Füße zu treten. Aufregende Bilder liefern allenfalls kurze Illustrationen der minutenlangen Monologe, in denen die Figuren über Feinheiten der Überlieferung oder der Ikonographie der Renaissancemalerei dozieren, und bei denen es dem Zuschauer im Kinosessel so ergeht, wie Sophie Neveu im Buch, wo ihr ob der langen Reden "der Kopf schwirrt".

In der Art des von Fernsehdokumentationen gewohnten "Reenactment" werden historische Ereignisse oder Bilder nachgestellt und verlebendigt. So sieht man das Konzil von Nicäa, die Taufe des Kaisers Konstantin oder das päpstliche Massaker am Templerorden im Schnelldurchlauf in grobkörnigem pseudodokumentarischen Stil und "eindeutiger" Kamerarhetorik auf Volksschulniveau. Überhaupt hat "The Da Vinci Code" größtenteils den Charakter von einer überlangen "Terra X"-Folge, als DVD zum GEO-Sonderheft "Die Jesus-Story" kann man sich den Film auch gut vorstellen.

In einer Hinsicht ist der Film allerdings dem Buch voraus: Am Computerbildschirm demonstriert Sir Leigh Teabing, gespielt von Ian McKellen, seine Theorie der Interpretation von Leonardos Abendmahl, eine Interpretation, die nicht weit von dem entfernt ist, was Arno Schmidt mit den Werken Karl Mays fabrizierte. In zwingenden Bildern visualisiert er mit ihr die von fast allen Wissenschaftlern abgelehnte Legende von Maria Magdalena als der Braut Jesu, den gemeinsamen Kindern und ihrer Unterdrückung durch die Amtskirche. Die Wirkung dieser Bildpassagen auf ein uninformiertes Millionenpublikum ist nicht zu unterschätzen.

Und weil gerade die Katholische Kirche sich der Macht der Bilder wie keine zweite Kirche bewusst ist, kämpft sie erbittert gegen die Verfilmung des Buches. Teabing vertritt die Theorie vom Betrug der Christen durch den römischen Kaiser: "Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, geht auf den heidnischen römischen Kaiser Konstantin den Großen zurück." In Form einer Powerpoint-Präsentation hat Robert Langdon uns schon vorher eindrucksvoll vorgeführt, dass wenig so ist, wie es zu sein scheint, und dass man ein Bild erst dann versteht, wenn man nicht nur Teile sieht, sondern es als Ganzes anschaut.

Robert und Sophie sind darin moderne Figuren - und das gilt für Buch wie Film -, dass sie als Zeichenleser auftreten, als Detektive der Wirklichkeit, die die Welt als ein Reich begreifen, das aus einer Fülle von symbolischen Zeichen zusammengesetzt ist, die man allerdings zu deuten wissen muss. "Symbols are a language", sagt Robert, der "Symbolforscher", und ist auch in diesem Selbstverständnis nichts Geringeres als ein Ikonologe in der Nachfolge Aby Warburgs.

Er hält einen Vortrag über "Das geheime Leben Leonardos - heidnische Symbolik in der christlichen Kunst" und bringt auch damit die Relativierung aller dogmatischen Offenbarungskonzepte von Wahrheit zum Ausdruck. Die Welt als Buch, in dem wir lesen können, sofern wir die Sprache verstehen - das ist ein klassisches Aufklärungskonzept. Und alle drei Hauptcharaktere, auch Teabing und sogar der Polizei-Detektiv Bezu Fache in seiner tumben Art, haben eines gemeinsam: Das moderne Wissen, dass Wahrheit sehr relativ ist.

Reaktionär ist allerdings anderes: Der heimliche Kult des Blutes, den das Buch zelebriert. Abstammung und genetische Identität sind es, die Sophies Aura und Bedeutung begründen, an sie glauben auch die Good Guys des Films, die Guardians und Seneschalle des humanen Ordens Prieuré de Sion, obwohl sie im Film am Ende in ihren Kunststoffblousons wie eine spießige Rentnergruppe auf Butterfahrt erscheinen.

Man kann in "The Da Vinci Code" auch Donald Rumsfelds sehr amerikanischen, verächtlichen Blick auf das "Alte Europa" erkennen, auf Europa als intellektuellen und kunsthistorischen, irgendwie kryptischen Freizeitpark, eine nur noch historische Landschaft aus lauter Ruinen, die nur noch durch amerikanische Symbologen zu entschlüsseln ist.

Zugleich ist der Film ein schönes Beispiel für jenen neuen Mystizismus, der derzeit im Westen grassiert: Einer Suche nach Spiritualität, die sich auf New Age, Esoterik und neue Religionen mehr richtet als auf die alten, angestaubten Angebote. Zugleich belegt dies und der - übrigens kommerziell noch nicht entschiedene - Rummel um den Film aber auch, dass nach dem Ende des 20. Jahrhunderts das Heilige endgültig zum Kommerz und das Spirituelle zum Erfüllungsgehilfen profaner Wünsche abgekühlt wurde.

Das Problem von "The Da Vinci Code" ist also nicht primär, dass es sich um einen paranoiden Okkult-Thriller handelt, wie der "Evangelische Pressedienst" vorab warnend formulierte, sondern dass hier alles aus zweiter Hand ist, dass man sich langweilt und einen alles kalt lässt. Hier zittert nur der Vatikan.

"The Da Vinci Code" mag kein besonders guter Film sein. Weil er aber unsere Vorstellungen von Wahrheit historisiert und Überlieferungen jeder Art relativiert, taugt er zumindest nicht für Dogmatismen welcher Art auch immer. So sehr der Film auch auf das grassierende neue Interesse am Transzendentalen setzt und auf der Welle der angeblichen "Rückkehr des Religiösen" reitet, ist er doch das bewusst vage und vieldeutige Produkt der "condition postmoderne" einer offenen liberalen Massengesellschaft und einer, wie es schon Max Weber nannte, "gott- und prophetenlosen Zeit".

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