Saddam Hussein hingerichtet

Der Tyrann ist tot, alles gut?

Wer wie an welchen Strippen gezogen hat, das werden, wenn überhaupt, die nächsten Tage und Wochen ans Licht bringen. Jedenfalls ging es plötzlich ganz schnell. Das letzte, große Breaking-News-Bild dieses Jahres 2006 liefert der irakische Schnürboden für die Weltbühne: der Tyrann, der exekutiert wird. Das bärtige Monster mit weißem Kragen und italienischen Maßschuhen, das baumeln muss (vermutlich in einem Overall). Auf einmal ging alles ganz schnell. In den frühen Morgenstunden des 30.Dezember wurde Saddam Hussein hingerichtet, wie das staatliche irakische Fernsehen meldete. Ein hochsymbolischer Akt ganz sicher, aber wofür steht er?

Saddam Hussein kurz vor der Exekution. Bis zum Umlegen des Stricks wurde die Hinrichtung übertragen. Bild: al-arabiya

Um noch kurz in der Theatermetaphorik zu bleiben: Es sind längst keine Puppen mehr, die auf Geheiß und Befehl der Amerikaner irakische Regierung spielen – wann hat man zuletzt den Ausdruck „puppet government“ in ernstzunehmenden Publikationen gelesen? Die Entscheidung für den schnellen Vollzug des Todesurteils kam von Irakern. Dass sich die amerikanische Führung damit hochzufrieden zeigt, steht auf einem anderen Blatt. Und dass sie ihre Finger im Spiel hatte, soll nicht vergessen werden.

Der neue Irak wird nicht mehr in Gänze von den USA kontrolliert. Zwar hat die Supermacht nach wie vor erhebliche Einflussmöglichkeiten, aber ob sie die Macht hat, die Anarchie im Land, für deren Aufkommen sie maßgeblich verantwortlich ist, zum Besseren zu wenden, ist eher unwahrscheinlich.

Der Prozess, an dessen Ende Saddam Hussein zum Tod verurteilt wurde, ist fragwürdig und ganz im Sinne der US-Regierung. Die endgültige Beseitigung des Oberschurken ist der letzte verbliebene Kriegsgrund. Doch hatten auch wichtige Mitglieder der irakischen Regierung, die sich in vielen Punkten deutlich von den politischen Zielen der Amerikaner unterscheiden, ihre eigene Rechnung mit Saddam Hussein zu begleichen: Exilanten, deren Biographie deutlich von der brutalen Herrschaft von Saddam Hussein gebrandmarkt ist, wie z.B. Premier al-Maliki, die „Oberschicht“-Schiiten, die in Iran Zuflucht suchten, und die Partei SCIRI. Nicht zu vergessen das schiitische Proletariat, das im Land blieb, weil es keine andere Chance hatte, 1991 den Aufstand riskierte und viel Blutzoll zahlen musste. Seine politischen Vertreter sind die Sadristen.

Wie es heißt, soll von dieser Fraktion, deren spiritus rector Muktada as-Sadr ist, ein entscheidender Impuls für die schnelle Exekution des ehemaligen Gewaltherrschers ausgegangen sein. Immerhin verdankt Muktada, dessen Macht zur Zeit in manchen Zirkeln eher symbolischer Natur sein soll, einen Großteil seiner Anhängerschaft dem Märtyrertum seines Vaters und seines Onkels, die beide einen großen Namen hatten und Saddam zum Opfer fielen. Muktada und die Schiiten, deren Sprachrohr er ist, hatten ganz sicher eine Rechnung mit Saddam offen, die mit der Exekution beglichen wird. Freudenschüsse und Jubel gab es daher bei den Schiiten.

Für außenstehende Beobachter ist das Spektakel, welches gefilmt wird und vom staatlichen Fernsehen gesendet wird, nicht nur aus dem Mitgefühl für zum Tode Verurteilte schwierig, sondern auch angesichts der Tatsache, dass die „politische Kultur“ im Irak derzeit von Rache-Exekutionen geprägt ist.

Die Hinrichtung von Saddam Hussein hat in diesem Zusammenhang nur einen pseudo-legalen Anstrich. In einem Land, in dem der rechtliche Ausnahmezustand zum Alltag geworden ist, fügt sich die Vollstreckung des Todesurteils einer offiziellen Jury ein in unzählbare Hinrichtungen, die für die Vollstrecker allesamt irgendwie gerechtfertigt waren. Ist dem Wahn so beizukommen?

Mit dem Prozess gegen Saddam Hussein waren für manche Iraker Hoffnungen verbunden, dass Saddam erzählen muss, haarklein, was er getan hat, weshalb, wie, warum, wie er das begründet, auf dem heißen Stuhl sozusagen, keine Ausflüchte. Der Prozess gegen ihn war nicht nur in dieser Hinsicht eine Farce. Er posierte nur. Zur Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit im Irak hat der Prozess nicht beigetragen. Dass die Kurden darauf drängten, ihm den Prozess nicht nur wegen seiner Aktionen gegen Schiiten zu machen, sondern auch die Anfal-Kampagne vor Gericht zu verhandeln, ist nur ein Hinweis darauf, dass etwas abgebrochen wurde, was für das gesamte Land nötiger gewesen wäre, als eine schnelle Hinrichtung aus politischen Gründen.

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